irrfahrten

verse geschmuggelt über die grüne

grenze, die engel reden unverständliches

zeug, der kalte herbstwind im gesicht, die

galle der vergangenen tage liegt verspritzt

unterm küchentisch, die leeren töpfe

quillen über vor hunger, aus dem ofen

kommt schwarzer rauch, vor den geschlossenen

stadttoren lungern die toten, babylon ist weit

die sirenen singen nur noch leise, verspätet

erreicht odysseus den hafen

Wahlsonntag

Franz freute sich auf den Wahlsonntag. Briefwahl machte er nur, wenn es nicht anders ging. Er liebte den Gang ins Wahllokal. Früher war er vorher immer in der Kirche gewesen. Aber dies war jetzt nicht mehr die Regel. Doch der Gedanke gefiel ihm. Früher waren sie mit der Familie in die Kirche gegangen, fein herausgeputzt, dann zur Wahl in die Schule und später noch zum Essen. Ein besonderer Sonntag eben. Franz wollte früh wählen gehen. Danach vielleicht noch in die Berge. Wenn das Wetter es zuließ. Er war auch froh, dass der Wahlkampf vorbei war. Die AfD würde er nicht wählen, das war klar. Gerade hatten sie eine geschickte Anzeige geschaltet. Auf Google. Sie wussten schon, wie man Stimmung macht. Hatten gute Lehrmeister. Die etablierten Partei waren da behäbiger. Müssten sich im Internet sicher auch noch besser aufstellen. Dreistigkeit schien im im Wahlkampf groß in Mode zu sein. War in Frankreich so mit der Front National, mit Trump in den Vereinigten Staaten, bei Putin und Erdogan ging es eh so zu. Am Abend würde Franz vor dem Fernseher sitzen und die Hochrechnungen anschauen. Maria wollte auch. Auch wenn sie als Italienerin nicht wählen konnte. Aber mit Wahlen kannte sie sich gut aus. In Italien waren ja ständig Wahlen.

Freibäder eingerollt

Zwischen der Zwölftonmusik und den

Suiten von Bach das Zählen verlernt

Grundrechenarten verlustig, der Herbst

 

treibt die Blätter von den Bäumen

eingerollt die Freibäder, Eisverkäufer

freuen sich auf Heimaturlaub, die Kinder

 

schießen die Kastanien gegen die

Häuserwand, gelangweilt wartet die Katze

Großmutter strickt die Mütze noch fertig

Die Kittelschürze

Die Kittelschürze ist akkurat gebügelt, ihre

müden Hände streichen langsam über den

Küchentisch, manchmal geht sie über den

Hof und schaut verloren in den Stall,

 

der Mann schon vor Jahren verstorben,

der Jungbauer hat den Hof längst

aufgegeben, hat ein wenig Land verkauft

der Bulldog steht geputzt im Schuppen, die

 

Knie wollen nicht mehr so vom vielen

Arbeiten, manchmal kocht sie sich

noch was, wenn Besuch kommt, macht sie

Kaffee, früher gab es bei ihr immer einen

 

Kuchen, meist erzählt sie alten Geschichten

das kann sie noch ganz gut, an schlechten

Tagen verwechselt sie den Kühlschrank

mit dem Ofen und wundert sich

 

