Der Mai

06.05.2017

Trump war schon über hundert Tage an der Macht. Die Welt drehte sich noch. Obamacare ging es an den Kragen. Kim zeigte seine Muskeln. In Frankreich wählten sie einen Präsidenten. Oder eine Präsidentin. Franz machte sich deswegen keine großen Sorgen. Er war kein Pessimist. Doch einen Sieg der Le Pen würde Europa erschüttern. Dann doch lieber den glatten Macron. Das Wetter des Aprils fand Franz nicht so erbaulich. er liebte den Mai. Voller Verheißung. Ein einziges Versprechen. Was der Mai oft nicht hielt. Aber Spargel und Erdbeeren. Dies war Franz recht. Viel mehr brauchte es im Mai nicht, um Franz glücklich zu machen. Der liebte es, in der Zeit aufs Land zu fahren, Spargel gab es an jeder Ecke. Bald schon kam die Marmeladenzeit. Die war noch besser. Der Duft von selbstgekochter Marmelade in der Küche war kaum zu übertreffen. Am Abend begann die lange Nacht der Musik. Franz wollte sich einiges anhören. Es gab so viele Orte, an den etwas los war. Nur nicht den Überblick verlieren. Nur nicht die Freunde verlieren bei dem ganzen Trubel.

pariser leben

im schatten von flaubert durch

die alleen gewandert, in der

sonne geraucht, mittags auf der

parkbank den tauben nachgeschaut

sartres sein mit der fußspitze

gespürt, keinen halt gefunden, den

geistern von universität paris VIII

davongelaufen, die kinderwägen

schiebenden mütter gehen ins

café, bauern sieht man hier keine,

die libération unterm arm

geklemmt, kein lächeln im louvre

im quartier saint-germain-des-prés

nach verlorenen gedanken gesucht, die

bilder von godard verloren

Sommer

Über die Kornfelder

laufen die Kinder nach Haus

am Wegrand, hier und da

zwischen den einzelnen Halmen

 

blühen Mohn und Kornblumen

die Gewitterwolken treibt der

Wind voran, die Farben werden dunkler

schieben sich vor die Sonne

 

schon prasselt der Regen auf die

Kinder nieder, schneller

werden ihre Beine, der

Donnerknaller fährt durch

 

ihre Glieder, Regen drückt die

Felder nieder, durchnässt und

glücklich erreichen sie

ihr Haus

ins blaue!

blau ist eine farbe

oder nichttätigkeit

die farbe der blume und

der sehnsucht

der fischer aufs blaue meer fährt

der künstler malt leinwände blau

der pilot fliegt in den blauen horizont

der blaumann ist schwer

aus der mode gekommen

blaue hosen en vogue

wer läge nicht gern unter einem

blauen himmel?

mit blauer tinte so mancher brief verfasst

doch empört euch: der himmel ist blau!

die anderen ritten nur auf einem blauen pferd

oder spielen auf einem blauen klavier

komm, fahren wir ins blaue!

flügelloser engel

der bildhauer hackte mit

dem beil den stamm

entzwei auf der suche nach

dem ausdruck, voller neid

 

ob der körperlichen mühen

suchte der dichter seinen.

indianer hätte werden

wollen. strichmännchen

 

erschien ihm vor augen

anstelle parataxen. die

kettensäge schaffte ordnung.

vor seinen füßen lagen

 

die späne seiner arbeit,

sein kleinhirn dankte ihm

wenig, sein flugvermögen

massiv gestört, die großhirnrinde

 

bekam neue falten, die

nervenbahnen schienen

ihm immer länger zu werden

beim anblick der skulptur.

 

flügelloser engel.

Einen Hering im Schnabel #2

Als  der Fischkutter ausfuhr,

still war die See, die Wellen

faul, nur leise plätscherten

sie dahin. Die Mannschaft

döste in der Sonne, gelangweilt

der Kapitän. Herab vom Himmel

eine Möwe

keck und frech

schnappt sich, vor den großen

Augen des Kapitäns, einen Hering

und fliegt davon  mit flinkem

Flügelschlage

Hosentaschen #2

 

Vielleicht sollte man

lieber Wörter  in

Hosentaschen füllen.

Keine Steine, Matchboxautos,

 

Taschenmesser. Für unterwegs,

für auf der Straße, für im

Bus, auf der Wiese, für wenn

man im Baum sitzt und wartet.

 

 

Kartographie #Herrsching

Der Blauregen im Hinterhof bekam Hoffnung. Kälte und Schnee schienen gebannt. Maria hatte sich schon Sorgen gemacht. Der April ging zu Ende. Die Eisheiligen? Wen sollten die noch schrecken. Maria malte gern Gesichter, doch Blumen lagen ihr auch am Herzen. Sie malte sie nur selten. Doch ihre Liebe hatten sie. Oft hatte sie zuletzt mit Trauer und Sorge die Obstbäume angeschaut, die sich gegen den schaurigen April schlecht wehren konnten. Am Sonntag war sie in Andechs gewesen. Franz hatte ihr den heiligen Berg zeigen wollen. Sie waren nicht die winzigsten. Sie waren weite Teile mit dem Fahrrad gefahren. Beim Anstieg war sie ein wenig aus der Puste gekommen. Andre, die ihr entgegen kamen, gingen nicht mehr gerade. Sie wollten in die Klosterkirche und erst später ein Bier trinken. Manche tranken nur Bier. Maria mochte die Frömmigkeit, die der Berg ihr entgegen brachte. Später nahmen sie die S-Bahn zurück. Die Beine waren schwer geworden, der Kopf müde.

keine eile

die segel gesetzt in der

frühlingssonne, fahrräder dürfen

dem see entlang, über die hügel

rollen die motorräder, die sonne

 

spiegelt sich in den zarten wellen

nur eine leichte brise treibt

das schiff ans andere ufer, die

zeit zerinnt, wir haben

 

keine eile, so bleibt genug zeit

für einen kuss. was wartet schon

am land? noch berunruhigt uns

nicht der schwankende boden,

 

nur von fern hören wir die

geräusche der motoren,

am abend soll es renken geben,

noch sind wir auf see, der wind ist lau

 

heute verspüren wir keinen hunger.

zarte wolken fliegen über das blau

die möwen kommen näher, von den

bergen grüßt der schnee.

satt sehen

Gern sah sich Franz an einem Film satt. Wenn der Hunger groß war. Er neue Bilder brauchte. Auch satt hören gefiel Franz. Doch Hunger wurde am besten durch einen Film gestillt. Meist waren es eher kleinere Filme in kleineren Kinos, die seinen Hunger stillten. Ein Hunger, den kein Fast Food-Restaurant stillen konnte. Auch kein Fast Food-Film. Popkorn war da für Franz auch nicht förderlich. Franz schaute gern französische Filme an. Aber auch italienische, amerikanische, deutsche, englische, mexikanische, japanische etc. Es gab da keine Grenze des Appetits. Er musste nur gut schmecken, der Film, ihn satt machen. Manche Filme machten öfter satt, konnte sich Franz mehrmals ansehen. Doch dies war eher selten der Fall. Die Zeitspanne dazwischen durfte nicht zu kurz sein. Sonst stellte sich schnell der Hunger ein.