Der Rum

Noch gar nicht angefangen, schon war Jamaika Geschichte. Franz war schon überrascht. er hatte gedacht, dass die Parteien, wenn sie so lange miteinander reden, sich einigen würden. Nichtzusammenarbeiten hätte man schneller haben können. Der Rum aus Jamaika fand er nicht zu verachten. Eine Partei, die nicht regieren möchte, muss ja eigentlich nicht zur Wahl antreten. Die nächsten Wochen würden zumindest spannend werden.

Franz interessierte sich nur ein wenig für Fußball, schaute nicht alle Spiel im Stadion, weder in der Arena noch im Grünwalder Stadion. Die SZ hatte heute über den wieder aktivierten Autopiloten der Bayern geschrieben. Seit Heynckes wieder an Board war, lief es wieder beim FCB. Altmodisch klingende Dinge wie Anstand, Fleiß und Präzision seien Grundlage für den Erfolg. Und die Bescheidenheit, sich selbst nicht über andere zu stellen. Ein fast verstaubter Text. Als wäre er von Helmut Schmidt. Als wäre er noch Kanzler. Schmidt hatte damals mit der FDP regiert. Und war von denen im Stich gelassen worden.

Die Loisach gequert

Der Himmel war grau gewesen in der Früh. Dennoch waren Franz und Maria rausgefahren aus der Stadt. Mit dem Zug nach Benediktbeuern. Durchs Moos waren sie gewandert. Die Loisach gequert. Bichl erreicht. Kühl war es gewesen. Doch wenig Wind im Gesicht. Mitunter ging der Regen in Schnee über. Doch zumeist war es trocken. Später gingen sie im Kloster was essen. Bayrische Küche. Schnell auf den Tisch. Sie gingen auch in die Basilika. Als sie heimfuhren, war es längst dunkel. Sie kam ja auch schnell, die Nacht. Wurde Zeit für Adventsbeleuchtung. Franz mochte alte Klöster. Im Zug wenig Wanderer. November war nicht die Zeit für die Berge. Doch die Luft war wunderbar gewesen. Kein Gestank der Großstadt. Die Luft war im November doch arg schwer. Jamaika stand noch in den Sternen.

betrunken kugelt der satyr

gelbe und rote schreibversuche

schwungübungen, zurückversetzt in

die kindheit, einfache kreisungen

 

gelingen, verlieren, wer wüsste schon

die punischen krieg stehen schon lange

im geschichtsbuch, schier betrunken kugelt

 

der satyr über den boden, kopfschmerz

geplagt, der rausch wohl größer gewesen

fröhlich hüpfen wir davon

 

Sonne suchen gehen

Das Grau vergeht nicht, nicht einmal Jamaika ist in Sicht. Franz fand, dass Jamaika ja auch ohne die CSU funktionieren würde. Der Sondierungen war er überdrüssig. Mugabe wurde vom Militär in den Ruhestand geschickt. Sonne wäre eine gute Sache. Hatte Franz in den letzten Tage selten gesehen. Nebel lag über der Stadt. Kein Fön in Sicht. Schwere Luft. Am Wochenende wollte er unbedingt raus. Sonne suchen gehen. Irgendwo musste sie ja sein.

Noch nicht gelesene Bücher

Die Liste der nicht gelesenen oder nicht zu Ende gelesenen Bücher war noch lang. Da hatte Franz Glück. Was sollte er auch lesen, wenn er alle Bücher, von denen er glaubte, sie irgendwann gelesen haben zu müssen, schon gelesen hätte. Er war ganz froh, so noch ein paar Bücher in der Hinterhand zu haben. Für später. Für irgendwann. Wenn die Zeit käme für diese noch nicht gelesenen Bücher. Er hatte sich keine Liste gemacht. Aber ein paar vielen ihm immer ein. So machte er sich keine Sorgen. Eines Tages würde er vielleicht diese oder jenes Buch gelesen haben. Möglicherweise, es war nicht ganz ausgeschlossen, käme derweil noch das eine oder andere Buch dazu. Er könnte sich auch eine Liste machen und diese gezielt durcharbeiten. Doch das war nicht sein Ziel. Die Zeit würde es mit sich bringen, ob und wann er das eine und oder das andere Buch lesen würde. Bis dahin machte er sich erst einmal einen Kaffee. Nebel zog auf. Gefrierender Nebel. Sah ein wenig wie Schnee aus. Ein wenig.

