Im Waldhaus gewesen, als sei magisch, ein Orakel gleich, der Hesse, auch Frisch und Thomas Mann, gewesen, im Waldhaus, auf Sommerfrische, Wanderungen, um den See, auf die Berge, durch die Täler, Chabrol filmte gleich, Strauss schrie Melodien zum Fenster raus, in Sils, im Engadin, der Richter malte die Fotos voll, gegen die Simulation der Wirklichkeit, die Künstler als Touristen, Erholung bedürftig, der Inspiration, auf der Suche nach neuer Kraft. Raufgeschleppt die Körper in dünner Luft, Gletscher angerannt, die süßesten Küsse getauscht auf der Blumenwiese. Das Pfeifen der Murmeltiere im Ohr, das Gemaule der Kühe, wenn zu spät der Bauer die Milch. Nur Nietzsche wohnte nicht im Waldhaus. Zarathustras Stürme gingen vorüber.
Autor: orangeblau
Der Bahnhof von Saint-Lazare #2
Voller Sehnsucht stand der Maler an seinem Eingang, der Bahnhof von Saint-Lazare, als Monet ihn malte, Sehnsuchtsort, Ort der Umtriebigkeiten der Hektik, der Aufbrüche und Ankünfte, Kathedralen der industriellen Revolution, gelesen die neuen Messen, an kamen die Dampfrösser, im Dampf umhüllt, entfernt das Land, das Dorf, Zentrum der Stadt, der Bahnhof als Ort der Glücks, unschuldig noch, die neuen Gelegenheiten des Fortfahrens. Das Reisen war eine Reise, das Wegfahren ein Abenteuer, geöffnet das Fenster. Noch erinnern manche Bahnhöfe an die Zeit des Reisens, wunderbar unrenoviert, das alte Eisen an der Decke, Rundbögen, als wäre es fast eine gotische Kirche. Nur das Smartphone in der Hand der Nachbarin passt nicht. Schnell schreibt sie noch eine Nachricht. Der Zug hat Verspätung.
Over the Rainbow #2
Natürlich kann Jarrett über den Flügel gebeugt ganz ihn hineinkriechen spielt er Somewhere Over the Rainbow, sucht die Tasten findet Töne der Träume, blaue und gelbe rote und lilafarbene als würde im Konzertsaal aufgehen wie eine riesige Seifenblase, getragen von einem zarten Lufthauch fern von Regen und Sonne ein Regenbogen schön. Nur das Klatschen der Zuhörer stört den Traum.
Blagoweschtschensk: Majenka
Gelb war das Haus angestrichen. Und türkis die Fensterläden. Der Dachstuhl glänzte im dunklen Rot in der Morgensonne. Auch innen farbenfroh. Lange Winter hatten keine Chance. Die Tapeten an der Wand hatten Blumenmuster. Kein Grau. Der Fluss Amur nicht weit. Auch nicht die nächste Stadt. Blagoweschtschensk. China ein Katzensprung. Das Haus stand in Ivanovka. Nicht der Rede wert. Ein Dorf wie viele andere. Majenkas Familie war schon vor Jahrzehnten hierhergezogen. In den Ost. Hier war Russland fast zu Ende. Früher hatte man hier nach Gold gesucht. Ihre Familie hatte aber nichts gefunden. Haben Tiere gezüchtet. Kartoffeln gepflanzt. Ihr Vater war Lehrer geworden. Majenka auch. Dorfschule. Rechnen. Lesen. Nun ist sie schon in Rente. Pflanzt immer noch Kartoffeln an. Sie mag ihr buntes Haus. Auch die Kirche mag sie. Die ist ganz in blau. Weiß die Fenster. Am Sonntag kommen immer die Enkelkinder. Und bringen Kuchen. Früher ist sie auf dem Amur mit dem Schiff gefahren. Oft sah sie einen Kranich über den Fluss fliegen. In Japan ist sie nie gewesen.
Schemtschug: Jurij
Der Weg ist weit. Ohne Auto fast kein wegkommen. Jurij hat noch keinen Führerschein. Auch kein Mofa. Um seine Freunde zu erreichen, muss er mit dem Bus fahren. Der Bus fuhr nicht oft nach Schemtschug. Wenn er einen verpasst hatte, musste manchmal stundenlang warten. Im Winter konnte das Warten besonders lang werden. Doch die Kälte war er gewöhnt. Manchmal nahm ihn jemand mit, der vorbeifuhr. Doch nicht immer kam jemand. Er mochte das Fahren mit dem Bus. Die Haltestelle hatte bunte Farben. Oft keine andere Seele zu sehen. Sein Dorf war kein Dorf. Nur ein paar Häuser. Ein paar Menschen. Ein paar Schweine. Ein paar Kühe. Kartoffel kamen in die Erde. Getreide. Tomaten wuchsen vor dem Haus. Ein paar Apfelbäume. Jeder sorgte für sich. Keiner musste verhungern. Hier war niemand reich. Die Reichen lebten woanders. In der Stadt. Vielleicht würde er irgendwann in die Stadt ziehen. Irgendwann. Doch dann müsste er seine Familie verlassen. Und seine Freunde. Soweit war Irkutsk ja auch nicht weg. Drei Stunden würde man mit dem Auto brauchen. Im Sommer.
