der giersch spannt seine wurzeln aus

auf dem rad fliegt die landschaft

dahin. der fluss schiebt die steine

vor sich her. dort und hier ein specht

 

bei der arbeit. fleissig bauen die sperlinge.

das kalte wasser lädt nicht ein. flussaufwärts

fester in die pedalen.

 

eingezwängt in ein künstliches bett bleibt

dem fluss keine luft zum atmen. gerne würde

er ein paar schleifen drehen. ab und an springt

 

eine bachforelle dem angler davon. für rast

bleibt keine zeit. der giersch spannt

seine wurzeln aus. erst als die beine

 

brennen, endet die fahrt. die vögel sind lange

noch nicht müde. das wasser fließt weiter

hinab.

die kühe sind der wiese verlorengegangen

das land schnell durchfahren, kein

tempolimit hat uns gehindert. auch

die reise mit dem zug lässt die großen

städte schnell näherkommen. für das

 

meer, die berge braucht es etwas

länger. doch bin ich in den bergen, was

geschieht mit der gewonnen zeit?

ratlos laufe ich umher. die diesellok

 

längst im museum. im zug immer

vernetzt, keine mail verpasse ich. auf der

autobahn geht es nie schnell genug. der

motor muss ja endlich einmal ausgefahren

 

werden. wie halten das nur die franzosen,

schweizer, italiener aus? der gelbe

löwenzahn färbt die wiesen. die kühe

sind ihr verlorengegangen.

voller ungeduld

der hölzerne steg führte

weit aufs wasser, die möwen

schrien ein lied uns ins ohr,

 

segelboote lagen am ufer in

wartestellung, noch wagten

sich wenige hinaus, badende

 

übten noch in der halle für den

kühlen sprung, sonnenmilchverkäufer

hatten ihre regale gefüllt. der fischer

 

räucherte seine renken, die zart belaubten

bäume spenden schatten, ungeduldig

warten wir auf den sommer.

der zitronenbaum #2

das land, wo die zitronen blühen,

gelbe, saure früchte, kennst du es,

das land, goethe fand sie auf sizilien.

ein land der liebe und des glücks,

 

so scheint es fast ein paradies.

doch entstand, zum schutz der

schönen gelben frucht, zum schutz

der wunderbaren bäume, die

 

cosa nostra. entstand doch unter dem

zitronenbaume, nicht weit von

palermo, in einem zitronengarten.

aus der mode gekommen ist wohl

 

der handel mit zitronen. und doch, so

schön das land, wo die zitronen

blühen, so schön das land.

als wäre schon sommer

fliegende dichter allenthalben, rum

um kirche, baumkrone, kerouac

hinterhergelaufen, vollkommen

nüchtern unmöglich, als wäre schon

 

sommer, der himmel voller sternschnuppen,

die vögel bilden am firmament steile

formationen, burroughs schaut uns

über die schultern, während wir über

 

die felder laufen, das korn streichelt

unsere beine, das pflaumenmus hängt

noch an den bäumen, die ziegen sind

längst ausgebüchst, der buchsbaum zerfressen

 

immer weiter laufen wir ins abendrot

der kadaver des zusammengefahrenen

rehs umgarnt von einem haufen fliegen

kein storch wartet auf uns.

in der u-bahn #2

abendgedränge. längst

sind die sitzplätze besetzt.

studenten müde der professoren.

schnell muss die mutter mit

 

ihren kindern vom hort zum

einkaufen. nächster halt odeonsplatz.

die stehplätze werden knapp,

geschiebe, körper an körper.

 

wer kein handy in der hand hat,

muss rentner sein. oder kind. hier

und da, fast verloren, menschen,

die miteinander reden. verschiedene

 

sprachen dringen ans ohr.

porschefahrer nicht anwesend.

marienplatz. die u-bahn spuckt die

fahrgäste aus. schnell zur s-bahn.

 

rauf in die fußgängerzone. in dem

bauch der stadt gewimmel. vorbei

ein passant, zieht in einem

holzwagen ein gans hinter sich her.

 

als hätte er sich verirrt. doch

dies ist nur scheinbar.