gestorben wird daheim

das graue Haar

Gelangweilt den James Bond an

die Wand geknallt, die Zaubersprüche

haben schon lange nicht mehr

geholfen, verdeckt vom Morgennebel

liegen die Hügel, Katzen gehen noch

schnell nach Hause, die Spiegel an der Wand

sind längst matt, Spinnweben zieren das

Fenster, im verwachsenen Garten

küssen sich die Amseln, längst auf der

Schlachtbank gelandet sind die Kühe, das

graue Haar gehört geschnitten sagt die

Enkelin, die nach dem Rechten schaut

Schönheitskönigin

Maria liebte die bayrische Küche. Italienisch gab es ja daheim. Natürlich kochte sie gerne italienisch. Aber wenn sie ausging, war sie froh, wenn es auch was anderes gab. Dafür lebte sie ja auch im Ausland, studierte in München. Und wenn sie auf die Wiesn ging, durfte es schon was Gutes geben. Als die Freundinnen da waren, war sie schon in der Schönheitskönigin gewesen, aber mit dem Franz wollte sie auch hin. Zum Glück hatte der Franz nix dagegen. Brennsuppe und Kutteln wollte sie nicht essen, auch das Hechtenkraut verschmähte sie, Hecht war nicht ihr Ding auch wenn angeblich schon ein bayrischer König daran Freude gehabt hatte. Sie hat sich dann fürs Kronfleisch entschieden, ohne genau zu wissen, was denn da kommen würde. Beim Apfelstrudel war sie weniger überrascht, den kannte sie schon. Maria und Franz tranken die Maß Bier gemeinsam, nach der zweiten hatten sie auch schon genug. Zu lang wollten sie eh nicht bleiben, mitten in der Woche musste es nicht sein. Die Sonne schien wunderbar spätsommerlich, beim Heimradeln war der Himmel rot gefärbt. Wiesnsommerwetter. Spätsommer eben. Ein Hauch von Nostalgie lag über dem Abend. Der Sommer würde nicht mehr lange dauern. Aber für heute war er noch zu spüren gewesen. Zufrieden radelten sie Giesing entgegen.

Über die Alternativlosigkeit

Manche lieben sonderbare Wörter. Politiker oder auch Trainer. Franz fand wenig Gefallen an dem Wort alternativlos. Sein Geist ist eher undemokratisch. Für Franz gab es immer Alternativen. Neuere Wörter werden schnell Unwörter. Erst recht, wenn sie bei Politkern beliebt sind. Fußballtrainer sind da aber für Franz auch nicht besser. Politiker gestehen ungerne Fehler sein, Trainer erst recht. Nur der Erfolg zählt. Wenn ein Trainer die Rotation als alternativlos bezeichnet, ist manchmal, schneller als der Trainer denkt, auch eher von der Rotation erfasst. So wäre Franz nur wenig erstaunt, wenn der Leipziger Trainer an seiner Alternativlosigkeit scheitern würde. Das Eingestehen von Niederlagen oder Fehler war Franz ein wenig gewöhnt. Er wohnte ja in Giesing, gleich neben 1860. Da kannte man sich mit Fehlern aus. Leipzig hat da noch Luft.

Still wird die Welt #2

Der Mond längst aufgestanden, siehst du ihn dort? Die Sterne leuchten am Firmament. Klar und hell. Noch sitzen Menschen am Cafetisch, kämpfen gegen die Einsamkeit der Nacht. Gegangen sind schon viele. Arles hell und freundlich bei Nacht. Der Sternenhimmel zieht in die Ferne, sehnsuchtsvolles Schauen, Einsamkeit der Nacht. Still wird die Welt, still.

 

Café am Abend

Vincent van Gogh, Caféterrasse am Abend, 1888

Kartographie #12 Münchner Freiheit

Der Name gefiel Maria. Und sie war neugierig auf die U-Bahn-Station, als sie neu in München war. Klang so entspannt. Ein grasgrünes Dach war über den Bussen gespannt. Schleimiges Gift. Früher soll ja Schwabing was besonders gewesen sein. Aber Maria hatte da noch nicht so viel gefunden. Müssen vergangen sein, die großen Zeiten. Das Denkmal für den Monaco Franze fand sie angenehm. Sie hatte seinen Humor gemocht. Hatte sich schon einmal dazu gesetzt auf einen Kaffee. Doch er hatte mehr geschwiegen. Die Erlöserkirche hatte es Maria angetan. Ihr gefiel der eigene Stil. Viele Jugendstilelemente. Viel Geborgenheit. Sie war zwar katholisch, doch für den einen oder anderen Gottesdienst oder Konzert war sie hergekommen. Eine heimelige Kirche. Fast eine Trutzburg gegen den tosenden Verkehr der Großstadt. Wenn ihr die Großstadt zu groß wurde, zog sie sich gern dorthin zurück.

Eisblumen abgeschüttelt

Die Eisblumen abgeschüttelt im

Spätsommer, Wolken jagen Wolken am

Abendhimmel, noch wartet der Mais

auf seinen Drescher, längst eingefahren

 

das Korn, gäbe es hier Bären, würden

sie ihren Wintervorrat sich anfressen,

bei der Eisdiele sind die Warteschlagen

 

längst abgebaut, doch die Küsse mit

Zitroneneis jagen dir immer noch

einen Schauer über den Rücken