Fußballpause

Wenn der Ball rollt, können die Gedanken dem Ball nachrollen,
wenn er nicht rollt, rollen die Gedanken woanders hin.

Eselpfade

Die alten Eselspfade rauf in das Bergdorf,
mühsam in der Hitze des Tages. Das frühe
Aufstehen lohnt, die Steine liegen gern
im Weg des ungeübten Wanderers. Für Wochen
hier oben Quartier genommen, kein Handy-Empfang,
kein Wlan-Netz im Haus. Im Dorf stürzen schwarz
verhüllte Frauen auf uns zu und wollen
bestaunen, die Fremden, uns. Sie bieten
Hühner an, noch lebende, bestimmt sehr
schmackhaft, wenig fett, garantiert keine
Massentierhaltung. Kein Wort verstehen wir,
ohne Hühner freuen wir uns auf die Kühle des Hauses.
Wasser gibt es am Brunnen. Kalamata ist nicht
weit und doch, es scheint Jahrhunderte entfernt.
Esel sieht man auch, hin und wieder, beladen
mit dies und das. Eile hat kein Esel, hat
keiner hier. Die jungen Bewohner sind längst
in die Stadt gezogen, auf dem Berg ist
das Leben viel zu beschwerlich für sie.
Fremde werden kommen und das Dorf erneuern.
Noch stehen hier Ruinen herum. Doch der
Blick aufs Meer ist viel zu schön für Ruinen.

Über den Mut

Der Mut ist ein seltsam Ding.
Wenn man ihn braucht, ist er oft
nicht da. Da schien zu sein er,
doch, als gewagt werden musste,
er nicht gewagt. Ach hätte doch
gehabt er den Muot, es wäre schon
was daraus geworden, das Herz es wollte
rutschen in die Hos´, so fern der Mut.
Während kühlen mussten die anderen
ihr Mütchen, er nahm doch vom Fell
des Bären ein Stück. Doch Hochmut
kommt vor dem Fall, die Übermut
zu groß gewesen, verfiel er jäh
in Schwermut. Doch nun er sitzt
da in Demut und blickt an ihre
Anmut.

„Training des aufrechten Gangs“

Manche Bücher haben ihre eigene Geschichte. Neulich einen Gedichtband gekauft. Antiquarisch. Volker Braun, Training des aufrechten Gangs. Mitteldeutscher Verlag, Halle – Leipzig, 1979. Zehn Jahre vor dem Mauerfall erschienen. Printed in the German Demokratic Republic. Kaufpreis damals: DDR 5,- M. Soweit so normal und doch schon auch der Beginn einer Geschichte. Der Besitzer? War eine Bibliothek. Redaktionbibliothek des Neuen Deutschland. Datum des Erwerbs: 17.6.1980. Neues Deutschland war das Zentralorgan der SED in der DDR. Gibt es heute auch noch. Auflage 2016: ca. 30.000. Kein Zentralorgan mehr. Auflage der Bildzeitung: ca. 2.500.000 täglich gedruckte Exemplare, davon werden rund 500.000 nicht verkauft. Fürs Altpapier gedruckt.
Zustand des Buches ist relativ gut. Der Schutzumschlag ist leicht beschädigt, das Buch enthält außer dem Stempel und des Eintrages des Bibliothekars keine Gebrauchsspuren, weder Bleistift, noch Rotwein oder Brandflecken. Das Buch durfte in der DDR erscheinen, obwohl Braun sich für Wolf Biermann eingesetzt hatte und die Resolution gegen die Ausbürgerung Biermanns unterschrieben hat.
Das Buch wurde angeschafft, als Günter Schabowski gerade Chefredakteur des Neuen Deutschland geworden war. Der mit dem Zettel beim Mauerfall. Hat er die Gedichte gelesen? Sich im aufrechten Gang erprobt? Viele Künstler, die die Resolution unterschrieben haben, verließen freiwillig bzw. unfreiwillig die DDR. Braun blieb. Eher ungelesen der kleine Band in der Bibliothek stand. Warum angeschafft? Um eine Kritik zu schreiben? Einen Verriss? Den aufrechten Gang wollte das Neue Deutschland sicher nicht üben.

Die Stachelbeere

Im Sommer gibt es gar sonderliche
Früchte im Garten zu essen. Nicht
nur süße. Stachelbeeren z. B.
Er aß sie manchmal gerne, diese sauren
Früchte, die die Vögel, anders als
die süßen Kirchen, gerne am Ast
hängen lassen.

