Mathias #8

Mais mochte Mathias nicht. Hatte ihn nie angebaut. Brauchte ihn auch nicht. Seine Kühe aßen Gras oder Heu, frisch von der Wiese oder im Winter getrocknet. Mehr brauchten seine Kühe nicht. Die Milch schmeckte wunderbar. Wenn er gute Tage hatte, machte er noch selber Butter. Manchmal half die Nachbarin. Jeder lobte seine Butter. Schmeckte anders als die aus dem Supermarkt. Die Nachbarn kauften ihm gern eine Butter ab. Aber viel hatte er nicht. War zuviel Arbeit für ihn. Doch für sich selber und den einen oder anderen langte es schon. Brot mit frischer Butter. Mehr brauchte er dann nicht zum Abendessen. Viele Bauern bauten ja den Mais an. Zum Glück war der meiste jetzt abgeerntet. Wurde auch Zeit. Der Blick reichte viel weiter über die Wiesn. Saß auf seiner Bank und schaute in die Ferne. Sah über die Wiesn und Felder. Auch als die Sonne längst untergegangen war.

der frühe vogel

im sommer fuhr er schon sehr früh

als die vögel zu singen anfingen

mit seinem rad die isar entlang.

gerne nahm er sein rad, so war er

 

schnell am gewünschten ort. zwei

körbe, vorne und hinten, dazu noch

alte satteltaschen. er musste schnell

sein, damit anderem ihm nicht zuvor

 

kamen. gerade am samstag- und

sonntagmorgen konnte er auf reichlich

beute hoffen, mit glück fand er sie schnell

konnte die weggeworfenen pfandflaschen

 

aus den mülleimern fischen, hier und

dort fand er sie auch verstreut in den

büschen und auf dem kiesbett verteilt.

schwer beladen traf er beim supermarkt ein

Mathias #7

Sein Hof hatte noch einen Misthaufen. Freute die Hühner. Mit der Schubkarre musste Mathias den Mist aus dem Stall rausfahren. Morgens, abends. Hatte zum Glück Hilfe. Kein moderner Laufstall. Im Sommer trieb er die Kühe auf die Weide. Freute die Kühe. Hatten dort ihre Ruhe. War nicht weit vom Hof, schräg gegenüber. Als Mathias noch mehr Kühe hatte, mussten sie oft weiter gehen, weil sonst das Futter nicht langte. Aber die fünf waren genügsam. Wie der Mathias. Der brauchte auch nicht mehr so viel. Seine Hühner waren auch mit dem zufrieden, was sie so fanden. Mathias Schuhe waren schon öfter beim Schuster. Auch sein Gewand wurde hier und da geflickt. Nur am Sonntag war er herausgeputzt. Sein Gesicht hatte oft Bartstoppeln. Am Sonntag sah man meist keine im Gesicht. Er ging gern in die Messe. War schon immer so gewesen. Doch einen Pfarrer gab es nicht immer. Das störte ihn. Den Pfarrer verstand er nicht immer. Das war dem Mathias nicht so schlimm. Irgendwie mochte er den neuen. Kam aus Indien. War immer freundlich.

fallen blätter, fallen

das obdach will wünschen

jeden seins, jetzt, wo kommen

die stürme des herbstes

der winter auch sein

 

weißes kleid, zum

wärmen auch einen ofen

gegangen wohl der sommer

nun. fallen blätter, fallen

Getöse

Franz mocht die Zeit vor der Wiesn und nach der Wiesn. Die Ruhe danach, als wäre die Stadt fast ausgestorben. Nur scheinbar. Es gab ja eh genug Münchner. Aber mit ein paar weniger Touristen konnte man sogar wieder durch die Innenstadt radeln. Nur das Wetter war schlechter geworden. Unbestimmter. Immer wieder Regenschauer. Eine neue Regierung gab es noch nicht, nur Vorgeplänkel. Würde noch ne Weile dauern. Franz war erstaunt über die wenigen Rücktritte. Da hätte der eine oder andere Politiker doch Verantwortung für die Verluste übernehmen können. Kurz war er auf der Buchmesse gewesen. Ein wenig sich blicken lassen. Gehörte dazu. Hier und dort Gespräche führen. Kollegen treffen, Verlagsleute treffen, Gesicht zeigen. War eigentlich nicht sein Ding. Lieber in Ruhe schreiben. Werbung sollten andere machen. War kein Bühnenstar. Kein Slamer. Heute war oft lautes Getöse. Franz war immer froh, wenn er von Frankfurt wieder wegfuhr. In München fühlte er sich wohler. Kannte die richtigen Orte. Ging hier hin und dort. Zeigte sich. Aber das war sein Leben. Kannte die Buchhandlung, jenen Verlag, diesen von der Zeitung oder vom Radio. Trank ein Bier oder zwei. Oder ging heim, wenn es nicht passte. Setzte sich auf sein Rad, ob Regen oder Sonnenschein und fuhr davon.

