Schreibwarengeschäft #2

Das Geschäft war nicht groß. Claudia ging gerne hin und bekam alles, was sie brauchte. Mal holte sie eine Zeitschrift. Mal spielte sie Lotto. Freitags war sie fast immer dort. Noch schnell das kleine Glück ankreuzen. Immer die gleichen Zahlen. Schon seit Jahren. Geburtstage ihrer Familie. Glückszahlen. Sie verriet sie niemanden. Gewonnen hatte sie noch nicht viel. Hier und da ein kleiner Treffer. Doch das Glück würde schon kommen. Claudia glaubte daran. Sie würde es gut brauchen können. Würde ihre Wohnung hübsch machen. Ein neues Sofa wäre schön. Eine Reise mit dem Flugzeug. Raus aus Berlin. Sie wollte immer mal nach New York. Doch mit den Kindern war dies zu teuer. Die Verkäuferin kannte sie schon lange. Sie redeten immer ein paar Worte. Über das Wetter. Über die Gesundheit. Über die Politik. Manchmal auch über das Kochen. Wenn es Mittag war, kochte sie immer was Warmes. Die Kinder waren schon größer. Ihr Mann war schon länger nicht mehr ihr Mann. Hatte sich anders entwickelt. Die drei Kinder musste sie allein durchbringen. Sie hatte oft Nachtschicht. Da verdiente sie mehr. Am Wochenende kaufte sie sich manchmal eine Packung Zigaretten. Hatte Lust, auf dem Balkon eine zu rauchen. Nicht vor den Kindern. Die mochten das nicht. Sie lebte gern in Spandau. War dort aufgewachsen. Weg wollte sie nicht. Nur ein Flug nach New York.

Mandelbaum #2

Im Frühling knallen keine Schneebeeren

Kastanien fallen nicht herab, explodieren wollen die

Blütenknospen, geschwind schiebt der Wind

die Wolken aus der Sonne, der Sperling baut sein

Nest, die Tochter des Priamus schaut hin und wieder

nach dem Rechten, das Unheil kommt und geht

Troja liegt in Schutt und Asche, über seinen Ruinen

blüht zart der Mandelbaum

Waschanlage #2

Die Revolution in Russland hatte die Welt verändert. Manche Chancen blieben ungenutzt. Das Land versank im Stalinismus. Die alten Ordnungen perdu. Der Zar nicht mehr Zar. Franz war nicht groß zum Feiern zumute. Jamaika schickte sich an und machte Kompromisse. Es gab Tage, da wollte Franz mit offenem Fenster durch die Autowaschanlage fahren. Meist machte er es doch nicht. Irgendwann wollte er es aber ausprobieren. Es gibt Tage des Unsinns. Dünner Nieselregen war über der Stadt gelegen. Das Gewand klamm geworden. In der Küche hatte Franz einen alten Ofen. An solchen Tagen machte er ihn gerne an. Hörte dem Holz beim Knistern zu. Hing die Kleidung zum Trocken in die Nähe. Mochte die Wärme, die vom Ofen ausging. Große Wagen am Himmel waren selten geworden. Maria wollte am Abend kommen.  Sie würden suchen.