Schwere Kunst. Für Alf Lechner #2

Schwere Kunst. Stahl. Skulpturen für die Ewigkeit. In München starten – in München landen. So groß wie ein Airbus. 220 Tonnen schwer. Passt in kein Museum. Die Statiker würden den Vogel zeigen. Kein Wind weht. Egal, wer sich dran kratzt. Keine Putzfrau wischt hier das Fett weg. 220 Tonnen Stahl. Rund 200 kleine Autos. Ein Kunstwerk. Was bleibt. Harte Kunst. Dazwischen. In den Orten. Da.

 

Lechner Museum

Kitschera: Lisonka

Lisonka wohnte unweit vom Baikalsee. Groß war der Ort nicht.  Sie hatte nicht viel gelernt in der Schule, war aber immer gut im Kopfrechnen gewesen. Hatte nach der Schule im kleinen Supermarkt Arbeit gefunden. Es gab alles, was die Leute aus Kitschera brauchten. Schön war der Laden eingerichtet. Die Wage war hellblau. Auch die Theke, auf der die Kasse stand. Nur die Kasse war nicht mehr hellblau wie früher. War durch eine neue ersetzt worden.  Warenwirtschaftssystem. Man konnte jetzt sogar mit der Karte zahlen. Zu kaufen gab es Milch und Wodka. Kartoffeln und Kraut. Auch Süßes gab es. Toilettenpapier. Als die Baikal-Amur-Eisenbahn gebaut wurde, entstand der Ort. Vorher hatte Lisonka mit ihrer Familie direkt am See gewohnt. Sie vermisste ihn oft. Hatte Sehnsucht nach ihm. Doch auch die Berge liebte sie. Doch die Baikal-Amur-Magistrale wird nur wenig befahren. Kitschera hat an Einwohnern verloren. Lisonkas Laden macht weniger Umsatz. Ohne die Bahn ist im Ort wenig los. Lisonkas Mann geht öfter am Fluss angeln. Wenn der Fang gut war, brät Lisonka am Abend den Fisch. Oder räuchert ihn. Ob der Supermarkt noch lange auf hat, weiß Lisonka nicht.

Vom Märenträger #2

Ausgestorben scheint der Beruf des Märenträgers. Womöglich ist die Last zu groß geworden. Erzählte doch der Träger Mären von alters her, von Rittern, Hexen, Kriegen.
Aus der Mode gekommen, obdoch im Youtubekanal die eine oder andere Mär gern erzählt wird. Von Recken sonderbar. Mitunter scheint es auch unter der besonderen Spezies der Politiker den einen oder anderen Märenträger zu geben. Schon früher schien
der Ruf des Märenträgers nicht immer der Beste gewesen zu sein, das Brot schwer verdient worden. Auch eingespannt im Geschirr der Wasserglaspoesie ist die
Mär nicht weit, das Brot doch fern. Zu singen von helden lobebæren,wunder hœren sagen. Ganz ohne Wasserglas, zumindest ein Rotwein muss schon sein. So scheint zu tragen der Märenträger den Buckel voller Geschichten. Aber im Drachenblut baden, wer will das schon.

Wladiwostok: Schorotschka II

Schnee bringt nicht nur Schönheit. Schorotschka fuhr im Sommer und Winter. Von Ost nach West. Von West nach Ost. Wladiwostok. Moskau. Weit war die Strecke. 9000 km. Mit dem LKW brauchte er oft zwei Wochen. Hier und da machte er Halt. Zum Essen. Trinken. Für die Nacht. Der Schnee kann heftig sein in Sibirien. Sturm ihn tragen. Die Sicht wird nicht besser. Die Straße schmaler. Langsamer fahren die Autos. Er wird seltener überholt. Meistens. Manche fahren schneller. Bäume und Häuser stehen am Rand. Immer wieder. Gestern Abend. Dunkelheit. Weiße Wand vor Augen. Er konnte nicht mehr bremsen. Das entgegenkommende Auto hatte keine Chance. Mehr Masse der LKW. Er hatte Glück gehabt. Die Straße war länger gesperrt.

