Jelenia Gora: Tomasz

Immer schon fuhr Tomasz Bus. Immer von Polen nach Deutschland. Von Deutschland nach Polen. Nur selten fuhr er andere Strecken. In Jelenia Gora war er am liebsten. Dort war immer Rast. Aß vom Grill eine fette Käsewurst. Kielbaski z serem. Dann war er zuhause. Daheim. In Polen. Wenn er bei Görlitz über die Grenze fuhr. Wurde Tomasz schon nervös. War schon lang unterwegs von München. Wurde Zeit für was Heißes. Meist mitten in der Nacht. Am frühen Morgen. Die Sonne würde noch brauchen bis zum Aufgehen. Später ging es weiter nach Wroclaw, nach Katowice oder Opale, oder noch weiter, nach Lodz oder Warszawa. Aber erst die Grillwurst. Gab ihm neues Leben. Er war gern unterwegs. Doch in Jelenia Gora war er glücklich.

Die Früchte des Sommers #2

Die Ernte des vergangenen Sommers fast aufgezehrt,

Erdbeer-, Kirsch-, Johannisbeermarmelade längst aufs

Brot gestrichen, auch Aprikosen- und Pfirsichmarmelade

ist rar geworden im dunklen Keller, die geleerten Gläser warten

schon auf eine neue Füllung.

 

Am See den Fisch geräuchert hat der Fischer, in Papier gewickelt,

die Knospen der Obstbäume freuen sich schon auf den Frühling.

Ausreißer #79

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In der neuen Ausgabe sind zwei Texte von mir erschienen. Schaut und lest. Oder fahrt nach Graz…

Ausreißer: Grazer Wandzeitung

in der nacht #2

in der nacht, der unruhigen, der

nacht, der wilden, als wäre kein

morgen, in sicht kein morgen, die

wolken verflogen, galaxien funkeln uns

an, in der nacht, der himmlischen, in

der keiner gehen will, nur bleiben, die zeit

stehen bleibt, der Mond erzählt uns

geschichten, erstrahlt unsere gesichter

 

in der nacht, der schönen

Sonntagmorgen

Der Mann im Mond ist heute Nacht

heruntergefallen, leicht zerbeult sitzt

er im menschenleeren Park, Wollmütze

 

auf dem Kopf, zu seinen Füßen suchen

Krähen ihr Frühstück zusammen. Neben

ihm liegt eine leere Flasche Wodka. Kinder

 

holen beim Bäcker die Frühstückssemmeln.

Vereinzelt fährt ein Radfahrer vorbei. Der

weiße Himmel liegt tief über der Stadt.

 

Autos schlafen noch.

Zgorzelec: Marek

Die Stadt ist alt und doch nicht alt. Früher war sie einmal Vorstadt. Vorstadt von Görlitz. Jenseits der Neiße gelegen. Oder diesseits. Mareks Vater war Soldat gewesen. Mit der neuen Grenze war er hergekommen. Viele Soldaten waren damals in Zgorzelec gewesen. Der Feind war damals im Westen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen fast alle Deutsche fort. Marek hatte in Berlin studiert. War ja nicht weit. Konnte man Wochenende immer heim fahren. Danach war Marek wieder nach Zgorzelec gegangen. Heute arbeitet er in Görlitz,  deutschen Teil der Stadt. Kümmert sich um Europa. Marek sind Grenzen nicht so wichtig, er will sie nicht verteidigen. Fühlt sich als Europäer. Radelt immer mit dem Rad über die Neiße. Von Polen nach Deutschland. Von Deutschland nach Polen. Tag für Tag. Viele Soldaten sind nicht mehr in Zgorzelec.

paris #2

im schatten von flaubert durch die alleen

gewandert, in der sonne geraucht, mittags

auf der parkbank den tauben nachgeschaut

 

sartres sein mit der fußspitze gespürt, keinen

halt gefunden, den geistern von universität

paris VIII davongelaufen, die kinderwägen

 

schiebenden mütter gehen ins café, die libération

unterm arm geklemmt, kein lächeln im louvre

 

im quartier saint-germain-des-prés nach verlorenen

gedanken gesucht, die bilder von godard verloren

Figaro

Trump trieb sich noch in der Schweiz rum. Die Türken schickten Panzer gegen die Kurden. Schulz will ins Kabinett. Wenn es denn eins gibt. Franz überlegte sich schon, ob er nicht auch in die SPD eintreten solle. Schulz als Minister fand er keine gute Idee. Das Seehofer noch was werden wollte, war ja klar. Der ist ja noch jung. VW spannte Affen vor ihr Auto. Weil Abgase so gesund sind. In den Gärten sind die Schneeglocken schon zu sehen. Franz hatte die Handschuhe beim Rad fahren ausgezogen. Frühlingsstimmung Ende Januar. Ein wenig zu früh, kaum Frostnächte bislang. Der wenige Schneefall in der Stadt längst verschwunden. In München nahmen die Faschingsbälle langsam zu, doch auf den Straßen sah man fast nichts davon. Nur in der U-Bahn verkleidete Fahrgäste. Maria fand das lustig. Am Abend gingen sie in die Oper. Rossini. Barbier. Leichte Musik. Sie gingen mit Freunden.

Macht

Als Sturm aufbrauste, der Wahnsinn

kam, Lear mit Donner und Blitz kämpft

die elende Brut, schwarze Wolken

 

verkünden Unheil, der Gram wird ihn

bald brechen. Die Abgabe der Macht, ein

gescheitertes Unterfangen, Blut und Galle

 

fliegen herum, der Hass in den Augen

vergiftet das Herz, der Wahnsinn geht

nicht mehr fort

Krähenschnabel

Im Winter gingen die Krähen auf den

Acker nieder, zwischen den Spuren von

Schnee gewühlt in der schwarzen Erde.

 

Verrotteter Mais zwischen dem Schnabel.

Ausgeruht auf den Strommasten der Nacht

entgegen, Sonnenreste verzieren den

 

Himmel mit einem dunklem Rot. Die

Heiligen Drei Könige sind längst heimgezogen

die Krippe auf dem Dachboden gelandet.