Schwere Kunst. Für Alf Lechner #2
Schwere Kunst. Stahl. Skulpturen für die Ewigkeit. In München starten – in München landen. So groß wie ein Airbus. 220 Tonnen schwer. Passt in kein Museum. Die Statiker würden den Vogel zeigen. Kein Wind weht. Egal, wer sich dran kratzt. Keine Putzfrau wischt hier das Fett weg. 220 Tonnen Stahl. Rund 200 kleine Autos. Ein Kunstwerk. Was bleibt. Harte Kunst. Dazwischen. In den Orten. Da.
Kitschera: Lisonka
Lisonka wohnte unweit vom Baikalsee. Groß war der Ort nicht. Sie hatte nicht viel gelernt in der Schule, war aber immer gut im Kopfrechnen gewesen. Hatte nach der Schule im kleinen Supermarkt Arbeit gefunden. Es gab alles, was die Leute aus Kitschera brauchten. Schön war der Laden eingerichtet. Die Wage war hellblau. Auch die Theke, auf der die Kasse stand. Nur die Kasse war nicht mehr hellblau wie früher. War durch eine neue ersetzt worden. Warenwirtschaftssystem. Man konnte jetzt sogar mit der Karte zahlen. Zu kaufen gab es Milch und Wodka. Kartoffeln und Kraut. Auch Süßes gab es. Toilettenpapier. Als die Baikal-Amur-Eisenbahn gebaut wurde, entstand der Ort. Vorher hatte Lisonka mit ihrer Familie direkt am See gewohnt. Sie vermisste ihn oft. Hatte Sehnsucht nach ihm. Doch auch die Berge liebte sie. Doch die Baikal-Amur-Magistrale wird nur wenig befahren. Kitschera hat an Einwohnern verloren. Lisonkas Laden macht weniger Umsatz. Ohne die Bahn ist im Ort wenig los. Lisonkas Mann geht öfter am Fluss angeln. Wenn der Fang gut war, brät Lisonka am Abend den Fisch. Oder räuchert ihn. Ob der Supermarkt noch lange auf hat, weiß Lisonka nicht.
Vom Märenträger #2
Ausgestorben scheint der Beruf des Märenträgers. Womöglich ist die Last zu groß geworden. Erzählte doch der Träger Mären von alters her, von Rittern, Hexen, Kriegen.
Aus der Mode gekommen, obdoch im Youtubekanal die eine oder andere Mär gern erzählt wird. Von Recken sonderbar. Mitunter scheint es auch unter der besonderen Spezies der Politiker den einen oder anderen Märenträger zu geben. Schon früher schien
der Ruf des Märenträgers nicht immer der Beste gewesen zu sein, das Brot schwer verdient worden. Auch eingespannt im Geschirr der Wasserglaspoesie ist die
Mär nicht weit, das Brot doch fern. Zu singen von helden lobebæren,wunder hœren sagen. Ganz ohne Wasserglas, zumindest ein Rotwein muss schon sein. So scheint zu tragen der Märenträger den Buckel voller Geschichten. Aber im Drachenblut baden, wer will das schon.
Wladiwostok: Schorotschka II
Schnee bringt nicht nur Schönheit. Schorotschka fuhr im Sommer und Winter. Von Ost nach West. Von West nach Ost. Wladiwostok. Moskau. Weit war die Strecke. 9000 km. Mit dem LKW brauchte er oft zwei Wochen. Hier und da machte er Halt. Zum Essen. Trinken. Für die Nacht. Der Schnee kann heftig sein in Sibirien. Sturm ihn tragen. Die Sicht wird nicht besser. Die Straße schmaler. Langsamer fahren die Autos. Er wird seltener überholt. Meistens. Manche fahren schneller. Bäume und Häuser stehen am Rand. Immer wieder. Gestern Abend. Dunkelheit. Weiße Wand vor Augen. Er konnte nicht mehr bremsen. Das entgegenkommende Auto hatte keine Chance. Mehr Masse der LKW. Er hatte Glück gehabt. Die Straße war länger gesperrt.
Wladiwostok: Schorotschka
Nur die verrücktesten fuhren Woche für Woche von Wladiwostok nach Moskau. Schorotschka hatte nicht die Wahl. Brauchte das Geld. Sein LKW war seine Welt. Irgendetwas gab es immer zu transportieren. Alte oder neue Autoteile waren es meistens. Oder Maschinen. Der Handel zwischen China und Russland blühte. Der Asphalt war besser geworden. Die Straße war im Winter oft weiß. Eine gerade Linie zog sich bis zum Horizont. Auch in der Nacht war die Straße nicht leer. In seinem LKW war genug Platz für eine Kaffeemaschine. Wenn er einstieg, zog er seine Schuhe aus. Die Nächte verbrachte er auf den trostlosen Parkplätzen, die sich um Tankstellen wickelten. Oft grillte er im Winter sich selber etwas. Oder kaufte sich was Heißes am Straßenrand. Immer wurde irgendetwas angeboten. Die Menschen hatten Hunger. Auch Schorotschka hatte Hunger. Hunger auf das Leben. Hier und da sah er eine Frau. Ging in die Bar mit ihr. Brauchte die Wärme. Die Winter kalt. Er hatte genug Platz in seinem LKW. Bei ihm musste niemand frieren.