Lodz: Mieczysław

Mieczysław war glücklich gewesen. Er hatte einen Studienplatz in Lodz bekommen. er wollte unbedingt dorthin. Einer von zwölf. Es war nicht einfach, genommen zu werden. Die Filmhochschule hatte einen guten Ruf. Polanski war schon dort gewesen. Eine bessere gab es in Polen nicht. Mieczysław wollte unbedingt Regisseur werden. Was anders war nicht möglich. Seine Eltern wohnten weit weg. In einem kleinen Dorf. Er wollte in die Stadt. Hatte immer schon gerne Filme angeschaut. Aber schon früh Videos gedreht. Sein Vater hatte ihm eine Videokamera geben. Später hatte er auch mit dem Handy Videos gedreht. Zuerst einfache Sachen. Geburtstag von der Oma. Silberne Hochzeit der Eltern. Kindergeburtstage. Später hatte er Tiere gefilmt. Autos. Angefangen die Filme zu schneiden. Irgendwann hatte er ein Drehbuch geschrieben und seine Familie verplant. Und Freunde. In der Schule hatte er manchmal auch einen Film machen dürfen. Die Lehrer hatten zuerst eher gelacht. Später nicht mehr. Jetzt war er in Lodz. Mochte die Größe der Stadt. Sein Zimmer war in einem hässlichen Studentenwohnheim. Aber dort konnte man lustige Situationen filmen. Auch Andrzej Wajda war in Lodz gewesen. Mieczyslaw liebte seine Filme.

Anti

Heute Abend wollte Franz ins Anti gehen. Anti ist immer eine Ansage. Einfaches Essen. genug Alkohol. Ein paar Freunde hatten was zu feiern. Ihm war es recht. Danach war der Weg nicht weit nach Hause. Nur den Berg rauf, dann war er schon da. Das Anti war ein ehrlicher Grieche. Keine falschen Versprechungen. Am Ende würde es Schnaps geben. Vielleicht auf am Anfang. Der Koch wollte keinen Michelin-Stern. Der Wirt war immer freundlich und hatte meist gute Laune. Die GroKo-Verhandlungen hatten ihre finale Runde eingeleitet. Über Posten wurde heiß spekuliert. Die SPD im Umfragetief. Aber das waren sie ja gewohnt. Ob die SPD-Basis dem Schulz sein Austragshäuserl finanzieren würden? Franz war sich da nicht so sicher. Er fände ein junges Kabinett wünschenswert. Aber danach sah es noch nicht aus.

Eisschollen

Passagen kommen und gehen. Das Meer

gibt und nimmt. Der Raum verändert sich.

Zwischen den Eisschollen das Durchkommen

nicht gewiss. Von New York nach Tokio ein

Katzensprung. Eisschollen umlagern die

Viktoria-Insel. Amundsen gelang die Durchquerung.

Eismöwen ziehen umher. Der Schneehase ist nicht

weit. Aus Japan grüßt der Löffelstrandläufer den

Roten Fluss. Unsere Nasenspitzen sind kalt.

Eisbären werden heute nicht erwartet.

Schnee auf dem Boden

Der Mond hatte die Augen geöffnet nach

Mitternacht, Fahrräder standen am Wegesrand

wir flogen durch den Winternebel, der Canon

von Pachelbel drang aus dem Küchenfenster

 

unter uns lagen die Dächer der Vorstadt, der

Kirchturm wurde immer kleiner, von Fern

ein Rauschen des Flusses, wir drehten glücklich

 

ein paar Runden, wieder in der Küche, tranken

wir heiße Milch mit Honig, wir wunderten uns

über den Schnee auf dem Boden.

Jasna Gora: Mateusz

Immer wieder war er nach Jasna Gora gegangen. Jedes Jahr. Seinen Rosenkranz dabei. Von Warszawa aus zu Fuß. Gut 200 Km gepilgert. Auf den Heiligen Berg. Zur Schwarzen Madonna. Er war nicht der einzigste. Viele gingen mit ihm. Jeden Tag. Jedes Jahr. Millionen Polen gingen zur Schwarzen Madonna. Oder fuhren. An sie hatten sie immer geglaubt. Sie hatte ihnen immer geholfen. Sie hatte die Kriege überstanden. Auch die Weltkriege. Auch die Nazis. Auch die Sozialisten. Später kam der Papst. Ihr Papst. Immer wieder. Wie er. Er kam jedes Jahr. Seine Füße schafften es noch. Auch wenn ihm das Gehen schwer fiel. Er musste den Weg gehen. Solange er noch konnte. Mateusz war jetzt schon alt. Seine Frau ging schon lange nicht mehr mit. Doch seine Knie waren noch in Ordnung. Er brauchte jetzt länger. Zwei Wochen oder mehr. Kam darauf an. Doch er war nie allein. Er bettete immer den Rosenkranz. Er ging zur Schwarzen Madonna. Jasia Gora war kein hoher Berg. Vielleicht war es das letzte Mal. Dieses Jahr wollte er noch gehen.