auf dem land #2

auf dem land gewinnt der

milchwagen gegen den bulldog

das kurvenrennen, die schneefangzäune

werden in position gebracht, am

 

werk waren wieder die optimisten

bildungswillige kinder werden vom

schulbus in die lernanstalt geliefert

milchkühe müssen schon lange

 

nicht mehr ins freie, auch die

schweine haben es gemütlich in

ihren zuchtanstalten, auf dem

wegrationalisierten misthaufen

 

kräht schon lang kein hahn mehr

hier und da läuft eine

maus übers feld in die arme

der lauernden katze

Mathias #6

Ein Auto hatte Mathias nicht. Warum auch. Wollte ja auch nicht fortfahren. Wenn er was zu erledigen hatte, nahm er sein Fahrrad oder seinen Bulldog. Er hatte ja Zeit. In der Scheune stand auch noch ein altes Moped. Setzte sich manchmal drauf und fuhr nach Altomünster. War ihm mit dem Fahrrad zu anstrengend geworden. Seine Knie waren nicht mehr die jüngsten. Die Hercules war nicht schnell, lief aber zuverlässig. Schaffte auch Steigungen. Kaufte sich eine Kugel Eis. Setzte sich auf die Bank und aß es in der Morgensonne. Mathias gönnte sich immer nur eine Kugel. Danach kaufte er Brot und fuhr heim zu seinen Kühen und Hühnern. Manchmal redete er mit dem Eisverkäufer. Über Italien und die Berge. Über Fußball. Mathias schaute fast nie fern. Doch manchmal ein Fußballspiel. Sein Fernseher war klein. Den Ton musste er lauter stellen. So gut hörte er nicht mehr. Wenn in seinem Dorf Kinder mit dem Ball spielten, blieb er manchmal stehen. Früher war er auch so gehüpft. Als gäbe es kein Morgen sich die Lunge rausgerannt. Wenn er zurückkam aus Altomünster, ging er immer in den Stall und erzählte den Kühen alles. Mathias war nicht allein.

Orpheus Lieder

Der abgehackte Wald liegt auf dem

Fußboden, ungeduldig warten

Orpheus Lieder in den Ohren laufen

 

wir über die Auen, kein Platz in der Unterwelt

gefunden, die Wolken ziehen den Kirchturm

in den Himmel hinein, Eurydike hüpft

 

leis davon, der Finsternis weichen, die letzten

Sonnenblumen kämpfen gegen die Astern um

die Gunst, dazwischen gesponnen das feine

 

Netz der hungrigen Spinne, die Blätter gehen

ins dunkle Rot, die Lyra fortgeworfen, Schatten

nur Schatten geblieben

Mathias #5

Wenn Nebel lag, die Kälte drang in seine Glieder. Im wurden die Hände noch schwere, der Rücken wurde zum Kreuz. Mathias liebte den Herbst nicht. In der Früh lag schwarze Luft über seinem Hof, die Lichter im Stall gaben kaum Helle. Der Atem der Kühe schleuderte ihm Wolken entgegen. Fliegen vergangen. Schwalben das Weite gesucht. In seinen Träumen wäre er manchmal gern mitgeflogen. Birnen und Äpfel hingen noch am Baum. Alles konnte er nicht mehr ernten. Unter den Bäumen sammelten sich das Fallobst. Nach dem Stall an den Ofen. Der Kaffee wärmte ihn von Innen. Seine schweren Stiefel standen vor der Türe. Der Lehm bröckelte nur langsam von der Sohle. Hin und wieder kam der Kater und forderte seine Milch ein. Das harte Brot tunkte er gern in seine Tasse. Wenn ihm jemand Kuchen brachte, war er glücklich.

in der u-bahn #2

abendgedränge. längst sind die sitzplätze

besetzt. die studenten müde der professoren

noch schnell muss die mutter mit ihren

kindern zum einkaufen. nächster

 

halt odeonsplatz. die stehplätze werden

knapp, geschiebe, körper an körper. wer kein

handy in der hand hat, muss rentner sein

oder kind. hier und da, fast verloren, menschen

 

die miteinander reden. verschiedene sprachen

dringen ans ohr. porschefahrer nicht anwesend

marienplatz. die u-bahn spuckt die fahrgäste

aus. schnell zur s-bahn. rauf in die fußgängerzone

 

etwas erledigen. in dem bauch der stadt ein

gewimmel. vorbei geht ein passant, zieht

in einem holzwagen eine gans hinter sich her. als

hätte er sich verirrt. doch dies ist nur scheinbar