Finsternis

Der finsteren Ödnis nicht entkommen bist.
Zugewachsene Seen liefern dir kein
Zuhause, in den Kehlen viel roter Wein.
Dunkle Täler drohen, abläuft deine Frist.

Leere Schlösser verwesen rasch im Mondlicht.
Davongelaufen ist hier die Ewigkeit.
Tag auf Tag, Nacht auf Nacht, verloren die Zeit.
Zugvögel schreiben keinen Reisebericht.

Knochen lagen in den untoten Höhlen
Schädel an Schädel aufgereiht liegen sie
Im Staub, singen leis die trübe Melodie.

Wer wird die groß´ Finsternis überleben?
Die kahlen Bäume starrten in den Himmel.
Der Gott mochte dort keinen lauten Rummel.

Rennrad

Natürlich machte er viel Sport. Lief durch die Stadt. Fuhr mit seinem Rennrad. Kickte samstags immer mit Freunden. Wenn er Zeit hatte. Philipp arbeitete für eine große Kanzlei. Dickes Ding. Dicke Kunden. Meist macht er was für ein Ministerium. Trug weiße Turnschuhe, wenn er entspannt war. Wenn er zu Kunden ging, dann Lederschuhe. Für seine Kinder hatte er nicht immer Zeit. Aber die waren gut versorgt. Auch seine Frau hatte nicht immer Zeit. Während der Woche kam er nicht immer früh heim. Sie hatten ein Kindermädchen. Die kochte auch. Zumindest an drei Tagen. Er war gut in Form. Drahtig. Muskulös. Hatte gute Zeiten beim Laufen. Zur Arbeit fuhr er meist mit seinem Rennrad. Hatte er aus Italien mitgebracht. Wenn er es geschafft hatte, würde er nach Italien ziehen. Noch ein paar Jahre Berlin. Der Sattel des Fahrrades war hart. Der Asphalt war hart. Er wollte nichts geschenkt. Seine Schwiegereltern hatten eine Datscha. Dort trafen sie sich manchmal am Wochenende. Zum Grillen. Zum Entspannen. Luisa war eine schöne Frau. Sie hatte auch Jura studiert. Philipp trug sein Rad gerne. Sicher ist sicher. Lieber nicht auf der Straße stehen lassen. Luisa hatte lange, blonde Haare. Die drei Kinder hatten die gleiche Haarfarbe. In Berlin-Mitte ließ sich gut leben. Sie hatten eine große Wohnung. Altbau. Genug Platz für alle. Geölte Eiche auf dem Fußboden. Er musste noch ein paar Jahre arbeiten. Dann würde er nach Italien gehen. Irgendwo in der Toskana. Zwischen Florenz und Siena. Der Asphalt war hart.

Manni´s Pilsbar

Eigentlich war immer was los. Oft schon ab zehn Uhr. Micha ging erst später hin. Erst nach der Arbeit. Außer am Sonntag. Sonntags ging er gern zum Frühshoppen. Ein oder zwei Bier war sein Plan. Manchmal wurden es auch drei oder vier. Schnaps trank er in der Früh keinen. In der Pilsbar war Micha nicht allein. Einer war immer da, den er kannte. Meist redete er über Fußball. Hertha. Union. Er mochte die Eisernen. Nicht die Angeber von Hertha. Er liebte ehrlich Arbeit. War selber Heizungsbauer. Gab immer viel zu tun in Berlin. Viele Häuser hatten alte Heizungen. Manni, der Wirt, war nicht immer nüchtern. Aber er sperrte immer zu. Hatte seinen Laden im Griff. Wenn die Gäste nicht zahlen konnten, machte er einen Deckel. Im neuen Monat zahlten sie schon. Er kam zu seinem Geld. Und wenn ´mal jemand länger Kredit brauchte, drückte er ein Auge zu. Für viele war die Pilsbar wie ein Wohnzimmer. Nur ohne Kinder. Und meist ohne Frauen. Frauen war nur selten bei Manni. Wenn, dann waren es sehr trinkfeste. Am Wochenende kamen manchmal andere Gäste. Micha war das nicht so recht. Micha wollte keine Abwechslung. Micha wollte keine Party. Wollte in Ruhe sein Bier trinken. Ein bisschen quatschen. Seine Frau war manchmal ziemlich anstrengend. Hatte sich die Ehe irgendwie anders vorgestellt. Dauernd gab es Streit. Über Politik redeten sie in der Bar auch. Dann gab es manchmal auch Streit. Dann ließen sie es irgendwann wieder sein. Er ging nicht jeden Abend in die Bar. Nicht jeden Abend. Aber Micha mochte das Bier. Mochte sein Wohnzimmer. Irgendwann würde die Pilsbar schließen. Würde die Pacht zu teuer sein. Die ganze Straße hatte sich schon verändert.

Café Praha

Als er noch jung war, war er oft im Café Praha gewesen. Gerne kleines Frühstück. Tasse Kaffee, 2 Brötchen, Konfitüre 40 g, Butter 10 g, 1 eingekochtes Ei. Er hat nie nachgewogen. Alles akkurat aufgeführt. Deutsches Frühstück eben. Die Deutschen waren ordentlich. Immer schon. Ost wie West. Er selber hasste Unordnung. Das Café Praha war ordentlich. Selten nahm er das große Frühstück. Mit Kännchen. Aufschnitt. Hatte 4,50 gekostet. Das kleine nur 1,95. Das konnte er sich gut leisten. Gerne verabredete er sich hier mit Frauen. Die liebten das Café. Gerne spendierte er dann ein Eis. Eisbecher Carmen kam gut an. Dann musste er sich keine Sorgen machen. Dann lief alles wie geplant. Er suchte immer ein Abenteuer. Und neue Mitarbeiterinnen. Sein Staat musste gewappnet sein. Brauchte Informationen. Ein Eisbecher Carmen war da schon drin. Aber er musste natürlich liefern. Nur Vergnügen ging nicht. Er brauchte Informationen. Immer wieder. Immer neue. Er saß gerne im Café Praha. Wegen ihm hätte die Mauer nicht fallen müssen. Er mochte die DDR. Liebe wäre zuviel gesagt. Sie war übersichtlich. Später trank er eine Club-Cola.

