Das Leben in Sibirien war nicht immer leicht für Gruschenka. Der Winter zog sich immer in die Länge. Die Nächte bitterkalt. Auch sie träumte von einer wärmeren Gegend. Doch es war ihr Land, ihre Heimat. Ein Bruder von ihr war nach Deutschland gegangen. Hatte dort Musik studiert. Verdiente mehr Geld als sie. Doch er musste sich auch immer wieder andienen. Gruschenka hatte eine feste Stelle. Darauf war sie stolz. Sie hatte es geschafft. Nicht leicht war die Ausbildung gewesen. Schon mit drei hatte sie mit der Geige angefangen. Immer kalte Finger gehabt im Winter. Auch am Konservatorium war es nicht warm gewesen. Überall gab es Schimmel. Feuchte Luft. Schlechte Fenster. Aber gute Lehrer. Strenge Lehrer. Verstanden keinen Spaß. Musik war Ernst. Dostojewski hatte sie gerne gelesen. Auch die Brüder Karamasow. Sie hat sich immer nach Demokratie gesehnt. Aber deswegen würde sie Russland nicht verlassen. Sie mochte ihre Arbeit. Gestern hatte sie Aida gespielt.
Monat: Januar 2018
Nowosibirsk: Gruschenka
Gruschenkas Familie lebte schon immer hier in Sibirien. Die Transsibirische Eisenbahn überspannte den Ob. Gruschenkas Großvater hatte am Bahnhof gearbeitet, als die neue Brücke und die Transsibirische kam.Weit vom Ural entfernt schon, ganz und gar nicht in Europa. Die Brücke über den Ob blieb nicht die einzigste. Die Romanows haben schon lange nicht mehr ihre Hand auf dem Land. Auch Gruschenkas Vater hatte am Bahnhof gearbeitet. Der Ort, an dem die Brücke stand, war ein größeres Dorf, Nowonikolajewsk, erst später wurde daraus Nowosibirsk, Immer schon teilte sich hier die Welt. Irgendwie war Nowosibirsk immer noch nach Westen schauend und doch auch schon längst Osten. Einmal ist ihr Großvater sogar die ganze Strecke gefahren. War eingeladen worden. Fuhr von Nowosibirsk nach Moskau. Und von dort bis zum Pafizik, bis nach Wladiwostok. Gut 9000 Kilometer Zugstrecke. Großvater hatte gern von der Fahrt erzählt. Auch ihr Vater war einmal die ganze Strecke gefahren. Gruschenka nie. Heute fuhren die meisten mit dem Auto oder LKW. Früher war mehr los gewesen am Bahnhof. Aus dem Dorf war aber längst eine große Stadt geworden. Viele hatten gute Geschäfte gemacht. Gruschenkas Familie hatte immer nur am Bahnhof gearbeitet. Gruschenka hatte dort nicht arbeiten wollen. Aber ihren Mann hatte sie dort kennengelernt. Heute wohnen über eine Millionen Menschen in Nowosibirsk. Gruschenka hatte früh mit der Geige angefangen. Heute spielt sie in der Oper. Sie hat ein gutes Taktgefühl. Muss wohl an den Zügen liegen. Ihr Mann war schnell wieder weggefahren aus Nowosibirsk. War ihm zu kalt gewesen im Winter. Kam aus Odessa.
Tjumen
Tjumen war nicht mehr weit. Schnee lag überall. Kälte kroch in seinen LKW. Bald würde er Hunger haben. Er spürte es schon deutlich. Den Tura hat er schon überquert. Moskau ist hier weit entfernt. Juri fuhr gerne LKW. Er liebte das Unterwegssein. In Tjumem lebte sein Bruder. War reich geworden mit Öl. Hier gab es viel Öl. Tjumen war schnell gewachsen, seit das Öl reichlich floss. Früher war hier BP gewesen. Doch die brauchte man nicht mehr. Juri hätte gern einen Sohn. Doch mit den Frauen hatte er kein Glück. Sein Bruder hatte Kinder. Drei Söhne und ein Mädchen. Die Jungs schlugen sich immer. Juri hatte früher mal in Deutschland gelebt. Dort mehr Geld verdient. Hatte aber auch viel Stress gehabt. Sein Leben war jetzt entspannt. Er hielt an der Tankstelle vor Tjumen. Immer eigentlich. Manchmal tauschte er irgendetwas. Benzin. Oder was anderes. Dort gab es das beste Schaschlik. Am Feuer gegrillt. Während er im Schnee steht. Der Himmel weiß in der Nacht. Schneeweiß. Seine Wangen sind rot. Das Holz gibt reichlich Wärme. Er mochte die Frau vom Imbiss. Sie hatte schöne Augen. Manchmal blieb er länger.
