Nur die Radwege zu schmal

Auch während der Wiesn-Zeit kann München wie immer sein. Hier und da eine Tracht mehr, aber sonst? Franz war in Schwabing gewesen, Café Jasmin. Alles wie immer. Kaffee getrunken. Geratscht. Ein wenig sich im Sessel gefläzt. Auf die Straße geschaut. Notizen gemacht. Über einen Text nachgedacht. Korrektur gelesen. Die Augustenstraße war wie immer. Eng. Viele Autos. Hier und da eine Baustelle. Kinderwagen wurden in den Drogeriemarkt geschoben. Mütter vertrieben ihre Zeit. Die Mittagsgerichte waren hier und da vegan. Die SUVs kamen gut voran. Nur die Radwege zu schmal. Touristen nicht zu sehen. Später noch ein paar Buchhandlungen abgeklappert. In der Stabi gewesen. Immer auf der Suche. Nach Ideen. Guten Stoff. Futter. Franz mied die Fußgängerzone, den Hauptbahnhof. Machte um den Festplatz einen Bogen, wenn er selber nicht hinging.

Breitscheidplatz

Der Putz fiel ab von den Häuserwänden. In Charlottenburg war nicht immer alles neu. Nicht jeder wohnte hier im Schloss. Karl schritt gerne hier durch. Friedrich war schon lange nicht mehr da. Längst ist hier Chinatown entstanden. Das Bikini-Haus fand er immer schon amüsant. Zumindest den Namen. Hatte nicht jeder. Die Wahlplakate hingen überall. Oft noch ganz neu. Wurden sie beschädigt, kamen schnell neu. Charlottenburg war Preußen. Die neuen Türme am Breitscheidplatz mochte Karl nicht. Ein Hotelzimmer brauchte er nicht, ein Büro hier auch nicht. Dann lieber Putz von den Wänden. Zwischen den Wahlplakaten fühlte er sich oft verloren. Wie zwischen den Hochhäusern. Meist war Karl dann doch froh, wenn er wieder raus war aus Charlottenburg. Zwischen Schloss und Hochhäuser überkam in die Depression.

sommergewitter

das gewitter war über die hügel

gezogen und wollte nicht

weichen. lauter als motorsägen

fuhr der wind durchs haus

fenster knallten. aus dem rinnsal

wurde ein fluss. der donner

schickte alle tiere in die wüste

als der blitz einschlug, kroch

die angst bis in die nasenspitze

taghell erschien der himmel. später

kehrte ruhe ein, als alle in der

küche saßen. als wir am morgen

die fenster öffneten, strömte

uns kalte luft entgegen

Kartographie #11Hackerbrücke

Spätsommerwetter. Ein mildes Rot lag über der Isar. Maria war schon in der Früh zur Wiesen aufgebrochen. Die Freundinnen wollten ja was erleben. Elegant schwang sich die Hackerbrücke über die Gleise. Die Ganze Fernwehsucht konnte man hier überqueren. Züge nach Paris oder Neapel aufsuchen. Der Bahnhof lag vor ihnen. Doch das Ziel war die Wiesn. Das eine oder andere Lebkuchenherz wollten sie kaufen für daheim. Die Freundinnen würden am Montag wieder heimfahren. Sie hatten nicht die Zeit für zwei Wochen Party. Und wohl auch nicht so viel Geld. Maria musste ihr Geld ja auch zusammenhalten. Schwer war dies auf der Wiesn. Aber so viel Bier vertrugen sie eh nicht. Der erste Abend hatte ihnen schon gefallen, aber jetzt, am Tag danach, spürten sie doch ein wenig die Müdigkeit. Aus der S-Bahn fielen die fast noch nüchternen Menschen. Die Vorfreude war groß.