Vielleicht würde es bald schneien

Die Nächte brachten die ersten Fröste. Kahl schon waren die meisten Laubbäume. Tannenbäume warten längst in Startposition, um als Christbaum eine gute Figur zu machen. Die ersten Rathausplätze wurden schon beliefert. Der Nebel verbarg die Sonne hinter einem dunklen Grau. Bunte Farben wurden rar. Franz überkam fast die Sehnsucht nach einem Adventskranz. Dem Seehofer womöglich auch, schien doch plötzlich ein jeder fast unzufrieden mit ihm. Franz buk erst im Dezember Christstollen. Noch hatte er tapfer keine Dominosteine eingekauft. Doch er wusste: bald würde er schwach werden. Clementinen erzählten schon vom Nikolaus. Sommerfrüchte passé. Wenn es zu Weihnachten Gans geben sollte, müsste er eine rechtzeitig bestellen. Oder er fuhr mit Maria nach Italien. Geschenke könnte er sich auch langsam mal überlegen. Doch da war er immer ganz entspannt. In die Innenstadt würde er deswegen nur zur Not gehen. Es gab zum Glück viele andere Geschäfte. Radelte dann lieber nach Haidhausen. Da fand er immer etwas. Vielleicht würde es bald ja scheinen. Franz mochte den Schnee. Wenn er unberührt war, er die ersten Spuren ziehen konnte.

die heuchelei

die heuchelei ist trug

trinkt wein er statt wasser

trinkt wein und gibt

 

doch vor wasser zu trinken

so heuchelt er, so trügt

nicht heilig er

 

scheinheiligkeit erlangt der

der wasser predigt und

trinkt den wein

 

mit doppelten boden

versehen die moral

so heuchelt nur

 

zum schein, der

scheinheilige, fern

der gottesfurcht er

Cafe Tela

Als Kind und Jugendlicher war Franz gern ins Café Tela gegangen. Die Tela war ja die Einkaufsstraße von Obergiesing. Vielmehr die Abkürzung davon Hieß eigentlich Tegernseer Landstraße. Ein schön Name und ein Versprechen. Ab hier ging es in die Berge. Der Zubringer zur Salzburger Autobahn ist auch nicht weit. Das Café Tela war  ein Café mit Kännchen. Und feinen Torten. Giesing war früher grauer gewesen. Arbeiterviertel. Nichts für Reiche. Obwohl man von hier schnell in Grünwald war. Die Straßenbahn fuhr hier los. Doch Franz wollte fast nie nach Grünwald fahren. Villen mit meterhohen Hecken und Zäunen waren langweilig. Wenn, dann fuhr er nach Pullach. Gleich neben dem Kaufhaus war das Café gewesen. Oft wurde der Kuchen für daheim geholt. Manchmal mit Oma auch sich ins Café gesetzt. Giesing war immer Vorstadt gewesen. Irgendwann Dorf. Hier oben schaut man runter auf die Stadt. Das Kaufhaus war keine Schönheit. Mehr Parkhaus. Das Café war wunderbar. Die Käsesahnetorte hatte er immer gern gegessen.

das Meer in den Bergen

Als das Meer in den Bergen ankam

gingen wir schneller, kein Halten mehr

die Bäume gingen in die Wagerechte

Regenschirme suchten den Himmel

Hinter der Stadt

Den Zaubersprüchen abgeschworen, hinter

der Stadt liegt das Grauen der Vorstadt

Industriegebiete versieglen den Boden, der

Nachbar putzt sein Auto jeden Samstag, vorher

 

wird der Gehsteig gekehrt, das Umkraut

aus den Fugen gezogen, vor der Sportschau

badet er, der Nachmittag im Baumarkt war

voller Überraschungen, den Vorgarten will er

 

bald zupflastern, macht nur Arbeit, das ganze

Laub, wer soll das immer kehren? Das Bier

im Kühlschrank wartet schon, seine Frau

hatte das Abendbrot schon zubereitet