Baikal: Olga #2

Der Schönheit vom Baikalsee konnte sich Olga nie entziehen. So dunkel und tief das Wasser. Verrückte tauchen auch im Winter hinein. Die umgebenen Berge kahl. Verschlafen die Dörfer im Winter. Im Sommer mehr Touristen. Die Leute, die zu Olga in die Praxis kamen, waren oft alt. Die Falten waren wie die Berge am See. Wollen reden. Hier und dort zwickt es. Bezahlen mit Geld. Oder Naturalien. Gern nimmt Olga geräucherten Fisch. Dass wissen einige. Fisch kaufen muss Olga nur selten. Im Sommer geht sie immer noch ein paar Runden schwimmen. Sie ist nicht mehr die Jüngste. Ihre Kinder wollten die Praxis nicht übernehmen. Sind nach Moskau gegangen. Ein Sohn lebt in Frankreich. Hat immer schon programmiert. Wenn sie im Winter Zeit hat, fährt sie gerne über den See. Sie hat keine Angst, über den See zu fahren. Sie kennt sich aus. Das Eis ist oft fast einen Meter dick. Das trägt LKWs. Aber nicht überall. Manchmal bricht auch ein Auto ein. Am Rand ist der See oft wärmer. Doch Olga hat keine Angst. Vor ein paar Tagen hat man ein Auto aus dem Wasser gezogen.

 

Winter?

Die Wärme ging Franz auf die Nerven. Wollte im Januar mit Handschuhe radeln. Und Wollmütze. Ständig kam er ins Schwitzen, weil er viel zu warm angezogen war. Hart Sehnsucht nach Winter. Eis. Schnee. Musste unbedingt in den Winter. Mehr an Höhe gewinnen wäre vielleicht eine Möglichkeit. In den Bergen sollte noch Schnee sein. In München war Frühling. Oder Herbst. Irgendwas davon. Aber kein Winter. Wollte durch den Schnee radeln. Schneeflocken mit dem Mund auffangen. Vielleicht auch voller Übermut einen Schneeball werfen. Oder mit Maria einen Schneemann bauen. Kein Winter in Sicht. Die warmen Socken konnte er in den Schrank legen. Steinmeier hatte wieder mal ermahnt. Die SPD und CDU/CSU. Ob der neue Bundestag schon am arbeiten war? Man bekam wenig mit. Wer saß da doch noch gleich?

Irkutsk: Olga

Die Kosaken waren nach Irkutsk gekommen. Irgendwann. Früher. Jahrhunderte schon her. Irgendwann gab es auch eine Straße nach Moskau. Warum auch nicht. Viel später erst die Transsib. Zwischen China und Muskat ging manches hin und her. Seide und Pelze und vieles mehr. Im Winter ist hier Eis, Schnee. Kälte. Der Baikalsee zugefroren. Im Sommer ging Olga dort gerne baden. Doch der Sommer war meist nur kurz. Sie liebte auch das Eis. Hatte Schlittschuhe und zog ihre Kreise. An der Universität hatte Olga Medizin studiert. Später eine kleine Praxis am See. Nichts besonders. Hausärztin. Manchmal kam auch jemand mit seinem Hund vorbei. Listwanka ist nicht besonders groß. Die Patienten kommen auch von weiter her. Früher gab es hier Schamanen. Vielleicht gibt es sie immer noch. Olga ist Ärztin. Sie hat studiert. Sie hat nichts gegen Schamanen. Manchmal bringt ihr ein Fischer Fische vorbei. Den Omul mag sie besonders. Am liebsten gegrillt.

Irbit: Prochor

Die Motorräder sieht man nur noch selten in Russland. Zu teuer sind die neuen. Alte sieht man hin und wieder noch. Die großen Zeiten sind vorbei. Aber sie werden noch hergestellt. Irbit liegt hinter dem Ural. In Sicherheit. Drum der Name für das Motorrad. Wurden im 2. Weltkrieg produziert. BMW-Nachbau. Motorrad-Gespann. Heute eine Manufaktur. Prochor hatte sein ganzes Leben Motorräder hergestellt. Auch sein Vater hatte dies gemacht. Er selber hatte ein altes. Für ein neues fehlte das Geld. Die alten sind robust. Fahren auch in der Kälte. Prochor geht gerne zum Eisfischen. Im Beiwagen die Angeln. Der Bohrer. Eimer. Was man so braucht. Mit dem Motorrad auf den zugefrorenen See. Das Eis würde auch einen LKW aushalten. Auf dem See hat er seine Ruhe. Meist nur Männer dort. Sitzen auf dem zugefrorenen See. Haben sich ein Loch gemacht. Sitzen da. Und angeln. Nicht weniger. Nicht mehr. Sie frieren nicht. Die Kälte sind sie gewöhnt. Später trinkt Prochor gern einen Tee. Oder auch Wodka. Aber nicht zuviel. Erst muss er  Fische fangen. Das Leben in Irbit ist ein gutes Leben. Er hat seine Arbeit. Wird satt. Er ist kein Freund von Putin. Aber wen sollte er sonst wählen? Weggehen würde er nicht. Jetzt ist er eh zu alt. Wird eine schöne Rente bekommen. Ein Fisch hat angebissen.

