Mathias #4

Seine Hühner hatte Mathias schon lange nicht mehr gezählt. War ihm nicht mehr so wichtig, manchmal kamen Nachbarskinder und sammelten dann die Eier ein. Mathias nah es da nicht so genau. Waren es zehn Hühner oder zwölf? Die Kinder fragten ihn, sie zählten Hühner und Eier. Überall liefen sie herum. Gingen zu den Kühen und über die Wiese. Immer wieder auch über die Straße. War nur eine kleine Straße. Wenig Verkehr. Manchmal hupte ein Autofahrer, der es eilig hatte. Mathias hatte es nicht eilig. Seine Schritte waren langsam geworden. Sein Rücken ein wenig krumm von der schweren Arbeit. Noch immer nahm er die Mistgabel in die Hand. An manchen Tagen, wenn es nicht anders ging, ließ er die Mistgabel stehen. Das waren nicht seine Tage. Fühlte sich dann unnütz. Er könnte auch ins Altersheim gehen. Dort bräuchte er nicht zu arbeiten. Dort könnte er dann auf den Tod warten. Sein Hof war seine Heimat. Er hatte ihn nie länger verlassen. Woanders hielt er es nicht aus. Einen alten Baum verpflanzt man nicht.  Wenn die Sonne schien, warfen seine Hühner lange Schatten in der Abendsonne. Dann saß er noch lange auf der Bank vor seinem Haus. Trank ein Bier. Nachbarn kamen und setzten sich dazu. Manchmal brachten sie was zum Essen mit. Mathias redete nicht viel. Zufrieden lächelte er seine Besucher an.

hosentaschen #2

vielleicht sollte man ja

wörter lieber in hosentaschen

füllen. keine steine, matchboxautos

taschenmesser. wörter. für unterwegs

 

für auf der straße, für im bus, auf

der wiese, für wenn man im

baum sitzt und wartet. die

wörter in hosentaschen. es gibt ja

 

hosen mit kleinen, aber auch welche

mit großen taschen. so kann man

schon am morgen geschickt wählen

braucht man für den tag mehr oder

 

weniger wörter? so hat man dann

die wörter in der nähe, kann

rein greifen und eins hervorholen

wenn man es braucht

Mathias #3

An bewölkten Tagen ging Mathias gern zu den Kühen. Fuhr ihnen über den mächtigen Schädel, kraulte sie.. Fast kam es ihm vor, als würden sie ihn verstehen. Er mochte ihre Stimme. Er blieb dann oft länger als nötig bei ihnen. Seine Hände waren oft voller Erde, schwer und rauh. Die Nachbarin lachte immer, wenn er aus dem Stall kam, fast so, als wäre sie ein wenig eifersüchtig auf die Viecher gewesen. Wenn Kälber kamen, war er immer noch aufgeregt wie ein kleiner Junge. Beim Kalben hatte er immer Hilfe vom Hias. So kräftig war er nicht mehr. Es sollte ja auch nichts schief gehen. Der Hias nahm die Kälber dann meist auf seinen Hof, wenn sie groß genug waren. Der Mathias brauchte keine mehr. Fühlte sich zu alt. Seine Kühe waren auch nicht mehr die jüngsten, aber abgeben kam nicht in Frage. Die Milch, die er brauchte, könnte er auch im Supermarkt kaufen, aber das wäre dann nicht mehr sein Leben.