Wladiwostok: Schorotschka

Nur die verrücktesten fuhren Woche für Woche von Wladiwostok nach Moskau. Schorotschka hatte nicht die Wahl. Brauchte das Geld. Sein LKW war seine Welt. Irgendetwas gab es immer zu transportieren. Alte oder neue Autoteile waren es meistens. Oder Maschinen. Der Handel zwischen China und Russland blühte. Der Asphalt war besser geworden. Die Straße war im Winter oft weiß. Eine gerade Linie zog sich bis zum Horizont. Auch in der Nacht war die Straße nicht leer. In seinem LKW war genug Platz für eine Kaffeemaschine. Wenn er einstieg, zog er seine Schuhe aus. Die Nächte verbrachte er auf den trostlosen Parkplätzen, die sich um Tankstellen wickelten. Oft grillte er im Winter sich selber etwas. Oder kaufte sich was Heißes am Straßenrand. Immer wurde irgendetwas angeboten. Die Menschen hatten Hunger. Auch Schorotschka hatte Hunger. Hunger auf das Leben. Hier und da sah er eine Frau. Ging in die Bar mit ihr. Brauchte die Wärme. Die Winter kalt. Er hatte genug Platz in seinem LKW. Bei ihm musste niemand frieren.

Baikal: Olga #2

Der Schönheit vom Baikalsee konnte sich Olga nie entziehen. So dunkel und tief das Wasser. Verrückte tauchen auch im Winter hinein. Die umgebenen Berge kahl. Verschlafen die Dörfer im Winter. Im Sommer mehr Touristen. Die Leute, die zu Olga in die Praxis kamen, waren oft alt. Die Falten waren wie die Berge am See. Wollen reden. Hier und dort zwickt es. Bezahlen mit Geld. Oder Naturalien. Gern nimmt Olga geräucherten Fisch. Dass wissen einige. Fisch kaufen muss Olga nur selten. Im Sommer geht sie immer noch ein paar Runden schwimmen. Sie ist nicht mehr die Jüngste. Ihre Kinder wollten die Praxis nicht übernehmen. Sind nach Moskau gegangen. Ein Sohn lebt in Frankreich. Hat immer schon programmiert. Wenn sie im Winter Zeit hat, fährt sie gerne über den See. Sie hat keine Angst, über den See zu fahren. Sie kennt sich aus. Das Eis ist oft fast einen Meter dick. Das trägt LKWs. Aber nicht überall. Manchmal bricht auch ein Auto ein. Am Rand ist der See oft wärmer. Doch Olga hat keine Angst. Vor ein paar Tagen hat man ein Auto aus dem Wasser gezogen.

 

Winter?

Die Wärme ging Franz auf die Nerven. Wollte im Januar mit Handschuhe radeln. Und Wollmütze. Ständig kam er ins Schwitzen, weil er viel zu warm angezogen war. Hart Sehnsucht nach Winter. Eis. Schnee. Musste unbedingt in den Winter. Mehr an Höhe gewinnen wäre vielleicht eine Möglichkeit. In den Bergen sollte noch Schnee sein. In München war Frühling. Oder Herbst. Irgendwas davon. Aber kein Winter. Wollte durch den Schnee radeln. Schneeflocken mit dem Mund auffangen. Vielleicht auch voller Übermut einen Schneeball werfen. Oder mit Maria einen Schneemann bauen. Kein Winter in Sicht. Die warmen Socken konnte er in den Schrank legen. Steinmeier hatte wieder mal ermahnt. Die SPD und CDU/CSU. Ob der neue Bundestag schon am arbeiten war? Man bekam wenig mit. Wer saß da doch noch gleich?

