
Januarfirmament




Der Weg ist weit. Ohne Auto fast kein wegkommen. Jurij hat noch keinen Führerschein. Auch kein Mofa. Um seine Freunde zu erreichen, muss er mit dem Bus fahren. Der Bus fuhr nicht oft nach Schemtschug. Wenn er einen verpasst hatte, musste manchmal stundenlang warten. Im Winter konnte das Warten besonders lang werden. Doch die Kälte war er gewöhnt. Manchmal nahm ihn jemand mit, der vorbeifuhr. Doch nicht immer kam jemand. Er mochte das Fahren mit dem Bus. Die Haltestelle hatte bunte Farben. Oft keine andere Seele zu sehen. Sein Dorf war kein Dorf. Nur ein paar Häuser. Ein paar Menschen. Ein paar Schweine. Ein paar Kühe. Kartoffel kamen in die Erde. Getreide. Tomaten wuchsen vor dem Haus. Ein paar Apfelbäume. Jeder sorgte für sich. Keiner musste verhungern. Hier war niemand reich. Die Reichen lebten woanders. In der Stadt. Vielleicht würde er irgendwann in die Stadt ziehen. Irgendwann. Doch dann müsste er seine Familie verlassen. Und seine Freunde. Soweit war Irkutsk ja auch nicht weg. Drei Stunden würde man mit dem Auto brauchen. Im Sommer.
Die Stadt ist alt und doch nicht alt. Früher war sie einmal Vorstadt. Vorstadt von Görlitz. Jenseits der Neiße gelegen. Oder diesseits. Mareks Vater war Soldat gewesen. Mit der neuen Grenze war er hergekommen. Viele Soldaten waren damals in Zgorzelec gewesen. Der Feind war damals im Westen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen fast alle Deutsche fort. Marek hatte in Berlin studiert. War ja nicht weit. Konnte man Wochenende immer heim fahren. Danach war Marek wieder nach Zgorzelec gegangen. Heute arbeitet er in Görlitz, deutschen Teil der Stadt. Kümmert sich um Europa. Marek sind Grenzen nicht so wichtig, er will sie nicht verteidigen. Fühlt sich als Europäer. Radelt immer mit dem Rad über die Neiße. Von Polen nach Deutschland. Von Deutschland nach Polen. Tag für Tag. Viele Soldaten sind nicht mehr in Zgorzelec.



Sommer wie Winter arbeitete Wassili an der Universität für Eisenbahnwesen. War dort Lehrer. Er war selber Ingenieur und bildete Ingenieure für Lokomotiv- und Wagentechnik aus. Seit es die Transsib gab, brauchte man gut ausgebildete Leute für die Eisenbahn. Mittlerweile kann man an der Hochschule auch andere Fächer studieren, doch Wassili bildete nach wie vor Ingenieure für die Eisenbahn aus. Sein Vater war Lokomotivführer gewesen, sodass er immer schon die Eisenbahn liebte. Wassili mochte die Stadt. Es lebten viele Studenten hier. Es gab ja auch viele andere Hochschulen. Seine Wohnung war seit 20 Jahren die gleiche. Plattenbau. Meist ging die Heizung gut im Winter. Konnte nicht klagen. Auf dem Land hatte er eine kleine Datscha. Seine Frau war ganz zufrieden mit ihm. Es ging ihnen gut. Machten Urlaub im Sommer. Hatten zwei große Kinder, die am studieren waren. Vom Balkon konnten sie direkt auf den Fluss schauen. Als der Ministerpräsident die Hochschule besuchte, hat er ihm die Hand geschüttelt.
