Kairos

Der Zeitpunkt kann günstig sein, so meinte
er, er müsse die Gelegenheit beim Schopfe packen.
Es müsse der richtige sein, der Punkt, an dem es gelänge,
den sonderbar langen Haarschopf des Kairos
zu erwischen. Denn verstriche der rechte Zeitpunkt,
er würde nur nach dem kahlen Hinterkopfe greifen,
so saß er da und überlegte, ob er denn da wäre, der rechte
Augenblick, zu nehmen seinen Heldenmut zusammen
und zu packen nach dem Zopfe. Da sah er ihn nahen,
den Kairos, mit Flügeln am Fuße flog er auf
ihn zu. Es kam die Gelegenheit zu packen
den Schopfe, doch für was wäre sie da,
die Gelegenheit, für was? Er war sich unsicher,
ob er es riskieren sollte, denn was würde sein,
wenn er gepackt hätte den Kairos beim Schopfe,
was würde sein? Er wusste es nicht.

Schlangenbeschwörer

Schlangenbeschwörer nicht getroffen, der Lech
drückt die Gewittermassen weiter, zu Leibe rücken
die Asseln den Zucchini, gewürfelt die Auberginen,
Sommergemüse, Ratatouille in
der Küche, am Himmel fliegen Schäfchen vorbei,
fleißig laufen die Ameisen über die Straße, in den Lechauen
werden die Grills angewärmt, Sommer liegt auf der Stadt
barfuß über heiße Kohlen läuft keiner, doch wärmt
der Asphalt, tanzend, zwischen Bäume springen
die Gaukler in den Himmel.

Chausseestr. 131

Die erste Schallplatte aufgenommen Biermann hat
daheim, nicht gehen durft ins Tonstudio er,
daheim, in Ostberlin, in der Chausseestr. 131.
Vorbei fuhr die Straßenbahn, mit einem Tongerät
aus der BRD, auch das Mikro geschmuggelt aus dem
Westen. Das schrille Quietschen der Eisenräder
durchdringt, auch die Autos, Trabant?,
zu hören sind, die Tonspur. 1968. Und sang das Wintermärchen,
heulte das Wolfgeheul über Oma Meume, solang
bis schmiss hinaus den Wolf der Staat, als hatte satt
sein unliebsame Geheul, in Köln er sang und durft
nicht heim zurück ins Land, nicht nach der Chausseestr. 131.

Chausseestr. 131

 

Mönche in der Abendsonne

Postkarten aus dem Haus, wer sendet schon noch
mit der Hand geschrieben, Rechnungen nichts
als Rechnungen oder Werbung, doch auch die,
auf nichts ist mehr Verlass, werden weniger
bald werde ich ihn abmontieren, den Briefkasten,
werde die Zeitung abbestellen, dann ist auch in
der Altpapiertonne mehr Platz, nur noch alles
elektronisch, Geldscheine sterben aus, wer will denn
schon noch einen Menschen in einer Bankfiliale antreffen,
Volker Braun nie gelesen, Volker Braun, ein Fehler, sicher
ist dies ein Fehler, sollte nachholen diese Lektüre, unbedingt,
doch anfangen, wo soll beginnen ich, Christa Wolf gelesen, früher,
als noch stand die Mauer, später keine Lust mehr verspürt,
Kassandra geliebt, doch Volker Braun, nie gelesen. Im großen
Klostergarten den Mönchen beim Tai Chi zugesehen.
Ballett der greisen Mönche in der Abendsonne. Muss Volker
Braun unbedingt noch lesen.

Im Drachenblut nicht gebadet

Im Drachenblut nicht gebadet,
nicht besiegt die Zwerge und Riesen,
den Schatz nicht gefunden, Siegfried
nicht genannt, keine Tarnkappe tragend,
Held nicht gewesen, in Schlachten nicht
gekämpft, das Schwert nicht gezogen.
Geschrieben nicht das Lied der Nibelungen
komponiert nicht die Oper, in
Bayreuth nicht gejubelt, sitzt der
Autor vor seiner Schreibmaschine und
schreibt nicht ein Heldengedicht.

Die Paradeiser

Die Tomatenpflanzen treiben ihr Grün
gegen das Dach des Gewächshauses, Urwald
sie wollen bilden, noch sind sie klein, die
ersten Paradeiser, klein, grün und ungenießbar
im Garten ziehen die Wühlmäuse ihre
Bahnen, nicht überschätzt werden kann
die Möglichkeit der Tomate in der Küche
die Vorfreude ist groß beim Gedanken
an die erste frische Tomatensuppe.
Die kleinen roten Früchte werden direkt
in den Mund geschoben werden. Noch warm
von der Tagessonne. Hitze sie mögen und Wasser.
Die Schnecken machen einen großen Bogen
um sie herum. Vom Himmel fällt ein
Traum, schenkt Geduld dem Gärtner,
so dass er kann erwarten noch Woch´
um Woch´ , lang ist ihm oft die Zeit,
doch schließt die Augen er, kann
riechen schon die reifen Paradeiser .

