Leicht frühjahrsmüde schaute Franz von seinem Balkon. Grün wars geworden und er hatte sich Geranien besorgt. Die vertrugen gut die Sonne und blühten den ganzen Sommer lang. Diesmal hatte er sich für rosafarbene entschieden. Stehende und hängende. Ein paar Tomatenpflanzen hatte er auch auf dem Balkon. Aber für mehr war kaum Platz. Schließlich wollte er ja auch noch sitzen können. Gerne schrieb er auf dem Balkon. Oder, wenn es warm war, schlief er dorten. Er liebte es. Es war wie Urlaub. Der Blick ging zum Sternenhimmel. Meist schlief er nur draußen, wenn er am nächsten Tag nicht allzu früh raus musste. Über Trump konnte Franz immer wieder nur den Kopf schütteln. Hier eine Entlassung, dort ein Geheimnisverrat. Aber über Schulz schüttelte Franz auch den Kopf. Gut gestartet, stark nachgelassen. Der neue Hype war wohl die FDP. Ein Mann-Partei. War Franz suspekt. Franz hatte gehofft, die Bundestagswahl würde interessant werden. Diese Hoffnung war im flöten gegangen. Am Abend würde Maria kommen. Sie würden auf dem Balkon sitzen. Die Sterne waren ihnen gewiss. Mehr brauchte er heute nicht. Und einen guten Rotwein.
Autor: orangeblau
Zehn Jahre übers Meer #2
Die Schlachten waren
groß, bestehen musste der
Held, umkämpft die Stadt
Troja, zehn Jahre, zwölf
Schiffen heim fuhr Odysseus,
und irrte herum
Zehn Jahre Odysseus übers
Meer. Grausam und heldenhaft
kämpfte gegen Zyklopen,
ausstechend das eine Auge,
listig hängend an die Ziegen
zur Flucht. Kämpfend gegen
den Schlaf der Lotusblume,
einfangend die Winde der
Meere, besiegt die Zauberkraft
von Kirke und widersteht dem
Gesang der Sirenen.
Kalte Sofi
alles hie macht die kalte
sofi, geranien auf den
balkon gekarrt, lang gehegt
im winter unterm speicher
die alten wörter der kälte
abgelegt wie verwelktes laub,
am himmel schieben dicke
gewitterwolken die sonne weg
die liebe verursacht unruhige
nächte, das abendständchen
singen die vögel im baum aufgeregt,
als wären sie aus italien abgehauen
rio reiser drönt in den ohren
die eisheiligen
die eisheiligen nicht von den
scheiben gekratzt, in den
zügen die radfahrer in ihren
leuchtenden kostümierung begegnet
für die fahrt in die berge gut
gerüstet, die lektüre beschränkt
sich meist aufs smartphone, ein
buch wäre zuviel last und mühe
in den gewächshäusern suchen
die tomatenpflanzen nach
größe, das geheimnis der genialen
freundin noch nicht gelüftet, über
den rapsfeldern fliegen tief die
raben, erst am abend
maiandacht, der schirm wird
ausgebreitet, voller güte
einen pflaumenbaum zur ehr
zwischen dem verrückten
erdbeermund und den balladen
des villons, der lebenswandel nicht
ohne rüge, die justiz stellte ihm nach
wund das tier in dir, die leidenschaft
nicht endend, im winter gar gesehnt nach
deinem mund, in paris
gelebt die jahre der sünde, gelästert
der leidenschaft gefrönt, frei, ohne
angst vorm henker bis zuletzt
zwischen lumpengesindel
und grab einen pflaumenbaum zur ehr
in der bar #2
an der viel zu langen theke
hockten die verlorenen
gäste, die geschichten der nacht
noch nicht zu ende
erzählt, der barkeeper
wischt gelangweilt mit
seinem lappen die theke
schüttet er nach, die zungen
der gäste bemühen sich um
eine klare aussprache
die küche hat schon lange geschlossen
die schwarze fliege sitzt
recht schief am hals, durch
die großen fenster werfen
vereinzelt autos ihr licht
erhellen die flaschen im regal
die erdbeeren vergehen zwischen den lippen
die gelben riesen messen
schon 2 cm, rosen starten bald
ihren duftangriff, das
zerflossene herz in den
mülleimer gekehrt, schwer
liegt der Flieder in der luft, in
der buchstabensuppe schwimmen
verse von sappho, zwischen mond und
aphrodite kein entringen, der weihrauch
der suppe entstiegen, die erdbeeren vergehen
zwischen den lippen der geliebten, ihr haar
liegt blond in seinen händen
Hypothalamus
Am Baum hängen die grünen
Kirschen, die Sonne stirbt tagein
tagaus ihren kleinen Tod, das
Gehirn läuft Sturm, die Freibäder
warten voller Hoffnung auf
Besuch, Pankratius lässt keinen
frieren, der Hypothalamus aus
den Fugen geraten, Hitze läuft
durch den Körper, die blauen
Lilien haben ihre Schwerter
gezogen, die Sperlinge
fliegen tief
berge von tomaten
zwischen den häuserschluchten
gelato al limon, geknattere von
roller, die sonne strahlt auf der
gegenüberliegenden seite
schatten ist hier keine schande
den kaffee des morgens im
stehen getrunken, die
fussballergebnisse ganz in
rosa, auf dem markt fisch
gekauft, berge von tomaten
versperren den weg, gegen
mittag kehrt ruhe ein
mäusebussard auf verlorenem posten
kuckucksschrei verlorengegangen,
nur hier und da ein
mäusebussard auf verlorenem
posten, himmelfahrt nähert
sich, der blauregen kämpft mit
dem flieder um zuneigung, vor
dem supermarkt ein nicht mehr
nüchterndes mädchen, teilnahmslos
in die leere starrend, die passanten
eilen vorbei, der raps hat die
landschaft gelb gefärbt, in der
stadt hupen die autofahrer, die
ranunkeln haben den kampf
gegen den regen vorerst verloren
das blau des himmels trügerisch