Lobgesang auf den Buchhändler #2

für H. B.

 

Er weiß, wenn ich den Laden betrete

schon Bescheid, zeigt mir gleich, hast du

schon gesehen, den neuen …

Lässt umherschweifen mich in

 

den Regalen, bringt Kaffee, erzählt die

neuesten Nachrichten, wer, was, wann

wo, wie sich ereignet hat, lässt auf Pump

kaufen, wenn gerade kein Bargeld zur

 

Hand, weiß, dass man am nächsten Tag eh

wieder reinschaut, zur Not gibt er auch

Lebensberatung, Berufsberatung, vermittelt

zwischen diesem und jenem Leser, für alle

 

Fälle hat er auch einen Anwalt an der Hand

empfiehlt den Rotwein, tröstet bei schlechten

Fußballergebnissen, überrascht immer wieder

 

damit, dass er schier fast jedes Buch kennt

auffindet oder weiß, wer es hat. Wenn du ihm

Kuchen vorbeibringst, ist er fast noch glücklicher.

 

Du bist es sowieso

Warszawa: Andrzej

Die Winter waren voller Nebel und Schnee. Der Fluss kalt. Manchmal ging Andrzej auch im Winter zum Fischen. Mochte die Ruhe. Die Natur. Arbeitete im Muzeum Powstania Warszawskiego. Im gefiel die Arbeit. Das Museum war ihm wichtig. Der Aufstand erfüllte ihn mit Stolz. Auch wenn der Warschauer Aufstand gescheitert war. Sie hatten sich gewehrt. Gegen Hitler. Gegen die Nazis. Zu wenig Hilfe hatte es gegeben. Zwei Monate hatte die polnische Armee und die Bevölkerung gegen Wehrmacht und SS gekämpft. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Warszawa zerstört. An der Bevölkerung ein Massaker verrichtet. Doch die Polen waren stolz auf diesen Aufstand. Andrzej lebte in der Altstadt. Sie war ihm wichtig. Sie war komplett zerstört worden. Und ist wieder aufgebaut worden. Sie lebte wieder. Auch wenn sie nicht so schön wie vorher war. Er lebte dort. Und Warszawa lebte wieder. Darauf war er stolz. Und arbeitete gern im Museum. Im Winter ging er gerne zum Fischen. Die Kälte konnte ihm nichts anhaben. Damals war sein Großvater gefallen.

 

Wiedervorlage

Der Winter gefiel Franz nicht. Viel zu mild. Fast kein Frost. Fast kein Schnee. Blumen blühten schon Ende Januar. Nebel oft über der Stadt. Die deutschen Autobauer werden immer seltsamer. Nicht mal die Affen sind vor ihnen sicher. Die großen Parteien ackern sich ab. Nutella hat in Frankreich ein Problem. Die Autobauer haben größere. Franz setzte sich ans Klavier und kämpfte mit der Müdigkeit und Unlust. Schnelles Spiel machte ihn manchmal wieder fröhlich. Trank einen starken Kaffee. Wollte noch Post erledigen. Korrigieren. Am Abend musste er noch in die Bar. Wollte mal wieder einen Roman lesen. Hatte noch ein paar Russen zur Wiedervorlage auf dem Schreibtisch.

Jelenia Gora: Tomasz

Immer schon fuhr Tomasz Bus. Immer von Polen nach Deutschland. Von Deutschland nach Polen. Nur selten fuhr er andere Strecken. In Jelenia Gora war er am liebsten. Dort war immer Rast. Aß vom Grill eine fette Käsewurst. Kielbaski z serem. Dann war er zuhause. Daheim. In Polen. Wenn er bei Görlitz über die Grenze fuhr. Wurde Tomasz schon nervös. War schon lang unterwegs von München. Wurde Zeit für was Heißes. Meist mitten in der Nacht. Am frühen Morgen. Die Sonne würde noch brauchen bis zum Aufgehen. Später ging es weiter nach Wroclaw, nach Katowice oder Opale, oder noch weiter, nach Lodz oder Warszawa. Aber erst die Grillwurst. Gab ihm neues Leben. Er war gern unterwegs. Doch in Jelenia Gora war er glücklich.

Die Früchte des Sommers #2

Die Ernte des vergangenen Sommers fast aufgezehrt,

Erdbeer-, Kirsch-, Johannisbeermarmelade längst aufs

Brot gestrichen, auch Aprikosen- und Pfirsichmarmelade

ist rar geworden im dunklen Keller, die geleerten Gläser warten

schon auf eine neue Füllung.

 

Am See den Fisch geräuchert hat der Fischer, in Papier gewickelt,

die Knospen der Obstbäume freuen sich schon auf den Frühling.

Ausreißer #79

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In der neuen Ausgabe sind zwei Texte von mir erschienen. Schaut und lest. Oder fahrt nach Graz…

Ausreißer: Grazer Wandzeitung

in der nacht #2

in der nacht, der unruhigen, der

nacht, der wilden, als wäre kein

morgen, in sicht kein morgen, die

wolken verflogen, galaxien funkeln uns

an, in der nacht, der himmlischen, in

der keiner gehen will, nur bleiben, die zeit

stehen bleibt, der Mond erzählt uns

geschichten, erstrahlt unsere gesichter

 

in der nacht, der schönen

Sonntagmorgen

Der Mann im Mond ist heute Nacht

heruntergefallen, leicht zerbeult sitzt

er im menschenleeren Park, Wollmütze

 

auf dem Kopf, zu seinen Füßen suchen

Krähen ihr Frühstück zusammen. Neben

ihm liegt eine leere Flasche Wodka. Kinder

 

holen beim Bäcker die Frühstückssemmeln.

Vereinzelt fährt ein Radfahrer vorbei. Der

weiße Himmel liegt tief über der Stadt.

 

Autos schlafen noch.

Zgorzelec: Marek

Die Stadt ist alt und doch nicht alt. Früher war sie einmal Vorstadt. Vorstadt von Görlitz. Jenseits der Neiße gelegen. Oder diesseits. Mareks Vater war Soldat gewesen. Mit der neuen Grenze war er hergekommen. Viele Soldaten waren damals in Zgorzelec gewesen. Der Feind war damals im Westen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen fast alle Deutsche fort. Marek hatte in Berlin studiert. War ja nicht weit. Konnte man Wochenende immer heim fahren. Danach war Marek wieder nach Zgorzelec gegangen. Heute arbeitet er in Görlitz,  deutschen Teil der Stadt. Kümmert sich um Europa. Marek sind Grenzen nicht so wichtig, er will sie nicht verteidigen. Fühlt sich als Europäer. Radelt immer mit dem Rad über die Neiße. Von Polen nach Deutschland. Von Deutschland nach Polen. Tag für Tag. Viele Soldaten sind nicht mehr in Zgorzelec.

paris #2

im schatten von flaubert durch die alleen

gewandert, in der sonne geraucht, mittags

auf der parkbank den tauben nachgeschaut

 

sartres sein mit der fußspitze gespürt, keinen

halt gefunden, den geistern von universität

paris VIII davongelaufen, die kinderwägen

 

schiebenden mütter gehen ins café, die libération

unterm arm geklemmt, kein lächeln im louvre

 

im quartier saint-germain-des-prés nach verlorenen

gedanken gesucht, die bilder von godard verloren