Auch während der Wiesn-Zeit kann München wie immer sein. Hier und da eine Tracht mehr, aber sonst? Franz war in Schwabing gewesen, Café Jasmin. Alles wie immer. Kaffee getrunken. Geratscht. Ein wenig sich im Sessel gefläzt. Auf die Straße geschaut. Notizen gemacht. Über einen Text nachgedacht. Korrektur gelesen. Die Augustenstraße war wie immer. Eng. Viele Autos. Hier und da eine Baustelle. Kinderwagen wurden in den Drogeriemarkt geschoben. Mütter vertrieben ihre Zeit. Die Mittagsgerichte waren hier und da vegan. Die SUVs kamen gut voran. Nur die Radwege zu schmal. Touristen nicht zu sehen. Später noch ein paar Buchhandlungen abgeklappert. In der Stabi gewesen. Immer auf der Suche. Nach Ideen. Guten Stoff. Futter. Franz mied die Fußgängerzone, den Hauptbahnhof. Machte um den Festplatz einen Bogen, wenn er selber nicht hinging.
Monat: September 2017
Breitscheidplatz
Der Putz fiel ab von den Häuserwänden. In Charlottenburg war nicht immer alles neu. Nicht jeder wohnte hier im Schloss. Karl schritt gerne hier durch. Friedrich war schon lange nicht mehr da. Längst ist hier Chinatown entstanden. Das Bikini-Haus fand er immer schon amüsant. Zumindest den Namen. Hatte nicht jeder. Die Wahlplakate hingen überall. Oft noch ganz neu. Wurden sie beschädigt, kamen schnell neu. Charlottenburg war Preußen. Die neuen Türme am Breitscheidplatz mochte Karl nicht. Ein Hotelzimmer brauchte er nicht, ein Büro hier auch nicht. Dann lieber Putz von den Wänden. Zwischen den Wahlplakaten fühlte er sich oft verloren. Wie zwischen den Hochhäusern. Meist war Karl dann doch froh, wenn er wieder raus war aus Charlottenburg. Zwischen Schloss und Hochhäuser überkam in die Depression.
sommergewitter
das gewitter war über die hügel
gezogen und wollte nicht
weichen. lauter als motorsägen
fuhr der wind durchs haus
fenster knallten. aus dem rinnsal
wurde ein fluss. der donner
schickte alle tiere in die wüste
als der blitz einschlug, kroch
die angst bis in die nasenspitze
taghell erschien der himmel. später
kehrte ruhe ein, als alle in der
küche saßen. als wir am morgen
die fenster öffneten, strömte
uns kalte luft entgegen
Kartographie #11Hackerbrücke
Spätsommerwetter. Ein mildes Rot lag über der Isar. Maria war schon in der Früh zur Wiesen aufgebrochen. Die Freundinnen wollten ja was erleben. Elegant schwang sich die Hackerbrücke über die Gleise. Die Ganze Fernwehsucht konnte man hier überqueren. Züge nach Paris oder Neapel aufsuchen. Der Bahnhof lag vor ihnen. Doch das Ziel war die Wiesn. Das eine oder andere Lebkuchenherz wollten sie kaufen für daheim. Die Freundinnen würden am Montag wieder heimfahren. Sie hatten nicht die Zeit für zwei Wochen Party. Und wohl auch nicht so viel Geld. Maria musste ihr Geld ja auch zusammenhalten. Schwer war dies auf der Wiesn. Aber so viel Bier vertrugen sie eh nicht. Der erste Abend hatte ihnen schon gefallen, aber jetzt, am Tag danach, spürten sie doch ein wenig die Müdigkeit. Aus der S-Bahn fielen die fast noch nüchternen Menschen. Die Vorfreude war groß.