Lobgesang auf den Buchhändler #2

für H. B.

 

Er weiß, wenn ich den Laden betrete

schon Bescheid, zeigt mir gleich, hast du

schon gesehen, den neuen …

Lässt umherschweifen mich in

 

den Regalen, bringt Kaffee, erzählt die

neuesten Nachrichten, wer, was, wann

wo, wie sich ereignet hat, lässt auf Pump

kaufen, wenn gerade kein Bargeld zur

 

Hand, weiß, dass man am nächsten Tag eh

wieder reinschaut, zur Not gibt er auch

Lebensberatung, Berufsberatung, vermittelt

zwischen diesem und jenem Leser, für alle

 

Fälle hat er auch einen Anwalt an der Hand

empfiehlt den Rotwein, tröstet bei schlechten

Fußballergebnissen, überrascht immer wieder

 

damit, dass er schier fast jedes Buch kennt

auffindet oder weiß, wer es hat. Wenn du ihm

Kuchen vorbeibringst, ist er fast noch glücklicher.

 

Du bist es sowieso

Warszawa: Andrzej

Die Winter waren voller Nebel und Schnee. Der Fluss kalt. Manchmal ging Andrzej auch im Winter zum Fischen. Mochte die Ruhe. Die Natur. Arbeitete im Muzeum Powstania Warszawskiego. Im gefiel die Arbeit. Das Museum war ihm wichtig. Der Aufstand erfüllte ihn mit Stolz. Auch wenn der Warschauer Aufstand gescheitert war. Sie hatten sich gewehrt. Gegen Hitler. Gegen die Nazis. Zu wenig Hilfe hatte es gegeben. Zwei Monate hatte die polnische Armee und die Bevölkerung gegen Wehrmacht und SS gekämpft. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Warszawa zerstört. An der Bevölkerung ein Massaker verrichtet. Doch die Polen waren stolz auf diesen Aufstand. Andrzej lebte in der Altstadt. Sie war ihm wichtig. Sie war komplett zerstört worden. Und ist wieder aufgebaut worden. Sie lebte wieder. Auch wenn sie nicht so schön wie vorher war. Er lebte dort. Und Warszawa lebte wieder. Darauf war er stolz. Und arbeitete gern im Museum. Im Winter ging er gerne zum Fischen. Die Kälte konnte ihm nichts anhaben. Damals war sein Großvater gefallen.

 

Wiedervorlage

Der Winter gefiel Franz nicht. Viel zu mild. Fast kein Frost. Fast kein Schnee. Blumen blühten schon Ende Januar. Nebel oft über der Stadt. Die deutschen Autobauer werden immer seltsamer. Nicht mal die Affen sind vor ihnen sicher. Die großen Parteien ackern sich ab. Nutella hat in Frankreich ein Problem. Die Autobauer haben größere. Franz setzte sich ans Klavier und kämpfte mit der Müdigkeit und Unlust. Schnelles Spiel machte ihn manchmal wieder fröhlich. Trank einen starken Kaffee. Wollte noch Post erledigen. Korrigieren. Am Abend musste er noch in die Bar. Wollte mal wieder einen Roman lesen. Hatte noch ein paar Russen zur Wiedervorlage auf dem Schreibtisch.

Jelenia Gora: Tomasz

Immer schon fuhr Tomasz Bus. Immer von Polen nach Deutschland. Von Deutschland nach Polen. Nur selten fuhr er andere Strecken. In Jelenia Gora war er am liebsten. Dort war immer Rast. Aß vom Grill eine fette Käsewurst. Kielbaski z serem. Dann war er zuhause. Daheim. In Polen. Wenn er bei Görlitz über die Grenze fuhr. Wurde Tomasz schon nervös. War schon lang unterwegs von München. Wurde Zeit für was Heißes. Meist mitten in der Nacht. Am frühen Morgen. Die Sonne würde noch brauchen bis zum Aufgehen. Später ging es weiter nach Wroclaw, nach Katowice oder Opale, oder noch weiter, nach Lodz oder Warszawa. Aber erst die Grillwurst. Gab ihm neues Leben. Er war gern unterwegs. Doch in Jelenia Gora war er glücklich.

Die Früchte des Sommers #2

Die Ernte des vergangenen Sommers fast aufgezehrt,

Erdbeer-, Kirsch-, Johannisbeermarmelade längst aufs

Brot gestrichen, auch Aprikosen- und Pfirsichmarmelade

ist rar geworden im dunklen Keller, die geleerten Gläser warten

schon auf eine neue Füllung.

 

Am See den Fisch geräuchert hat der Fischer, in Papier gewickelt,

die Knospen der Obstbäume freuen sich schon auf den Frühling.