Kartographie #9 Silberhornstraße

Zum Franz musste Maria nur eine U-Bahn-Station fahren. Oder laufen. Sie mochte den Bahnhof Siberhornstraße. Knallorange. Kräfte Sonne unter der Erde. Frei von Säulen der ganze Bahnsteig. Wer wollte, nahm von hier die Straßenbahn nach Grünwald. Doch Maria mochte Grünwald nicht. Obwohl die Fahrtstrecke sehr schön war. Lieber unter der Erde die Sonne. Manchmal lief sie den Berg zum Franz auch zu Fuß rauf. Obwohl die Sonne auch auf der Erde schien, hatte sie heute keine Lust. Sie ging auf der Tegernseer Landstraße noch ein paar Kleinigkeiten fürs Frühstück einkaufen. In der TeLa war eigentlich immer was los. Sie war die Herzkammer von Obergiesing. Und der Bauch. Bis vor ein paar Jahren hatte es in der Unteren Grasstraße noch einen richtigen Bäcker gegeben. Hatte ihr der Franz erzählt. Einen Bäcker, der seine Semmeln noch mit der Hand gemacht hat. Doch der Angerbauer hat aufgegeben. Keinen Nachfolger gefunden. Samstags musste man immer Schlange stehen. Die besten Semmeln weit und breit. Franz hat wohl auch den Kuchen dort sehr geliebt. Nutzte nichts. Maria kaufte die Semmeln woanders.

die spargelstecher krümmen ihre rücken

unbehaust die felder, der

aprilwind treibt die vögel vor

sich her, die raben wehren

sich tapfer gegen den späten

 

schnee, die mützen der radfahrer

sind tief ins gesicht gezogen

der bauer flügt für die saat

den acker, zieht wellen

 

über das land. die sonne

verliert gegen die wolken

den kampf. die spargelstecher

krümmen ihre rücken, später

 

karren die alten busse sie wieder

in ihre schlafstätten. der sohn

des bauern heult mit seiner

crossmaschine über die rauen

 

wege. kühe sieht man hier keine.

schweine haben schon

lange keinen ausgang mehr. ein

verlaufender hahn kräht um sein leben.

Kartographie #8 Stachus

Maria war mit dem Zug aus Florenz gekommen. Sie tat noch ein paar Schritt. Ging vom Hauptbahnhof zum Stachus. Der Brunnen hatte noch kein Wasser. Wollte sich wie eine Touristin fühlen und setzte sich an den Rand. Schaute den Leuten zu. Den Autos. Nachher ging sie ins Fastfoodrestaurant wie so viele Touristen. Aß ein paar Pommes und einen Burger. Als wäre sie im Urlaub in Monaco. Dabei lebte sie ja gerade in München. Ostern bei der Familie und bei Freunden hatte sie genossen. Aber nun war sie froh, wieder in München zu sein. Freute sich auf Franz, der auch bald kommen würde. Der Stachus hatte immer etwas besonderes für sie. War immer der Ort gewesen, von dem sie München erobert hatte. Ging immer vom Hauptbahnhof zum Stachus. Manchmal ging sie dann noch durch die ganze Fußgängerzone, als wär sie zum ersten Mal da. Schaute wie Touristen schauen. Wenn die Geschäfte schlossen, wurde es hier ruhig. Die Münchener waren dann nicht mehr hier. Warum auch. Maria hörte noch einem Musiker zu, der am Stachus spielte. Dann würde sie heimfahren.

beuys und das fett #2

mit ata. jeder kriegt sein fett weg. auch beuys.

das scheuermittel für alle

schwierigen fälle.

jeder ist ein künstler.

kunst kommt von können.

jeder kriegt sein fett weg.

jeder hat das rechts, sich in wort,

schrift und bild frei zu äußern, jeder,

jeder ist ein künstler.

butter verschmiert, einfach so,

5 kilo butter, hat beuys.

ein riesiges butterbrot.

nur ohne brot. ein fetter haufen.

jeder ist ein künstler.

fett ist kunst,

fette kunst. entsorgte ein fleißiger

hausmeister das fett. die alte butter.

längst ranzig.

das alte butterbrot ohne brot. 9 monate

nach beuys tod. aufgeräumt.

saubergemacht. mit ata.

dem wunderscheuermittel.

völlig zerstört, das fette kunstwerk

völlig zerstört. die geretteten reste

des kunstwerks, in einem mülleimer entsorgt,

später zu schnaps destilliert.

juristischer streitwert für 5 kilo butter:

40.000 dm.