Der Schnee

Der Schnee bringt nicht nur Schönheit. Er fuhr sommers wie winters. Von Ost nach West. Von West nach Ost. Weit waren die Straßen. Hier und da Halt. Zum Essen. Zum Trinken. Für die Nacht. Der Schnee kann heftig sein. Sturm ihn tragen. Die Sicht wird nicht besser. Die Straße schmaler. Langsamer fahren die Autos. Es wird seltener überholt. Meistens. Manche fahren schneller. Manche auch zu schnell. Schauen in den Rückspiegel. Bäume stehen am Rand, Häuser. Dunkelheit kommt schnell. Weiße Wand vor Augen. Er konnte nicht mehr bremsen. Das entgegenkommende Auto hatte keine Chance. Sein LKW hatte viel mehr Masse. Er hatte Glück gehabt. Masse. Er hatte Glück gehabt. Nicht nur Schönheit bringt der Schnee.

Peter

Hagenbecks Tierpark gab es schon lange als
ein Tierfänger mich gefangen hatte aus
Afrika stammte ich, brachte mich zum Graus
zum wild Beglotzen, erspare die Details.

Rotwein habe ich trinken gelernt seit ich
unter Menschen lebe, Flasche um Flasche
wurde ich zum Menschen, Woche um Woche
trainierte ich, war immer zum Mensch´ freundlich.

Freiheit? Was ist schon Freiheit. Was anderes.
Für mich zählte Bildung. Im Zoo wollte ich
nicht landen. Da wäre ich sehr unglücklich.

Für mich fand ich hier etwas viel besseres
So spreche ich an der Akademie als
Affe. Mit ihnen plane ich größeres.

Heißmangel

Das Bier war ihm lieber in Berlin. Hier konnte er immer noch zum Spätkauf gehen, wenn der Durst kam. Und er hatte oft Durst. Seine Frau schimpfte ihn hin und wieder. In letzter Zeit öfters. Doch er verdiente gutes Geld. Arbeitete für ein Ministerium. War dort begehrt. Kam oft erst spät heim. Am Wochenende besuchte er manchmal seine Mutter. Die lebte in Brandenburg. An der Havel. War ihm zu klein gewesen. Zu spießig. Seine Mutter war immer in Brandenburg geblieben. Wie seine Großmutter. Mutter hatte eine Heißmangel betrieben. Keine große Sache. Immer viel Arbeit. Bettwäsche. Tischdecken. Tom hatte den Duft der frischen Wäsche immer gemocht. Tom hatte die Falten von der Mangel immer geliebt. Aber hatte die Kleinstadt immer gehasst. Ist nach dem Abitur sofort nach Berlin gegangen. Hat dann auch in den USA studiert. Das Geschäft der Mutter gab es schon lange nicht mehr. Nur das alte Schild hing noch über dem Fenster. Der Putz viel von den Wänden. Das Haus hatte schon bessere Zeiten gesehen. Jeden Tag hatte sie Wäsche gemangelt. Nur nicht am Sonntag. Urlaub war drin gewesen. Zwei Wochen im Sommer. An die Ostsee. Weiter war sie nie gekommen. Weiter hatte sie nie gewollt. Danach hatte sie wieder aufgesperrt. Heute taten ihr oft die Beine weh. Krampfadern. Vom vielen Stehen. Sie hatte immer gearbeitet. Den Vater von Tom hatte sie früh weitergeschickt. Viel zu früh geheiratet. Viel zu früh das Kind bekommen. Auch heute mangelte sie noch Wäsche. Für Nachbarn. Ihre Rente war knapp. Von Tom würde sie kein Geld annehmen. Dazu war sie zu stolz. Tom durfte nicht wissen, dass sie noch ein wenig dazu verdiente. Tom blieb nie lang in Brandenburg. Früher war er öfters hingefahren. Tom holte noch ein Bier. Wenn er in Brandenburg war, musste er danach immer ein Bier trinken. Der Spätkauf hatte noch auf. Der Spätkauf hatte immer auf.

Georg B.

Frühlingshaft war der Sonntag, das Schreiben des
Briefes ging leicht mir von der Hand. Warum er
einen Bart trug in der Fremde? War weit der
Freund, in Russland, er wollte viel Größeres.

Vieles hatte sich geändert seit Mutters
Tod, das Geschäft brummte, wuchs und wuchs schneller.
Die Verlobung war bald, mir war bald wohler
nach dem Brief, früher sahen wir uns öfters.

Wild stritt ich mit dem Vater, wilder immer
wilder, bis er sein gnadenloses Urteil
fällt, sein hartes mich vernichtendes Unheil.

Ohne Zweifel lief ich rasch aus dem Zimmer.
Ich musste zum Wasser, zum Fluss, kein Halt mehr,
ich stürzte in die Fluten, war viel Verkehr.