Der Kastanienbaum vor Franz Arbeitszimmer blühte rosa. Die Wörter fielen ihm nur so auf den Tisch. Vorsichtig schrieb er sie auf. Mit dem Bleistift, mit der Schreibmaschine. Er liebte das Handwerk. Gerne wäre er Schreiner geworden. Nur die Maschinen waren ihm zu laut. Aber der Klang seiner Schreibmaschine war ihm recht. Nein, nicht immer. Doch mit Blick auf den Baum, auf die aufgeworfene Rinde, wollte er nicht am Computer arbeiten. Gewitterstimmung lag in der Luft, die Wolken zogen sich zu. Ob er am Abend draußen sein könnte, würde sich noch zeigen.
Monat: Mai 2017
Fliederbusch
Durch den Mai radelte Franz gerne, als flöge er durch den Fliederbusch. Schön fingen die Kastanien an zu blühen. Am Kiosk schnell ein Bier geholt und an die Isar gesetzt und gewartet, bis die Sterne herunterfielen. Noch waren die Nächte nicht so warm wie im Sommer, aber mit einer Decke hielt er es gut aus. Die Luft war mitunter arg mit Süße angefüllt, aber der nächste Regen würde die Luftbilder rein waschen. In der Nacht schrieb er gerne noch kürzere Texte. Manchmal auch nur einfache Notizen.
maienkönigin
die wallfahrer benötigen
kein feigenblatt mehr, das
ave maria schnell gebet,
auf dem berg dann glückseliger
rausch nach langen strapazen
das dirndl der bäuerin sitzt
stramm, ähnlichkeit mit picassos
frauenbilder eher zufällig, am
ende noch ein letzter
rosenkranz, bevor der
rausch einen übermannt
vergelt´s gott
zwischen fortkommen und dahinschlendern
goethes mai im regal
verstaubt, die blumenwiese
liegt dir zu füßen, der
kriechene günsel wartet
im schatten, anemonen
strahlen um die wette,
kuhschnappel weit entfernt,
schildkröten werden heute
nur noch selten in den straßen
ausgeführt, zwischen fortkommen
und dahinschlendern geht
die aufregung dahin
schumanns clara läuft auf dem klavier davon
das basilikum auf dem
küchenfenster strebt nach italien
oder doch nur zum himmel
eine inventur klärt das gebliebene
zeigt das notwendige(eich)
der krieg fast vergessen, schumanns
clara läuft auf dem klavier davon
träumereien, horowitz gespielt,
nervenanstalt nicht entkommen,
die blumenkinder auf der wiese,
im supermarkt zwei tüten milch
für den kaffee gekauft
Über die Rapsfelder
Über die Rapsfelder zog der
Mäusebussard seine Kreise,
der Bauer fährt das erste
Heu ein. Gewitterwolken rasen
um die Wette, die Katzen zieht es
in die Scheune. Die Liebeschwüre
der Jugend längst vergessen.
Deine Haare verweht. Heute
hast du die Gehirnhälften
vertauscht. Über die Hügel
knattert ein Zweirad. Älteres Modell.
Löwenzahn verblüht.
Verwundert
Am Ende konnte Franz oft nur verwundert die Augen reiben über Trump. So eine Geschichte hätte er sich nicht ausdenken können. Hätte ihm kein Verlag abgenommen. Total unglaubwürdig. Nachdenklich ging er durch die Nacht. Biergarten längst geschlossen. Aber Durst hatte er schon noch. Lief alles quer gerade. Lief durch die Nacht.
Wenn die warmen Tage kamen
Nicht immer hatte Franz Zeit. Aber wenn die Sonne schien, die warmen Tage kamen, die Sonne nicht untergehen wollte, radelte er gern in einen Biergarten. Oder ging zu Fuß zum Nockherberg. Er liebte auch den Aumeister oder den Taxisgarten. Ein paar Freunde hatten meist Zeit. Manchmal nahm er was zu essen mit, einen Salat. Den Rest konnte man dann ja kaufen. Einen Steckerlfisch oder Brathändl. Brezen vielleicht mitgebracht. Ein kühles Bier. Die Kastanienblätter waren noch licht. Machmal ein Kartenspiel. Oder einfach nur dasitzen. Nicht zuviel reden. Mit Großvater war er oft im Nockerberg gewesen. Trafen dort viele Nachbarn. Wohnzimmer der Giesinger. Betrunken war selten einer. Wenn, dann waren es eher Touristen. Der Giesinger vertrug sein Bier. So leicht warf den nichts um.
wolken gibt es nur auf der resterampe
die sonne brennt aufs
hirn, der girsch kennt keine
gnade und wächst, die
sonnensegel längst
getreift, die zunge hängt
dem hund aus dem hals
schnecken verkriechen sich
in ihr haus, die keins haben,
suchen sich eine andere
bleibe, frohlockende
eisverkäufer singen verdi-arien
nach den eisheiligen freut sich
der gärtner auf kundschaft
prachtvolles lila strahlen die
petunien, wolken gibt es nur
auf der resterampe. du sagst
es würde regen kommen?
niemand schenkt heute deinen
worten aufmerksamkeit
heute nicht
Geranien
Leicht frühjahrsmüde schaute Franz von seinem Balkon. Grün wars geworden und er hatte sich Geranien besorgt. Die vertrugen gut die Sonne und blühten den ganzen Sommer lang. Diesmal hatte er sich für rosafarbene entschieden. Stehende und hängende. Ein paar Tomatenpflanzen hatte er auch auf dem Balkon. Aber für mehr war kaum Platz. Schließlich wollte er ja auch noch sitzen können. Gerne schrieb er auf dem Balkon. Oder, wenn es warm war, schlief er dorten. Er liebte es. Es war wie Urlaub. Der Blick ging zum Sternenhimmel. Meist schlief er nur draußen, wenn er am nächsten Tag nicht allzu früh raus musste. Über Trump konnte Franz immer wieder nur den Kopf schütteln. Hier eine Entlassung, dort ein Geheimnisverrat. Aber über Schulz schüttelte Franz auch den Kopf. Gut gestartet, stark nachgelassen. Der neue Hype war wohl die FDP. Ein Mann-Partei. War Franz suspekt. Franz hatte gehofft, die Bundestagswahl würde interessant werden. Diese Hoffnung war im flöten gegangen. Am Abend würde Maria kommen. Sie würden auf dem Balkon sitzen. Die Sterne waren ihnen gewiss. Mehr brauchte er heute nicht. Und einen guten Rotwein.