Ventilatorenanbieter hatten eine gute Zeit

Bleierne Schwüle lag über der müden Großstadt. Die Hitze führte zum Produktionsverlust. Ventilatorenanbieter hatten eine gute Zeit. Der Eismann kam auch mit der Produktion kaum nach. Musste nachts noch lange an seinen Eiskreationen arbeiten. Im Getränkemarkt wurden die Wasservorräte knapper. Aber Franz trank am liebsten kaltes Wasser aus der Leitung. Gegen Mittag hatte er nur ein Eis gegessen. Zwei Kugeln. Amarena und Pistazie. Keine neuen Sorten. Zum Abend im Biergarten verabredet. Hatte einen Salat gemacht zum Mitnehmen. Vielleicht nahm er noch einen Steckerlfisch. Ein paar Freunde würden kommen. Wie immer. Ein wenig philosophieren.  Oder über Politik sprechen. Vielleicht auch über den Bachmann-Wettbewerb. Aber den fand Franz gar nicht so aufregend. Seine Stirn war noch heil. Das fand Maria auch in Ordnung.

das verschwimmende gesicht #2

wenn das portrait kein portrait

das gesicht nicht als gesicht,

die person nicht wiederzukennen

die nase nicht mehr, die ohren

 

verlaufen, die augen zur höhle

verkommen, das glück den personen

nicht hold zu sein, als modell standen

dem francis bacon, zerrissen das

 

herz, die kümmernis lastet schwer

wenn malt bacon das portrait, zu

lauern nicht das paradies auf erden, die

hölle nur scheint reserviert

Ins Wasser gesprungen

Schyrenbadwetter. Schon in der Früh war Franz in das Wasser gesprungen. Runden gedreht. Danach putzmunter. An den Schreibtisch. Verse geschmiedet. Wörter gedrechselt. Erst später richtig gefrühstückt. Blickte froh auf seinen Text. Zufrieden biss er in die Semmel.

wintervorrat

duch die wolken, pollocks

wellenschlag, abendstern

lässt auf sich warten, der

fluss spült die worte fort, in

den ohren die musik des

waldes, buchstabe für buchstabe

die seiten gelesen, die verflogenen

küsse schmecken nach wilden

beeren, in der küche kocht der

wintervorrat

rosenblüte #2

die rosenblüte im regen

vergebliche müh die läuse

fressen die blätter, der duft

nicht strömt wenn der regen

 

rosa, weiße und rote blüten

erleuchten den garten, erfreuen

den besucher, verschwendung

üppige, rauschende fest der sinne

 

der gärtner schneidet, ob sonne

ob regen, zupft an den blättern

goethes knabe wollt es brechen

 

das röslein auf der heiden

doch fern vom mord im namen der rose

dem besucher erfreut das herz

aufgeschüttelt wird in der früh

die postkarten werden nicht

verschickt, die gläser gern

weggeräumt, nach der autofahrt

 

schläft sie unter dem kopfkissen

aufgeschüttelt wird in der früh

zwischen hegel und genet findet

 

sich kein platz für eigene

gedanken, le sacre du printemps

das grausame opfer, im morgengrauen

 

keine zeit für aufwühlende

gedanken, van goghs sonnenblumen

feiern jeden sommer auferstehung

die taubenblauen fensterläden grüssen

der geglückte tag beginnt

nicht am nachmittag, die

vögel singen im morgengrauen

ihr konzert, die schreihälse sind

ausgeflogen, die steinpilze

wuchern im wald, die bleistifte

liegen gespitzt in freudiger

unordnung, die semmeln des

bäckers sind noch warm, satt

streift die katze ums haus, der

dielenboden gibt nach bei jedem

schritt, geschwind vergehen die

tag, der wind treibt die wolken

übers haus, an einem geglückten

tag laufen die füsse schneller als

die zunge das wort, die

taubenblauen fensterläden begrüssen

freudig die fremden, an einem

geglückten tag lacht das herz

sein schönstes lachen

Der Sonntagsdepression davongeradlt

Der Sonntagsdepression war Franz davongeradelt. Mit dem Zug nach Prien. Dann durch den Chiemgau. Trotz dunklem Himmel in den See gesprungen. Fette Torte danach. Auch Maria liebte Kuchen. Als die Beine schwer wurden, gingen sie noch in den Biergarten. Radler brauchen eben Kalorien. Der Wind hatte die meisten Leute in die Häuser getrieben. Angenehme Ruhe am Sonntag. Sie wollten erst später mit dem Zug fahren. Keine Eile. Der Chiemsee war aufgewühlt. Segler sah man nur selten. Kohl mochte nun in Frieden ruhen.  Als Jugendlicher hatte Franz sich immer für die Tour de France interessiert. War lange her. Erstaunlich, dass die immer noch herumfuhren. Aber es waren eben doch einige für Doping.

wagners walküren reiten über den hügel

wolken jagen einander

im grimm, auf den feldern

erheben sich die sonnenblumen

 

und grüßen den mais, schafe

zählen kann man später immer

noch, vor dem hof hängt die

 

wäsche im wind, die räder

werfen ihren schatten, wagners

walküren reiten über den hügel

 

das wirtshaus öffnet schon lange

nicht mehr, spinnnetze versperren

den weg

Die Welt hatte sich verändert

Die alte Bundesrepublik ihr Kanzler wird zu Grabe getragen. Ein Tag vorher die Ehe für alle beschlossen. Fast scheint es Franz, als käme der verstorbene Kanzler aus einem anderen Jahrhundert. Die Welt hatte sich verändert seit Kohls Kanzlerschaft. Als Kohl an die Macht kam, wäre an Ehe für alle nicht zu denken gewesen. Die deutsche Einheit schien Franz schon ewig da zusein. Und doch, so ewig ist es doch noch nicht her. Er hatte noch die alte DDR bereist. Als Kind mit seinen Eltern. Vater hatte irgendwelche beruflichen Kontakte in Ostberlin gehabt. Geschäfte. Devisen. So genau wusste Franz es nicht. Dass die Mauer fallen würde, hatte er nicht geglaubt. DDR war für ihn wie die Schweiz oder Österreich gewesen. Ein anderes Land. Die gleiche Sprache. Franz hatte Kohl nie besonders gemocht. Aber er war froh, dass die Beerdigung nun doch feierlich vonstatten ging.