Viele hatte er nicht im Garten,
doch genug,um immer wieder eine Hand
voll davon essen zu können. Die Mungatzen,
Ägäisch oder Druschen.
Weit verbreitet und doch wenig geliebt.
Erdbeeren gibt es überall an jeder Ecke
in lustigen Erdbeerhäusern zu kaufen,

aber ein Stachelbeerhaus? Hatte er nie gesehen.
Marmelade kochte er gerne aus den Beeren,
die am Strauch noch übrig blieben.
Da zog sich der Mund
weniger zusammen. Sein Großvater hatte
früher gerne auch Kompott daraus gemacht,
doch Kompott ist auch aus der Zeit gefallen.

Vom Märenträger

Ausgestorben scheint der Beruf des Märenträgers.
Womöglich ist die Last zu groß geworden.
Erzählte doch der Träger Mären von
alters her, von Rittern, Hexen, Kriegen.
Aus der Mode gekommen, obdoch
im Youtubekanal die eine oder andere Mär
gern erzählt wird. Von Recken sonderbar.
Mitunter scheint es auch unter der besonderen Spezies
der Politiker den einen oder anderen
Märenträger zu geben. Schon früher schien
der Ruf des Märenträgers nicht immer
der Beste gewesen zu sein, das Brot
schwer verdient worden. Auch eingespannt
im Geschirr der Wasserglaspoesie ist die
Mär nicht weit, das Brot doch fern.
Zu singen von helden lobebæren,wunder hœren sagen.
Ganz ohne Wasserglas, zumindest ein Rotwein
muss schon sein. So scheint zu tragen
der Märenträger den Buckel voller Geschichten.
Aber im Drachenblut baden, wer will das schon.

Als nächtlings unterwegs

Als nächtlings unterwegs, lauwarm
die Nacht, um die Ohren flogen
ihm Cherubinen. Er wusste nicht recht
woher, wieso. Doch erkannt er sie gleich,
so sonderbar ihre Gestalt. Viel zu viele
Flügel, viel zu viele Gesichter für
irdische Wesen. Engelsgleich sie schienen,
so menschlich ihre Gestalt. Doch er
verstand nicht ihre Worte. Auch Seraphine
flogen herbei. In der Hand, die Cherubinen,
hielten ein Schwert und er wusst´, er muss
gefallen sein aus dem Paradise.

Auflassung

Gerne stolperte er über Wörter,
die Auflassung ist ein solches gewesen,
erinnerte es ihn doch an einen Kuhstall,
bei der ja auch gern die Stalltür aufgelassen
wird. Für die Juristen doch ist eine Auflassung
kein Kuhstall. Bei der Übereignung von
Grund ist es ein geschätzter Begriff. Ob Palast,
Villa oder kleine Hütte, sie muss aufgelassen werden.
Quasi ein demokratischer Akt. Eine Gleichmachung.
Schon die alten Germanen ließen gern, auch wenn
nicht sie besaßen Paläste, die Türen auf.
So verweist der Sachsenspiegel. Weil geregelt sein
muss, was geregelt gehört, erfreut den Notar die
Auflassungsvormerkung. Eingespannt zwischen
dinglichem und schuldrechtlichem Geschäft
war er froh über jede offene Stalltüre und lies
die Fenster gerne weit geöffnet, in der Nacht und am Tage.
froh, weder Veräußerter noch Erwerber zu sein.

Klageerzwingungsverfahren

Wer spräche nicht gerne die
Sprache der Hirten, Jäger,
Vogelsteller, wer hätte
nicht Lust mit den Seemännern
Seemannsgarn zu spinnen,
wer nicht über den Alpen den
Sennern folgen, den Hirten,
die hüten die Ziegen und Schafe,
fern der Sprache der Juristen,
der Bürokraten,der Politiker
einfach dem Wind lauschen,
den Regen aus der Stirn wischen, am
Feuer sitzen und den Käse rühren.
Wie verzichtbar scheint doch manche
gelangweilte Gepflegtheit der Sprache,
wie wenig vermisst. Zwischen Klageerzwingungsverfahren
und Anscheinsgefahr wäre noch Zeit für einen
Blick auf die untergehende Sonne.

Ultramarin

Übers Meer, so glaubte er zu finden das
richtige Blau, übers Meer. Hinter den Wellen.
Nicht irgendein, ein himmlisches,
nicht von dieser Welt seiendes Blau zu malen
Maria und Jesus. Im Norden von
Afghanistan fand er es, das Blau,
welches himmlisch war, viel zu blau für das
Meer, viel zu blau für den Fluss, nur
für Jesus und Maria brauchbar war es,
nicht von dieser Welt, übers
Meer gefahren, hohe Berge überlaufen
fand er das überseeische Blau und malte den
Sohn Gottes und die Gottesmutter Maria.