Tante Jewdokija
Tante Jewdokija lebte nicht weit vom Ural. Doch westlich. Am Rand von Europa. Sie hatte nicht viel. Aber einen großen Garten mit alten Apfelbäumen. Von ihrem Mann bekam sie eine kleine Rente. Ihr Haus hatte. Ein Dach. Wasser hatte es nicht. Sie musste immer zum Brunnen gehen. Dies viel ihr nicht immer leicht. Die Toilette war hinter dem Haus. Sie hatte, was sie brauchte. Musste nicht klagen. Warum auch. Der Sommer war kurz gewesen. Doch Äpfel hatte es genug gegeben. Sie musste ja was haben zum Verkaufen. Ein paar Hühner hatte sie. Und Apfelbäume. Sie pflückte die Äpfel noch selber. Füllte sie in Eimer. Weiße Plastikeimer. Wenn der Herbst zu Ende ging, verkaufte sie die Äpfel an der Straße. Unweit von Revda wohnte sie. Direkt vor dem Ural. Die Autos fuhren meist nach Jekatarinburg. Sie ist selber fast nie in der Stadt. Einmal war sie dort in der Kirche gewesen. Kathedrale auf dem Blut. Dort wird dem letzten Zaren gedacht. Wo heute die Kirche steht, ist er 1918 ermordet worden. Sie ist kein Anhänger vom Zaren. Aber von Putin auch nicht. An irgendetwas muss sie doch glauben. Tante Jewdokija mag ihr Apfelbäume. Verkauft die Äpfel pro Eimer. Viel verdient sie damit nicht. Über Putin sagt sie kein schlechtes Wort. Sie will keinen Ärger. Ob es unter dem Zaren besser wäre? Sie weiss es nicht. Zum Leben hat sie genug. Hungern muss sie nicht. Das Wasser tragen fällt ihr manchmal schwer. Schnee fällt schon bei Zeiten. Es ist kalt geworden.
Trinkteufel. Oder Jodelkeller #2
Manchmal überkam ihm Heimweh. Nach früher. Nach Kreuzberg. Heute wohnte er schon lange nicht mehr dort. Aber wenn er von seinem Computer aufstand, sein Büro verließ überkam ihn manchmal so ein Gefühl. Rief dann schnell ein paar Freunde an. Zum Treffen. Auf ein Bier. Musste aber erst heim. Sich umziehen. Mit so einem feinen Stoff konnte er sich da nicht blicken lassen. Während der Woche ging er selten weg. Zu gefährlich. Aber am Wochenende konnte nichts schief gehen. Da wars ihm egal. Ein Bier mehr oder weniger. Trinkteufel. Oder Jodelkeller. Seine Tattoos konnte man in der Arbeit nicht sehen. Wäre ihm unangenehm. Die Öffnungszeiten der Kneipen waren moderat. Heute, nach der Arbeit. Musste sein. Schnell aufs Rad. Kalle hatte Zeit. Franz wollte es sich noch überlegen. Kaufte sich schnell noch Kippen. Das erste Bier war immer das beste. Seine Freundin ging lieber nicht mit. Seine Kinder auch nicht. Die passten nicht rein. Schnell ne Runde am Kicker. Die Nacht war noch lang.