Nix gibt es bei OBI!

Der Obi-Baumarkt bot am Samstag ein Bild des Jammerns. Zwar hieß es in der Presse, dass der Baumarkt weitergeführt werden soll, doch die Realität sieht wohl anders aus. Sicherheitskräfte standen am Eingang, um die eigenen Mitarbeiter „zu bewachen“. Aus Sorge, sie könnten wegen der Dreistigkeit der Besitzer Hand an die Ware legen und zum Maschinenstürmer werden. Doch dazu wäre es am Samstag schon zu spät gewesen. Alle Bohrmaschinen, Sägen etc. waren schon aus dem Geschäft entfernt worden. Die Aquarien waren leergeräumt, der Gartenbereich hatte fast keine Pflanze mehr. Die Mitarbeiter versahen ihren „Räumungsdienst“. Als wäre das Geschäft insolvent und man müsste die letzten Dinge noch verhökern. Alte Christbaumkugeln gab es zu einem Schnäppchenpreis. Wer einfach nur ein paar Schrauben oder Muttern kaufen wollte, musste lange suchen. Ein Bild des Jammerns. Die Strategie der Besitzer ist wohl, um jeden Preis etwas selbstverständliches zu verhindern. Einen Tarifvertrag. So will man den Gesamtbetriebsrat los werden durch Schließen bzw. Verkauf von ebendiesen Filialen, bei denen diese Betriebsräte arbeiten. Steinzeitkapitalismus. Rückfall in Zeiten der industriellen Revolution. Die Familie Haub, eine der reichsten Familien in Deutschland, die schon mit Tengelmann ein seltsames Geschäftsgebaren an den Tag gelegt haben und gerne Wahlkampfanzeigen für die CDU schaltet und Rudis Reste Rampe betrieben haben, haben eigene Pläne. Karl-Erivan Wander Haub, der heute, laut Wikipedia Besitzer, Geschäftsführer, persönlich haftender Gesellschafter sowie Chief Executive Officer (CEO) der Tengelmann-Gruppe ist und zu den 200 reichsten Männern der Welt gerechnet wird, sollte sich lieber zur Resterampe begeben. Besitzer, Manager, Geschäftsführer, die so arbeiten, braucht kein Land.

Analog zur Wahlkampfanzeige, die das Unternehmen für Merkel schaltete, nämlich lieber die Merkel-Raute zu wählen, würde ich in dem Fall doch die Steinbrück-Alternative bevorzugen. Der hatte ja bekanntlich einmal den Stinkefinger gezeigt.

Wie, wo, was, weiß Obi? Nix mehr bei Obi, nix mehr.

 

San Giorgio Maggiore

Eine Insel nur, gelegen in der Lagune

von Venedig, ein Kloster samt Kirche

finden hier Platz. Der Himmel brannte, als

wäre nichts mehr zu löschen, die ganze Insel

ein Flammenmeer, Monet malte,

in Venedig weilend, den Untergang der Abendsonne,

als stünde das Meer in Flammen, verlor das Wasser

sein Blau, verschwammen die Steine zum Wasser

als müsste gelöscht werden die Feuersbrunst.

Ein Schiff nicht kommt zu lindern die Glut,

nur Abendsonne und Meer.

Abendstimmung in Venedig

All you can eat

Auf den Äckern gähnt der Mais ihn
an, versteht nicht mehr den Bauern,
gerad´ noch träumte von den
Hühnern, Schweinen, Kühen,
den Ziegen und den Schafen,
zwischen Kornfeldern und
Rübenacker. Der Nachbar
füttert seine Biogasanlage mit
Inbrunst, auf dem Dach melkt
er die Sonne. Leer steht der
Stall. Zwei ´mal Malle ist
schon drin. Wenn er grillen will,
holt er das Grillgut beim Discounter.
All you can eat.

Le Havre

Das Meer, die Sehnsucht,
der Duft der Fische,
das Salz liegt in der Luft.
Möwen ziehen ihre Bahnen.
Die Sonne bricht sich
durch den Schleier.
Nebel liegt auf dem Wasser.
Das Blau will noch nicht Blau
sein, noch grau, ein paar Schiffe
liegen vor Anker, unscharf, vernebelt,
als Monet in der Früh den Hafen betritt,
Le Havre noch schläft. Nur ein
paar Fischer sind schon unterwegs.

Impression soleil levant