Zwischen den Jahren

Franz war froh. Die Feiertage vorbei. Der Bauch gefüllt. Die Arbeit konnte kommen. Der Schreibtisch wartete. Hatte aber auch in Italien geschrieben. Nicht schreiben ging eh nicht bei ihm. Nicht Kaffee trinken ging eigentlich auch nicht. Alkohol war ihm nicht so wichtig. Nicht lesen wäre auch ein Problem. Die Politik fing endlich auch wieder an zu brummen. Oder war das Arbeit? Dobrindt machte auf starken Mann. Lindner auch. Beide konnte Franz nicht besonders leiden. Taten ihm zu wichtig. Nach dem Wahlkampf war vor dem Wahlkampf. Aber eigentlich sollten Politiker auch zwischendurch mal arbeiten. Dafür wurden sie gewählt und bezahlt. Nicht für den Wahlkampf. Die Zeit zwischen den Jahren war rum. Bilanz war gezogen. Pläne entworfen. Neue Ziele vor Augen. Er musste nicht alle erreichen. Doch er war ein Projektarbeiter. Liebte neue Projekte. Mehr als die alten.

Nowosibirsk: Gruschenka II

Das Leben in Sibirien war nicht immer leicht für Gruschenka. Der Winter zog sich immer in die Länge. Die Nächte bitterkalt. Auch sie träumte von einer wärmeren Gegend. Doch es war ihr Land, ihre Heimat. Ein Bruder von ihr war nach Deutschland gegangen. Hatte dort Musik studiert. Verdiente mehr Geld als sie. Doch er musste sich auch immer wieder andienen. Gruschenka hatte eine feste Stelle. Darauf war sie stolz. Sie hatte es geschafft. Nicht leicht war die Ausbildung gewesen. Schon mit drei hatte sie mit der Geige angefangen. Immer kalte Finger gehabt im Winter. Auch am Konservatorium war es nicht warm gewesen. Überall gab es Schimmel. Feuchte Luft. Schlechte Fenster. Aber gute Lehrer. Strenge Lehrer. Verstanden keinen Spaß. Musik war Ernst. Dostojewski hatte sie gerne gelesen. Auch die Brüder Karamasow. Sie hat sich immer nach Demokratie gesehnt. Aber deswegen würde sie Russland nicht verlassen. Sie mochte ihre Arbeit. Gestern hatte sie Aida gespielt.

Nowosibirsk: Gruschenka

Gruschenkas Familie lebte schon immer hier in Sibirien. Die Transsibirische Eisenbahn überspannte den Ob. Gruschenkas Großvater hatte am Bahnhof gearbeitet, als die neue Brücke und die Transsibirische kam.Weit vom Ural entfernt schon, ganz und gar nicht in Europa. Die Brücke über den Ob blieb nicht die einzigste. Die Romanows haben schon lange nicht mehr ihre Hand auf dem Land. Auch Gruschenkas Vater hatte am Bahnhof gearbeitet. Der Ort, an dem die Brücke stand, war ein größeres Dorf, Nowonikolajewsk, erst später wurde daraus Nowosibirsk, Immer schon teilte sich hier die Welt. Irgendwie war Nowosibirsk immer noch nach Westen schauend und doch auch schon längst Osten. Einmal ist ihr Großvater sogar die ganze Strecke gefahren. War eingeladen worden. Fuhr von Nowosibirsk nach Moskau. Und von dort bis zum Pafizik, bis nach Wladiwostok. Gut 9000 Kilometer Zugstrecke. Großvater hatte gern von der Fahrt erzählt. Auch ihr Vater war einmal die ganze Strecke gefahren. Gruschenka nie. Heute fuhren die meisten mit dem Auto oder LKW. Früher war mehr los gewesen am Bahnhof. Aus dem Dorf war aber längst eine große Stadt geworden. Viele hatten gute Geschäfte gemacht. Gruschenkas Familie hatte immer nur am Bahnhof gearbeitet. Gruschenka hatte dort nicht arbeiten wollen. Aber ihren Mann hatte sie dort kennengelernt. Heute wohnen über eine Millionen Menschen in Nowosibirsk. Gruschenka hatte früh mit der Geige angefangen. Heute spielt sie in der Oper. Sie hat ein gutes Taktgefühl. Muss wohl an den Zügen liegen.  Ihr Mann war schnell wieder weggefahren aus Nowosibirsk. War ihm zu kalt gewesen im Winter. Kam aus Odessa.