Irkutsk: Olga

Die Kosaken waren nach Irkutsk gekommen. Irgendwann. Früher. Jahrhunderte schon her. Irgendwann gab es auch eine Straße nach Moskau. Warum auch nicht. Viel später erst die Transsib. Zwischen China und Muskat ging manches hin und her. Seide und Pelze und vieles mehr. Im Winter ist hier Eis, Schnee. Kälte. Der Baikalsee zugefroren. Im Sommer ging Olga dort gerne baden. Doch der Sommer war meist nur kurz. Sie liebte auch das Eis. Hatte Schlittschuhe und zog ihre Kreise. An der Universität hatte Olga Medizin studiert. Später eine kleine Praxis am See. Nichts besonders. Hausärztin. Manchmal kam auch jemand mit seinem Hund vorbei. Listwanka ist nicht besonders groß. Die Patienten kommen auch von weiter her. Früher gab es hier Schamanen. Vielleicht gibt es sie immer noch. Olga ist Ärztin. Sie hat studiert. Sie hat nichts gegen Schamanen. Manchmal bringt ihr ein Fischer Fische vorbei. Den Omul mag sie besonders. Am liebsten gegrillt.

Irbit: Prochor

Die Motorräder sieht man nur noch selten in Russland. Zu teuer sind die neuen. Alte sieht man hin und wieder noch. Die großen Zeiten sind vorbei. Aber sie werden noch hergestellt. Irbit liegt hinter dem Ural. In Sicherheit. Drum der Name für das Motorrad. Wurden im 2. Weltkrieg produziert. BMW-Nachbau. Motorrad-Gespann. Heute eine Manufaktur. Prochor hatte sein ganzes Leben Motorräder hergestellt. Auch sein Vater hatte dies gemacht. Er selber hatte ein altes. Für ein neues fehlte das Geld. Die alten sind robust. Fahren auch in der Kälte. Prochor geht gerne zum Eisfischen. Im Beiwagen die Angeln. Der Bohrer. Eimer. Was man so braucht. Mit dem Motorrad auf den zugefrorenen See. Das Eis würde auch einen LKW aushalten. Auf dem See hat er seine Ruhe. Meist nur Männer dort. Sitzen auf dem zugefrorenen See. Haben sich ein Loch gemacht. Sitzen da. Und angeln. Nicht weniger. Nicht mehr. Sie frieren nicht. Die Kälte sind sie gewöhnt. Später trinkt Prochor gern einen Tee. Oder auch Wodka. Aber nicht zuviel. Erst muss er  Fische fangen. Das Leben in Irbit ist ein gutes Leben. Er hat seine Arbeit. Wird satt. Er ist kein Freund von Putin. Aber wen sollte er sonst wählen? Weggehen würde er nicht. Jetzt ist er eh zu alt. Wird eine schöne Rente bekommen. Ein Fisch hat angebissen.

Zwischen den Jahren

Franz war froh. Die Feiertage vorbei. Der Bauch gefüllt. Die Arbeit konnte kommen. Der Schreibtisch wartete. Hatte aber auch in Italien geschrieben. Nicht schreiben ging eh nicht bei ihm. Nicht Kaffee trinken ging eigentlich auch nicht. Alkohol war ihm nicht so wichtig. Nicht lesen wäre auch ein Problem. Die Politik fing endlich auch wieder an zu brummen. Oder war das Arbeit? Dobrindt machte auf starken Mann. Lindner auch. Beide konnte Franz nicht besonders leiden. Taten ihm zu wichtig. Nach dem Wahlkampf war vor dem Wahlkampf. Aber eigentlich sollten Politiker auch zwischendurch mal arbeiten. Dafür wurden sie gewählt und bezahlt. Nicht für den Wahlkampf. Die Zeit zwischen den Jahren war rum. Bilanz war gezogen. Pläne entworfen. Neue Ziele vor Augen. Er musste nicht alle erreichen. Doch er war ein Projektarbeiter. Liebte neue Projekte. Mehr als die alten.