Modriges Holz

Modriges Holz knarscht

moosbedeckt, krabbeln die

Spinnen und Käfer, als

wäre ein Festmahl zu

erwarten, aus ihrem

Versteck, zwischen den

Baumstämmen liegt

ein Rabe. Den Frühling wird

nicht mehr riechen er

die Jäger gehen bald auf

Beute aus.

Nebel über den Wäldern

Nebel über den Wäldern

fallen die Früchte des Herbstes

ein Frösteln liegt auf der Haut

Kastanien, Eicheln

die Wildschweine freuen sich

früher sammelten Kinder sie

in Scharen, auf dem

Smartphone nicht Platz

findet das

Kastanienmännlein

das Feuer daheim kommt

nicht auf dem Ofen

Läge schon Schnee

Läge schon Schnee auf den Dächern

wir könnten vergessen

Aleppo, einfach vergessen,

die zerstörten Straßen, die

Schuttwüsten der Häuser, das Weinen

der Kinder, die Hilflosigkeit der Erwachsene

zugedeckt mit einer weißen Decke könnten

wir es als beruhigend empfinden

wir könnten Aleppo einfach vergessen

kein Tod mehr sichtbar, kein Geschrei

Ich

Ich ist ja immer ein anderer, warum sollte der Autor nicht auch ein anderer sein, seine eigene Geschichte erzählen, warum sollte Elena Ferrante nicht Elena Ferrante sein, warum sollte sie nicht Tochter einer Köchin aus Neapel sein oder eine Putzfrau aus Rom. Oder eine Lehrerin aus Perrudja. Lese ich anders, wenn die Autorin ein Börsenhai aus New York ist? Ich ist Immer ein anderer. Und wer kennt schon sein eigenes Ich.

 

Rastlos

Schnell malte van Gogh, schnell,

Affekte warf auf die Leinwand er.

Mit großem Eifer, vergleichbar als

würde verzehren der Marseille seine

Bouillabaisse, seine wunderbare Fischsuppe,

malte van Gogh seine Sonnenblumen

hitzig, heiß, mit Leidenschaft bannte

die großen Blumen er auf die Leinwand

gefallen im Rausch der Malerei

rastlos, gefallen, voller Schwindel

3500

3500. Das ist die Zahl. Ungefähr 3500. Menschen. Tote. Der Preis für Europa. Wollten nach Europa. Über das Meer. Dieses Jahr. 3500. Von Afrika nach Italien. Mit einem Boot. Ertrunken. Schönes Europa. Eisiges Europa. So viel ist uns der Luxus wert. Die Mauer in unserm Herzen. Der eiserne Zaun. Dieses Jahr, bis jetzt. 3500 Ertrunkene. Im Mittelmeer. Zwischen Libyen und Italien. Wirtschaftsflüchtlinge. Kriegsflüchtlinge. Armutsflüchtlinge. Haben sich auf den Weg gemacht. Ihr Leben riskiert. Nicht geschafft.

Seit 2014 sind 10.000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Ein schönes Europa. Ein einiges Europa. Es haben auch Menschen geschafft. Rund 150.000 Menschen haben in diesem Jahr den Weg über das Mittelmeer nach Europa geschafft.

Der Wald

Der Wald scheint doch

Heimat zu geben und Geborgenheit

nicht nur dem wilden Schwein oder

dem Reh, immer wieder geht

auch der Mensch, meist

Jäger nicht in die Waldesruh

suchend zwischen Fichten und Eichen

meist die Früchte nicht, Kastanien

er und Eichel, Bucheckern nicht

isst, doch findet er, zwischen

den dunklen Stämmen, die

Vögel pfeifen es von den Wipfeln

als wäre dem Menschen hier

sein Paradies, verloren

ist´s, verloren, doch

suchet er, doch

suchet

Über die Linie

Die Landschaft vereinnahmt

Straßen durchziehen

Linien über das Land gelegt

leer nur scheint die Wüste

das Eis der Pole wehrt sich

eingekerbt in die Erde riesige

Städte, aufragend in den Himmel

das Meer wirft Wellen gegen den Kai

der nicht entdeckte Kontinent

wird von Linien durchzogen

Wenn die Sehnsucht

Wenn die Sehnsucht

nicht wäre

wie sollte dann

wenn die Sehnsucht

nicht wäre

wie sollte entstehen ein Gedicht

wenn die Sehnsucht

nicht wäre

gemalt werden können

ein Bild

wenn die Sehnsucht

nicht wäre

 

wenn die Sehnsucht

nicht wäre

wie sollte gelingen

ein Lied zu singen

wenn die Sehnsucht

nicht wäre

zu spielen

auf dem Klavier

wenn die Sehnsucht

nicht wäre

 

wenn die Sehnsucht

nicht wäre

wie sollte das Leben

gelebt werden

wenn die Sehnsucht

nicht wäre

Das Obdach

das Obdach will wünschen jeden

seins, jetzt wo kommen

die Stürme des Herbstes

der Winter auch sein

weißes Kleid, zum

Wärmen auch einen Ofen,

gegangen wohl der Sommer

nun. Fallen Blätter, fallen.