Kartographie #10 Theresienwiese
Als Italienerin liebte Maria das Oktoberfest. Die U-Bahn führte sie direkt hin. Eng war es im Waggon. Schon am Sendlinger Tor war man kaum noch in die U-Bahn hineingekommen. Sie hätte doch das Rad nehmen sollen. Bei so vielen Menschen konnte sie sich kaum die Gesichter merken. Sonst machte sie ja gerne Skizzen beim Fahren. Heute unmöglich. Die meisten Fahrgäste waren in Tracht. Oder in etwas gehüllt, was sie für eine Tracht hielten. Maria ging ohne Tracht. Als Italienerin fand sie es albern. Franz hatte dann schon oft seine Lederhose an. Doch heute musste er arbeiten. Maria war mit Freundinnen verabredet. Sie waren extra angereist. Hotels waren ausgebucht. Also schliefen sie bei Maria. Sie wohnte derweil bei Franz. Alle hatten gute Laune und wollten was erleben. Franz hatte ihnen für die „Schönheitskönigin“ Karten besorgt. Ohne Reservierung war es oft schwierig. Aber die Musik sollte dort gut sein. Sie würden sehen. Der Abend würde gelingen. Da hatten sie keine Sorgen.
vorstadthölle
der vorstadthölle nicht entkommen
reihenhaus an reihenhaus, am
samstag wird der rasen
gemäht, die schläge hinter
den gardinen sieht keiner
keiner will die schreie hören
über den genuss hinaus wird alkohol
konsumiert, nach außen hin
eine heile welt gezeigt, alles
in ordnung, die kinder sind
pünktlich in der schule, blos
nicht auffallen, wochenende sind
das fegefeuer, ferien die steigerung
die lange reise durch die nacht
ein nicht enden wollender
alptraum für die heilige familie
Voller Touristen
Bald wäre es so weit. Zur Wahl nicht mehr weit. Auch Franz konnte dem Wahlkampf wenig spannendes abgewinnen. Ihm schienen die Visionen abhanden gekommen. Aber er ging trotzdem gerne wählen. Befremdlich fand er den Hass auf die Politiker. Groß in Mode. Man muss keinen Kanzler lieben. Auch keine Kanzlerin. Früher hatte er die FDP-Außenpolitiker durchaus gemocht. War mit Genscher groß geworden. Aber einen neuen FDP-Außenminister wünschte er sich trotzdem nicht. Große Koalitionen waren aber auch nicht seine Sache. So schien ihm das Ergebnis der Wahl doch erstaunlich offen. Wird es einen grünen Außenminister geben? Oder einen gelben ? Oder doch wieder einen roten. Einen schwarzen würde es wohl eher nicht geben. Die Stadt war voller Touristen, die Münchner wurden teilweise auch schon nervös. Vielleicht würde Franz auch wieder zur Wiesen gehen. War sich da noch nicht so sicher. Manchmal hatte er Gutscheine. Da war die Entscheidung leichter. Er mochte die alte Wiesen. Da gab es gute Musik. Hatte noch Zeit. Musste sich noch nicht entscheiden. Aber einen gelben Außenminister wollte er nicht.
Zwischen den Astern #2
Zwischen den Astern, trübe
Tage werden kommen, die
Feuchtigkeit der Nacht
letzte Blüten, dunkelrote
Sonne, ihr Winterfutter suchen
totgefahren auf der Straße das
Eichhörnchen, die letzten
warmen Sommerstunden
davon fliegen die Vögel
auf beute #2
als sei auf beute der große
schriftsteller, jagt einsam die wörter
mit seiner flinte, trinkt whiskey zum
wärmen, wildschweine, rehe, will
nicht gestört werden bei seinem großen
wurf, einsam wie ein wolf läuft er um
seinen schreibtisch, durchwachte nacht
auf der lauer, seine sätze suchen
den wörtern hinterher, das arbeitszimmer
ist ein heiliger ort, der tiefe wald, die
weite prärie, hier und da fällt ein
schuss. wenn nur seine verdammte
schreibblockade nicht wäre. längst
fertig wäre sein großer wurf
verloren die spuren des sommers
verloren die spuren des
sommers, frierend stehen die
sonnenblumen zwischen den
anemonen, der wind peitscht
die wolken voran, freibäder
verweist, nur hier und da
kämpfen radfahrer gegen die
frühen gewalten, den letzten
pfirsich vom baum geholt
kalt sein fleisch zwischen
den zähnen, die kornelkirschen
grüßen rot gegen den regen,
whitmans captain längst
vergangen, das schiff woanders