Kartographie #10 Theresienwiese

Als Italienerin liebte Maria das Oktoberfest. Die U-Bahn führte sie direkt hin. Eng war es im Waggon. Schon am Sendlinger Tor war man kaum noch in die U-Bahn hineingekommen. Sie hätte doch das Rad nehmen sollen. Bei so vielen Menschen konnte sie sich kaum die Gesichter merken. Sonst machte sie ja gerne Skizzen beim Fahren. Heute unmöglich. Die meisten Fahrgäste waren in Tracht. Oder in etwas gehüllt, was sie für eine Tracht hielten. Maria ging ohne Tracht. Als Italienerin fand sie es albern. Franz hatte dann schon oft seine Lederhose an. Doch heute musste er arbeiten. Maria war mit Freundinnen verabredet. Sie waren extra angereist. Hotels waren ausgebucht. Also schliefen sie bei Maria. Sie wohnte derweil bei Franz. Alle hatten gute Laune und wollten was erleben. Franz hatte ihnen für die „Schönheitskönigin“ Karten besorgt. Ohne Reservierung war es oft schwierig. Aber die Musik sollte dort gut sein. Sie würden sehen. Der Abend würde gelingen. Da hatten sie keine Sorgen.

vorstadthölle

der vorstadthölle nicht entkommen

reihenhaus an reihenhaus, am

samstag wird der rasen

gemäht, die schläge hinter

 

den gardinen sieht keiner

keiner will die schreie hören

über den genuss hinaus wird alkohol

konsumiert, nach außen hin

 

eine heile welt gezeigt, alles

in ordnung, die kinder sind

pünktlich in der schule, blos

nicht auffallen, wochenende sind

 

das fegefeuer, ferien die steigerung

die lange reise durch die nacht

ein nicht enden wollender

alptraum für die heilige familie

Voller Touristen

Bald wäre es so weit. Zur Wahl nicht mehr weit. Auch Franz konnte dem Wahlkampf wenig spannendes abgewinnen. Ihm schienen die Visionen abhanden gekommen.  Aber er ging trotzdem gerne wählen. Befremdlich fand er den Hass auf die Politiker. Groß in Mode. Man muss keinen Kanzler lieben. Auch keine Kanzlerin. Früher hatte er die FDP-Außenpolitiker durchaus gemocht. War mit Genscher groß geworden. Aber einen neuen FDP-Außenminister wünschte er sich trotzdem nicht. Große Koalitionen waren aber auch nicht seine Sache. So schien ihm das Ergebnis der Wahl doch erstaunlich offen. Wird es einen grünen Außenminister geben? Oder einen gelben ? Oder doch wieder einen roten. Einen schwarzen würde es wohl eher nicht geben. Die Stadt war voller Touristen, die Münchner wurden teilweise auch schon nervös. Vielleicht würde Franz auch wieder zur Wiesen gehen. War sich da noch nicht so sicher. Manchmal hatte er Gutscheine. Da war die Entscheidung leichter. Er mochte die alte Wiesen. Da gab es gute Musik. Hatte noch Zeit. Musste sich noch nicht entscheiden. Aber einen gelben Außenminister wollte er nicht.

Zwischen den Astern #2

Zwischen den Astern, trübe

Tage werden kommen, die

Feuchtigkeit der Nacht

 

letzte Blüten, dunkelrote

Sonne, ihr Winterfutter suchen

totgefahren auf der Straße das

 

Eichhörnchen, die letzten

warmen Sommerstunden

davon fliegen die Vögel

auf beute #2

als sei auf beute der große

schriftsteller, jagt einsam die wörter

mit seiner flinte, trinkt whiskey zum

wärmen, wildschweine, rehe, will

 

nicht gestört werden bei seinem großen

wurf, einsam wie ein wolf läuft er um

seinen schreibtisch, durchwachte nacht

auf der lauer, seine sätze suchen

 

den wörtern hinterher, das arbeitszimmer

ist ein heiliger ort, der tiefe wald, die

weite prärie, hier und da fällt ein

 

schuss. wenn nur seine verdammte

schreibblockade nicht wäre. längst

fertig wäre sein großer wurf

verloren die spuren des sommers

verloren die spuren des

sommers, frierend stehen die

sonnenblumen zwischen den

anemonen, der wind peitscht

 

die wolken voran, freibäder

verweist, nur hier und da

kämpfen radfahrer gegen die

frühen gewalten, den letzten

 

pfirsich vom baum geholt

kalt sein fleisch zwischen

den zähnen, die kornelkirschen

 

grüßen rot gegen den regen,

whitmans captain längst

vergangen, das schiff woanders