Mathias #2

Wenn der Sommer ging, saß Mathias meist in der Küche. Er hatte genug Holz. Zog es meist noch selber aus dem Wald. Sein Fendt hatte schon bessere Zeiten gesehen. Lief aber einwandfrei. Der Nachbar half manchmal beim Holz machen. Der Wamsler in der Küche mochte nur kleines Holz. Zu großes ging nicht hinein. Meist hatte er eine Suppe auf dem Herd stehen. In der Früh ging er in den Stall. Meistens molk er die Kühe noch alleine. Hatte eh nur noch fünf. Früher waren es zwölf gewesen. Mehr gingen nicht in den Stall. Und ein paar Kälber. Ein paar Ziegen haben sie früher auch gehabt. Jetzt hatte er nur noch ein paar Hühner. Die Kühe hatten alle Namen. Das war immer so. Und soll auch so bleiben. Von den großen Laufstellen hatten sie ihm im Wirtshaus erzählt. Die meisten, die ins Wirtshaus gingen, waren keine Bauern mehr. Längst den Betrieb aufgegeben. Sich wo anstellen lassen. Manche holten sich bei ihm die Milch. Die vom Discounter war ihnen doch nicht recht. Die übrige Milch holte der Milchwagen ab. Kam auch für kleine Mengen. In der Küche war es warm. Nach dem Melken am Abend war Feierabend. Mathias saß dann auf der Eckbank und las noch in der Zeitung. Manchmal schlief er dabei ein. Die schweren Hände auf dem Tisch als Kissen für seinen Kopf. Wenn Besuch kam, freute er sich, trank ein Bier. Fürs Essen und Trinken hatte es immer gelangt. Seitdem die Waschmaschine kaputtgegangen war, wusch eine Nachbarin ihm die Wäsche mit. War ihm recht, mit Wäsche kannte er sich nicht aus. Wenn er jemanden zum Reden brauchte, ging er in den Stall. Seine Kühe hörten ihm gerne zu.

Mathias #1

Sein Gesicht war nicht glattgebügelt. Tiefe Spalten hatte die Sonne eingegraben. Gesichtspflege schien ihm eher Zeitverschwendung. Die Bartstoppeln längst grau, gingen schon ins Weiss über. Auch die Kopfhaare, durchaus noch vorhanden, waren mit der Zeit immer heller geworden. Nur seine kräftigen Augenbrauen werten sich noch tapfer. Seine Frau war schon lang verstorben, die Kinder lebten irgendwo. Sein Bauernhof war seine Welt. Nicht weniger. Andere flogen nach Amerika oder Malle. Er war hier geblieben. Hatte den Hof von seinem Vater übernommen. Der ältere Bruder hatte nicht gewollt. Zu wenig Ertrag. Mathias hatte nicht mehr gewollt. War zufrieden gewesen. Hat nie viel investiert. Warum auch. Seine Hände waren groß und schwer von der Arbeit. Fester Händedruck. Mathias hatte kein Handy. Seinen Bulldog fuhr er selber. Von satellitengestützter Kommunikation hatte er mal was im Wirtshaus gehört. Hat nie alles haben wollen. Ging ja früher auch ohne. War zufrieden mit seinen Kühen. Bekam auch ein wenig Rente. War jetzt schon über achtzig. Da brauchte er nicht mehr viel. Er hatte ein paar Sachen zum Anziehen. Für den Winter hatte er Holz gemacht.

Das Fest vorbei

Der Herbst kommt, der Schädel brummt, das Fest vorbei. weniger Betrunkene am Straßenrand. Das Erbrochene weggespült. Party zu Ende. Zelte werden abgebaut. Novemberdepression kann kommen. Bis zum Christkindlmarkt Schonung für die Nachbarn. Die eine oder andere Leber wird es danken. Franz hatte sich da wenig irritieren lassen. Nicht auf den Tischen getanzt. Den Weg nach Hause immer gefunden. Mit Rad. Oder auch sogar mal mit der U-Bahn. wegen der Gäste. Hatten kein Rad dabei. Ölsardinen hatten es fast angenehmer als Fahrgäste nach der Wiesn. Und schmeckten besser. Nicht, das Franz die Fahrgäste probiert hätte. Manche rochen schon recht streng. Nicht jeder vertrug das Bier. Der Nationalfeiertag ging ohne großes Ereignis vorüber. Steinmeier hatte eine Rede gehalten. Hätte schlechter sein können. Hätte wohl auch besser sein können. Die Bayern schwebten in Abstiegsangst und waren noch ohne Trainer. Am Nachmittag drehte Franz ein paar Runden mit Maria. Machte den Kopf klar. Später waren sie noch zum Essen eingeladen. Kleines Menu. Zum Ausklang.

