Sommerfrische. Jetzt. Gleich. Sofort. Nicht später. Der Süden wartet. Das süße Leben. Weg. Auf und davon. Nicht später.
Monat: August 2017
Die Welt änderte sich
Erdbeben mochte Maria nicht, aber sie war damit aufgewachsen, hatte sich daran gewöhnt. In Italien bebte immer wieder mal die Erde. So schnell geriet sie nicht in Panik. Franz war da etwas nervöser. Doch in Florenz war eigentlich nie was. Über Liverpool hatte er sich gefreut. Drei Tore nach 21 Minuten ist deutlich. Mit Nagelmann und Hoffenheim hatte Franz kein Mitleid. Aber gab es überhaupt noch „Gute“ im Fußball. Die Welt änderte sich eben. Franz mochte auch keine Brotfabriken. Doch woher das Brot nehmen? Es gab ja fast nur noch solche „Bäckereien“. Neulich hatte er im Ruffini Brot gekauft. Handgemacht. Aber er kam auch nicht immer hin. Morgen Urlaub. Darauf freuten sich Franz und Maria. Sie hatten das Meiste schon verstaut im Rucksack.
samstagvormittag #2
im zeitungslesesaal der bibliothek
sitzen ältere herren vertieft in den blättern
eine aussterbende generation der leser
smartphonebesitzer sitzen hier nicht
nicht einmal der kleine feinkostladen
um die ecke führt die lieblingsschokolade
die regentropfen schlagen gegen das gesicht
im bücherkaufhaus stapel von büchern
in die ich keinen blick werfen will
zuhause wartet die wochenendausgabe auf
ein fortschreiten der lektüre
hin und wieder durchbricht die
junisonne den wolkenteppich
und erwärmt
in der mittagshitze #2
in der mittagshitze dösen die
katzen unter den olivenbäumen
hin und wieder wechselt eine
den ort, die grillen scheinen der
hitze gut gewachsen zu sein
eidechsen lugen hervor. wenn
wind aufkommt, wird die sonne
erträglich, erst später erwacht das
leben, noch ruhen die geschäfte
im vollklimatisierten auto
auszusteigen widerstrebt dem jungen
italiener, erst noch wird telefoniert
im schatten der bar wird über fußball
diskutiert. eine melone fällt beim
transport entzwei, matschiger
rot brei hinterlässt der lkw-reifen
schon nahen die ameisen zum
festmahl
Maria war schon ganz ungeduldig
Maria war schon ganz ungeduldig. Freute sich auf ihre Familie. Würde bald los gehen. In der Nacht von Freitag auf Samstag. Liegewagen. Firenze. Dauernd würden sie übers Essen reden. Und übers Wetter. Mama würde zur Höchstform auflaufen. Und Maria musste um ihre Figur fürchten. Drum wollte sie mit Franz auch über die Hügel düsen. Bewegung tat bei dem vielen Essen gut. Ihre Großeltern freuten sich auch, wenn sie kamen. Am liebsten wollten alle nur dasitzen und reden. Und dann Essen. Und dann wieder reden. Über den Fußball. Über Politik. Über die Liebe. Am liebsten aber über das Essen. Mehr brauchte es nicht. Die Sonne würde scheinen. Ein oder zwei Tage zum Meer. Je nach Laune. Im Garten würden sie ein wenig arbeiten. Für die Weinernte wird der Urlaub nicht langen. Ein paar Tage noch.
Müde fällt der Regen #2
Müde fällt der Regen
auf die Bäume, die Hunde
verkriechen sich unterm Tisch
nur ihre Besitzer zerren
fleissig an ihren Leinen
Größere Katastrophen sollen
vermieden werden, der Frieden
in der Welt nicht in Sicht
Gelangweilt gehen die Hunde
über die Straße, die Katzen
fangen heute keine Maus, überm
Zaun grüßen Sonnenblumen
Die Nackerten sind weniger geworden
Die Nackerten sind weniger
geworden im Englischen Garten
Trachtenmoden stehen im
Schaufenster, die Nacht kommt
immer früher, Wahlplakate werden
gerne verziert, die Isar kämpft
mit den Surfern, die Herbstzeitlosen
grüßen ganz zart in der Sonne
rasch laufen wir weiter, der
Sommer ist nicht mehr lang, unsere
Küsse wollen noch ausgetauscht werden
vor der Novemberdunkelheit
noch halten wir die zeit fest
über den gleisen fegt der wind
in kirschs garten keinen
holunder gefunden, längst verlaufen
im bücherlabyrinth, gegen die hitze
der nacht kein entrinnen
ermattet liegen wir am grünen see
der schwarze himmel türmt sich
auf, große regentropfen werden uns
heimbegleiten, später, noch halten
wir die zeit fest, bewegen uns nicht,
nur der himmel wird finsterer, wenn
der wind aufbraust, schwingen wir
uns aufs rad. dann. noch halten
wir die zeit fest
Gewitterregen
Die blaue Blume liegt gelb auf dem Küchentisch. Die Isar bringt viel Wasser aus den Bergen. Gewitterregen. Bäume liegen auf den Straßen. Müde Fußballfans fahren nach Hause. Franz war nicht im Stadion. Er ging nur selten. Mochte Fußball. Freute sich auf die neue Saison. Aber wollte einen anderen Meister sehen. Monotonie war nicht sein Ding. Mochte aber auch keine Abstiegsspiele. Zu viel Nerven kosteten die und zu wenig schönen Fußball als Gegenleistung. Das Gewitter hatte die Luft erfrischt. Ruhiger geworden die Stadt. Das Feuer der Grills erloschen. Rauchschwaden verzogen. Das Radeln durch die Stadt ging zügig. Mitunter spritzen die Pfützen auf.
Auf Hawaii bedeutet das Wort Kanaka Mensch
Die Zugfahrt gefiel nicht. Zu viele Betrunken. Fußballfans. Alle in rot. Saisonauftakt. Kein großer Jubel. Das Spiel längst vorbei. Abgehakt. Im Grunde begann die Langeweile wieder von vorne. Bayern gewinnt. Wird Meister. Keinen interessiert es. Keiner redet schlecht über den Gegner. Die Toilette wird ständig besucht. Bier ist noch reichlich vorhanden. Über andere Mannschaften wird gelästert. Dürfen absteigen. Überhaupt. Einer brüstet sich seiner regelmässigen Polizeikontakte. Nennt man wohl Vorstrafenregister. Hier und da eine Prügelei. Gewohnheitstäter. Gestörtes Rechtsbewusstsein. Kleinkriminalität. Das Wort Kanaken wird gern benutzt. Auf Hawaii bedeutet das Wort „Mensch“. Wird meist aber anders verstanden. Wurde natürlich als Beleidigung benutzt. Viele stimmten dem Redner zu. Man war ja Fan. Man war für die Roten. Fühlte sich stark. Für eine Schlägerei waren viele schon zu müde. Oder zu gelangweilt. Man war unter sich. Man war darüber froh. Franz ging lieber ins nächste Abteil. Weniger Fans. Weniger Biergestank. Der Regen hatte nachgelassen. Auf Hawaii bedeutet Kanaka Mensch.