 

 

 

 

Tjumen

Tjumen war nicht mehr weit. Schnee lag überall. Kälte kroch in seinen LKW. Bald würde er Hunger haben. Er spürte es schon deutlich. Den Tura hat er schon überquert. Moskau ist hier weit entfernt. Juri fuhr gerne LKW. Er liebte das Unterwegssein. In Tjumem lebte sein Bruder. War reich geworden mit Öl. Hier gab es viel Öl. Tjumen war schnell gewachsen, seit das Öl reichlich floss. Früher war hier BP gewesen. Doch die brauchte man nicht mehr. Juri hätte gern einen Sohn. Doch mit den Frauen hatte er kein Glück. Sein Bruder hatte Kinder. Drei Söhne und ein Mädchen. Die Jungs schlugen sich immer. Juri hatte früher mal in Deutschland gelebt. Dort mehr Geld verdient. Hatte aber auch viel Stress gehabt. Sein Leben war jetzt entspannt. Er hielt an der Tankstelle vor Tjumen. Immer eigentlich. Manchmal tauschte er irgendetwas. Benzin. Oder was anderes. Dort gab es das beste Schaschlik. Am Feuer gegrillt. Während er im Schnee steht. Der Himmel weiß in der Nacht. Schneeweiß. Seine Wangen sind rot. Das Holz gibt reichlich Wärme. Er mochte die Frau vom Imbiss. Sie hatte schöne Augen. Manchmal blieb er länger.

Tante Jewdokija

Tante Jewdokija lebte nicht weit vom Ural. Doch westlich. Am Rand von Europa. Sie hatte nicht viel. Aber einen großen Garten mit alten Apfelbäumen. Von ihrem Mann bekam sie eine kleine Rente. Ihr Haus hatte. Ein Dach. Wasser hatte es nicht. Sie musste immer zum Brunnen gehen. Dies viel ihr nicht immer leicht. Die Toilette war hinter dem Haus. Sie hatte, was sie brauchte. Musste nicht klagen. Warum auch. Der Sommer war kurz gewesen. Doch Äpfel hatte es genug gegeben. Sie musste ja was haben zum Verkaufen. Ein paar Hühner hatte sie. Und Apfelbäume. Sie pflückte die Äpfel noch selber. Füllte sie in Eimer. Weiße Plastikeimer. Wenn der Herbst zu Ende ging, verkaufte sie die Äpfel an der Straße. Unweit von Revda wohnte sie. Direkt vor dem Ural. Die Autos fuhren meist nach Jekatarinburg. Sie ist selber fast nie in der Stadt. Einmal war sie dort in der Kirche gewesen. Kathedrale auf dem Blut. Dort wird dem letzten Zaren gedacht. Wo heute die Kirche steht, ist er 1918 ermordet worden. Sie ist kein Anhänger vom Zaren. Aber von Putin auch nicht. An irgendetwas muss sie doch glauben. Tante Jewdokija mag ihr Apfelbäume. Verkauft die Äpfel pro Eimer. Viel verdient sie damit nicht. Über Putin sagt sie kein schlechtes Wort. Sie will keinen Ärger. Ob es unter dem Zaren besser wäre? Sie weiss es nicht. Zum Leben hat sie genug. Hungern muss sie nicht. Das Wasser tragen fällt ihr manchmal schwer. Schnee fällt schon bei Zeiten. Es ist kalt geworden.

Trinkteufel. Oder Jodelkeller #2

Manchmal überkam ihm Heimweh. Nach früher. Nach Kreuzberg. Heute wohnte er schon lange nicht mehr dort. Aber wenn er von seinem Computer aufstand, sein Büro verließ überkam ihn manchmal so ein Gefühl. Rief dann schnell ein paar Freunde an. Zum Treffen. Auf ein Bier. Musste aber erst heim. Sich umziehen. Mit so einem feinen Stoff konnte er sich da nicht blicken lassen. Während der Woche ging er selten weg. Zu gefährlich. Aber am Wochenende konnte nichts schief gehen. Da wars ihm egal. Ein Bier mehr oder weniger. Trinkteufel. Oder Jodelkeller. Seine Tattoos konnte man in der Arbeit nicht sehen. Wäre ihm unangenehm. Die Öffnungszeiten der Kneipen waren moderat. Heute, nach der Arbeit. Musste sein. Schnell aufs Rad. Kalle hatte Zeit. Franz wollte es sich noch überlegen. Kaufte sich schnell noch Kippen. Das erste Bier war immer das beste. Seine Freundin ging lieber nicht mit. Seine Kinder auch nicht. Die passten nicht rein. Schnell ne Runde am Kicker. Die Nacht war noch lang.