Kartographie #13 Schwanthalerhöhe

Maria hatte Glück. Oder es schien so. Die Wiesn dauerten wegen dem Feiertag länger. So kam noch einmal Besuch aus der Heimat. Ihre Wohnung wurde aufgefüllt. Sie zog zu Franz und die Abende waren gerettet. Maria war im Westend unterwegs gewesen, hatte sich dort für ein Projekt getroffen, ein Freund hatte dort ein Atelier. Das Westend hatte sich stark verändert. Seitdem die Messe weggezogen war, waren viele neue Gebäude entstanden. Alte Geschäfte wurden verdrängt. Das Deutsche Museum hatte in der alten Messe eine Dependance. Autos, Fahrräder, Eisenbahnen. Auch eine Wirtschaftsberatung war eingezogen. Große Rechtecke in Beton mit Orange und Blau. Eine Treppe zum Verlaufen stand auch davor. Nicht für Wiesnbesucher geeignet. Nut nüchtern zu betrachten. Maria fuhr bis zur Schwanthalerhöhe, dort warteten ihre Freunde. Hier und dort lagen schon manche herum. Vorglühen war eben günstiger. Maria trank gern ein Bier. Aber Vorglühen kam ihr sonderbar vor. Stillos. Sie ging immer nüchtern ins Zelt. Sie waren spät dran. Platz gab es kaum noch. Großes Gedränge. Zum Glück hatten sie Reservierungen. In der Luft lag das Bier.

dolce far niente

niente. groß oder klein. nach dem sturm ist vor

der ruhe. bloß keine eile jetzt. niente. rom

ist nicht weit. über den brenner. vielleicht einen

zwischenstopp am lago die garda. zur übung. damit man

nicht ohne vorbereitung ankommt. auch bolzano würde

sich anbieten. man könnte auch gleich auf die autostrada

verzichten. später am arno einen spaziergang machen

dolce far niente ist nicht so leicht zu haben. da muss man zeitig

anfangen. du sagst, die italiener hätten keine zeit mehr dafür?

 

 

Nach der Ruhe der Sturm

Franz war über die Diskussionen über den Trainer vom FC Bayern durchaus erfreut. Nach dem medialen Getöse um die Bundestagswahl gab es nun ein anderes Thema für die Seite 1. Auch im Wirtshaus wurde nicht mehr nur über CSU, AfD und Merkel geredet. So bekam die Politik ja vielleicht ein wenig Zeit zum Nachdenken. Im Grunde war es ja dem Franz einerlei, wer nun bei den Bayern auf der Bank saß. Der Kaiser würd es wohl nicht mehr machen und an Lothar Matthäus glaubte auch keiner. Vielleicht würden sich die Bayern ja ein richtiges Krisenjahr gönnen mit Platz drei am Ende der Liga. Täte der Bundesliga ja eigentlich gut, wenn mal wieder ein anderer Meister werden würde. Monotonie ist schlecht fürs Geschäft. Franz ging lieber zu den 60zigern. Die reisten mit Freude durch Bayern, waren erfolgreicher den je und hier und da wurde auf der Tribüne was Süßes geraucht. Franz mochte nichts Süßes zum Rauchen. Im Stadion ein Bier war für ihn genug, oder was zum Essen. Bei den Löwen war fast Ruhe eingekehrt. Ungewöhnlich. Gestern hatten sie 3:1 gegen den Tabellenzweiten gewonnen. Viele gelbe Karten. Viele Punkte Vorsprung. Den Sonntag hatte Franz langsam angehen lassen. Das Gewitter in der Nacht hatte für Abkühlung gesorgt. Vormittags Kuchen gebacken. Noch war Zwetschgenzeit.

Die Jäger gehen ohne Beute heim

Fasanen laufen nicht über die Felder

der Maisernter erwischt immer wieder ein

Reh, Herbsthimbeeren färben die Zunge

 

blutig, heruntergefallene Nüsse haben ihre

schützende Hülle verloren, eilig laufen die

Liebenden nach Hause, auf dem Herd

 

kocht eine Suppe, eifrig basteln die Kinder

am Drachen, wenn Wind kommt, wollen sie

bereit sein, die Wolken am Himmel lassen

 

sich noch Zeit, Vivaldis Concerto grosso

tanzt über die Auen, die Jäger gehen

ohne Beute heim