Das Treppenhaus
Täglich ging sie hinunter und wieder hinauf. Früher hatte sie nicht gezählt, wie oft sie rauf und runter und wieder rauf gelaufen war. Heute teilte sie sich die Wege genau ein. Sie wohnt im zweiten Stock. Seit Jahrzehnten. Schon als Kind hatte sie hier gelebt. München. Westend. Nichts besonderes. Kein großes Leben. Wie durch ein Wunder war das Haus im Krieg nicht groß zerstört worden. Fast als einzigstes Haus in der Straße Nur das Dach hatte nicht gut ausgesehen. Im Hinterhof hatte sie früher mit ihren Geschwistern gespielt. Vom Balkon aus sah sie gern den Kindern zu. Als würde sie selber noch rumhüpfen können. Oft waren ihre Füße dick. Wasser. Das Herz war nicht mehr das jüngst. Das Treppenhaus hatte alte Stiegen. Bunte Farbe an den Wänden. Mitunter kam der Putz runter. Das Geländer war geschmiedet. Als Kind war sie runtergerutscht. Beim Krieg waren sie bei Verwandte untergekommen. Auf dem Land. Allgäu. Da hatte es genug zum Essen gegeben. Heute brauchte sie nicht mehr viel. Einmal am Tag ging sie zum Einkaufen. Die Treppe runter. Vergessen durfte sie nichts. Zwei Mal schaffte sie die Treppe nicht mehr gut. Nur wenn es gar nicht anderes ging. Die Luft wurde knapp beim Raufgehen. Zum Glück gab es in der Nähe einen kleinen Supermarkt. Der hatte alles, was sie brauchte. Manchmal halfen Nachbarn beim Tragen. Dann ging es leichter. Das Holz der Stiegen war ziemlich ausgetreten und knarzte bei jedem Schritt. In letzter Zeit hatte sie jetzt immer Turnschuhe an. Hatte der Enkel ihr geschenkt. Sprünge machte sie trotzdem keine damit. Der Enkel war jetzt schon groß geworden. Verdiente sein eigenes Geld. Er kam öfters vorbei. Wenn er kam, hatte sie mehr Hunger. Manchmal brachte er seine Freundin mit. Gern würde sie noch Uroma werden. Auf dem Balkon zupfte sie gern an den Geranien. Die brachte immer der Enkel mit. Im ersten Stock wohnten zwei Familien. Sie verstand nicht immer, was sie sprachen. Die Musik kannte sie auch nicht. Doch letzten Sommer hatte es ein Hausfest gegeben. Zum ersten Mal seit ewiger Zeit. Und die Nachbarn hatten sie gebeten zu kommen. Sie ist lang im Hinterhof gesessen. Hat von ihrer Familie erzählt. Ihr Bruder war gefallen im Krieg. Ihr Mann lang in Gefangenschaft gewesen. War keine schöne Zeit gewesen. Aus Ostanatolien kamen die Nachbarn. Haben auch vom Krieg erzählt. Dann haben sie getrunken und gelacht. Echte Zähne hat sie schon lange keine mehr. Aber auf dem Foto sieht sie sich mit einem wunderbaren Lachen. Bald wird sie 90. Der Enkel will ein großes Fest organisieren. Sie hat ja gesagt, aber nur, wenn die Nachbarn eingeladen werden.
Cenone
So langsam gingen die Familientage in Florenz zu Ende. Weihnachten prachtvoller Bauch. Silvester lustiges Beisammensein mit Freunden und Familie. Auch kein leerer Bauch. Kann es in Italien bei Festtagen nicht geben. Die Geschenke waren bunt verpackt. Die Raketen hatten den Himmel über der Stadt erleuchtet. Die Böllerei schon früh angefangen. Franz und Maria hatten auch getanzt. Gelacht. Getrunken. Franz schien das Leben in Italien oft leichter. Genuss war kein Fremdwort. Gute Laune auch nicht. Würde es eine neue Regierung in Italien geben? Sicher. Aber davon muss man sich nicht die Stimmung verderben lassen. Für ein gutes Essen würde es schon noch lange. Das mit der roten Unterwäsche war Maria nicht so wichtig. Doch um Franz zu beeindrucken, hatte sie eine angezogen. Natürlich hatte es zu Silvester ein großes Abendessen gegeben. Ein cenone di San Silvestro. Wie könnte es auch anders sein. Nach Weihnachten wurde schon dafür eingekauft. Nicht nur das Pana cotta hatte dem Franz geschmeckt. Neujahr waren sie in die Kirche gegangen. Schwer der Kopf. Am 2. Januar würden sie heimfliegen.
Als Nietzsche kam nach Sils Maria #2
Als Nietzsche kam nach Sils Maria und
wanderte über Tal und Berg, der Sonne
entgegen und dem Mond, den Schatten
kommen sah und gehen, da wurde fröhlich
ums Herz ihm, die Gedanken fingen an
zu kommen, als wär gesund er und trunken
vor Glück, die Heiterkeit umgab ihn, drob
in den Bergen, drob in Sils