Bleierne Schwüle lag über der müden Großstadt. Die Hitze führte zum Produktionsverlust. Ventilatorenanbieter hatten eine gute Zeit. Der Eismann kam auch mit der Produktion kaum nach. Musste nachts noch lange an seinen Eiskreationen arbeiten. Im Getränkemarkt wurden die Wasservorräte knapper. Aber Franz trank am liebsten kaltes Wasser aus der Leitung. Gegen Mittag hatte er nur ein Eis gegessen. Zwei Kugeln. Amarena und Pistazie. Keine neuen Sorten. Zum Abend im Biergarten verabredet. Hatte einen Salat gemacht zum Mitnehmen. Vielleicht nahm er noch einen Steckerlfisch. Ein paar Freunde würden kommen. Wie immer. Ein wenig philosophieren. Oder über Politik sprechen. Vielleicht auch über den Bachmann-Wettbewerb. Aber den fand Franz gar nicht so aufregend. Seine Stirn war noch heil. Das fand Maria auch in Ordnung.
Monat: Juli 2017
das verschwimmende gesicht #2
wenn das portrait kein portrait
das gesicht nicht als gesicht,
die person nicht wiederzukennen
die nase nicht mehr, die ohren
verlaufen, die augen zur höhle
verkommen, das glück den personen
nicht hold zu sein, als modell standen
dem francis bacon, zerrissen das
herz, die kümmernis lastet schwer
wenn malt bacon das portrait, zu
lauern nicht das paradies auf erden, die
hölle nur scheint reserviert
Ins Wasser gesprungen
Schyrenbadwetter. Schon in der Früh war Franz in das Wasser gesprungen. Runden gedreht. Danach putzmunter. An den Schreibtisch. Verse geschmiedet. Wörter gedrechselt. Erst später richtig gefrühstückt. Blickte froh auf seinen Text. Zufrieden biss er in die Semmel.
wintervorrat
duch die wolken, pollocks
wellenschlag, abendstern
lässt auf sich warten, der
fluss spült die worte fort, in
den ohren die musik des
waldes, buchstabe für buchstabe
die seiten gelesen, die verflogenen
küsse schmecken nach wilden
beeren, in der küche kocht der
wintervorrat
rosenblüte #2
die rosenblüte im regen
vergebliche müh die läuse
fressen die blätter, der duft
nicht strömt wenn der regen
rosa, weiße und rote blüten
erleuchten den garten, erfreuen
den besucher, verschwendung
üppige, rauschende fest der sinne
der gärtner schneidet, ob sonne
ob regen, zupft an den blättern
goethes knabe wollt es brechen
das röslein auf der heiden
doch fern vom mord im namen der rose
dem besucher erfreut das herz
aufgeschüttelt wird in der früh
die postkarten werden nicht
verschickt, die gläser gern
weggeräumt, nach der autofahrt
schläft sie unter dem kopfkissen
aufgeschüttelt wird in der früh
zwischen hegel und genet findet
sich kein platz für eigene
gedanken, le sacre du printemps
das grausame opfer, im morgengrauen
keine zeit für aufwühlende
gedanken, van goghs sonnenblumen
feiern jeden sommer auferstehung
die taubenblauen fensterläden grüssen
der geglückte tag beginnt
nicht am nachmittag, die
vögel singen im morgengrauen
ihr konzert, die schreihälse sind
ausgeflogen, die steinpilze
wuchern im wald, die bleistifte
liegen gespitzt in freudiger
unordnung, die semmeln des
bäckers sind noch warm, satt
streift die katze ums haus, der
dielenboden gibt nach bei jedem
schritt, geschwind vergehen die
tag, der wind treibt die wolken
übers haus, an einem geglückten
tag laufen die füsse schneller als
die zunge das wort, die
taubenblauen fensterläden begrüssen
freudig die fremden, an einem
geglückten tag lacht das herz
sein schönstes lachen
Der Sonntagsdepression davongeradlt
Der Sonntagsdepression war Franz davongeradelt. Mit dem Zug nach Prien. Dann durch den Chiemgau. Trotz dunklem Himmel in den See gesprungen. Fette Torte danach. Auch Maria liebte Kuchen. Als die Beine schwer wurden, gingen sie noch in den Biergarten. Radler brauchen eben Kalorien. Der Wind hatte die meisten Leute in die Häuser getrieben. Angenehme Ruhe am Sonntag. Sie wollten erst später mit dem Zug fahren. Keine Eile. Der Chiemsee war aufgewühlt. Segler sah man nur selten. Kohl mochte nun in Frieden ruhen. Als Jugendlicher hatte Franz sich immer für die Tour de France interessiert. War lange her. Erstaunlich, dass die immer noch herumfuhren. Aber es waren eben doch einige für Doping.
wagners walküren reiten über den hügel
wolken jagen einander
im grimm, auf den feldern
erheben sich die sonnenblumen
und grüßen den mais, schafe
zählen kann man später immer
noch, vor dem hof hängt die
wäsche im wind, die räder
werfen ihren schatten, wagners
walküren reiten über den hügel
das wirtshaus öffnet schon lange
nicht mehr, spinnnetze versperren
den weg
Die Welt hatte sich verändert
Die alte Bundesrepublik ihr Kanzler wird zu Grabe getragen. Ein Tag vorher die Ehe für alle beschlossen. Fast scheint es Franz, als käme der verstorbene Kanzler aus einem anderen Jahrhundert. Die Welt hatte sich verändert seit Kohls Kanzlerschaft. Als Kohl an die Macht kam, wäre an Ehe für alle nicht zu denken gewesen. Die deutsche Einheit schien Franz schon ewig da zusein. Und doch, so ewig ist es doch noch nicht her. Er hatte noch die alte DDR bereist. Als Kind mit seinen Eltern. Vater hatte irgendwelche beruflichen Kontakte in Ostberlin gehabt. Geschäfte. Devisen. So genau wusste Franz es nicht. Dass die Mauer fallen würde, hatte er nicht geglaubt. DDR war für ihn wie die Schweiz oder Österreich gewesen. Ein anderes Land. Die gleiche Sprache. Franz hatte Kohl nie besonders gemocht. Aber er war froh, dass die Beerdigung nun doch feierlich vonstatten ging.