Tjumen: Juri #2

Tjumen war nicht mehr weit. Schnee lag überall. Kälte kroch in seinen LKW. Bald würde er Hunger haben. Er spürte es schon deutlich. Den Tura hat er schon überquert. Moskau ist hier weit entfernt. Juri fuhr gerne LKW. Er liebte das Unterwegssein. In Tjumem lebte sein Bruder. War reich geworden mit Öl. Hier gab es viel Öl. Tjumen war schnell gewachsen, seit das Öl reichlich floss. Früher war hier BP gewesen. Doch die brauchte man nicht mehr. Juri hätte gern einen Sohn. Doch mit den Frauen hatte er kein Glück. Sein Bruder hatte Kinder. Drei Söhne und ein Mädchen. Die Jungs schlugen sich immer. Juri hatte früher mal in Deutschland gelebt. Dort mehr Geld verdient. Hatte aber auch viel Stress gehabt. Sein Leben war jetzt entspannt. Er hielt an der Tankstelle vor Tjumen. Immer eigentlich. Manchmal tauschte er irgendetwas. Benzin. Oder was anderes. Dort gab es das beste Schaschlik. Am Feuer gegrillt. Während er im Schnee steht. Der Himmel weiß in der Nacht. Schneeweiß. Seine Wangen rot. Das Holz gibt reichlich Wärme. Er mochte die Frau vom Imbiss. Sie hatte schöne Augen. Manchmal blieb er länger.

Blagoweschtschensk: Majenka #2

Gelb war das Haus angestrichen. Türkis die Fensterläden. Der Dachstuhl glänzte im dunklen Rot in der Morgensonne. Auch innen farbenfroh. Lange Winter hatten keine Chance. Die Tapeten an der Wand hatten Blumenmuster. Kein Grau. Der Fluss Amur nicht weit. Auch nicht die nächste Stadt. Blagoweschtschensk. China ein Katzensprung. Das Haus stand in Ivanovka. Nicht der Rede wert. Ein Dorf wie viele andere. Majenkas Familie war schon vor Jahrzehnten hierhergezogen. In den Ost. Hier war Russland fast zu Ende. Früher hatte man hier nach Gold gesucht. Ihre Familie hatte aber nichts gefunden. Haben Tiere gezüchtet. Kartoffeln gepflanzt. Ihr Vater war Lehrer geworden. Majenka auch. Dorfschule. Rechnen. Lesen. Nun ist sie schon in Rente. Pflanzt immer noch Kartoffeln an. Sie mag ihr buntes Haus. Auch die Kirche mag sie. Die ist ganz in blau. Weiß die Fenster. Am Sonntag kommen immer die Enkelkinder. Und bringen Kuchen. Früher ist sie auf dem Amur mit dem Schiff gefahren. Oft sah sie einen Kranich über den Fluss fliegen. In Japan ist sie nie gewesen.

Wladiwostok: Schorotschka II #2

Schnee bringt nicht nur Schönheit. Schorotschka fuhr im Sommer und Winter. Von Ost nach West. Von West nach Ost. Wladiwostok. Moskau. Weit war die Strecke. 9000 km. Mit dem LKW brauchte er oft zwei Wochen. Hier und da machte er Halt. Zum Essen. Trinken. Für die Nacht. Der Schnee kann heftig sein in Sibirien. Sturm ihn tragen. Die Sicht wird nicht besser. Die Straße schmaler. Langsamer fahren die Autos. Er wird seltener überholt. Meistens. Manche fahren schneller. Bäume und Häuser stehen am Rand. Immer wieder. Gestern Abend. Dunkelheit. Weiße Wand vor Augen. Er konnte nicht mehr bremsen. Das entgegenkommende Auto hatte keine Chance. Mehr Masse der LKW. Er hatte Glück gehabt. Die Straße war länger gesperrt.

Wladiwostok: Schorotschka #2

Nur die Verrücktesten fuhren Woche für Woche von Wladiwostok nach Moskau. Schorotschka hatte nicht die Wahl. Brauchte das Geld. Sein LKW war seine Welt. Irgendetwas gab es immer zu transportieren. Alte oder neue Autoteile waren es meistens. Oder Maschinen. Der Handel zwischen China und Russland blühte. Der Asphalt war besser geworden. Die Straße war im Winter oft weiß. Eine gerade Linie zog sich bis zum Horizont. Auch in der Nacht war die Straße nicht leer. In seinem LKW war genug Platz für eine Kaffeemaschine. Wenn er einstieg, zog er seine Schuhe aus. Die Nächte verbrachte er auf den trostlosen Parkplätzen, die sich um Tankstellen wickelten. Oft grillte er im Winter sich selber etwas. Oder kaufte sich was Heißes am Straßenrand. Immer wurde irgendetwas angeboten. Die Menschen hatten Hunger. Auch Schorotschka hatte Hunger. Hunger auf das Leben. Hier und da sah er eine Frau. Ging in die Bar mit ihr. Brauchte die Wärme. Die Winter kalt. Er hatte genug Platz in seinem LKW. Bei ihm musste niemand frieren.

Irbit: Prochor #2

Die Motorräder sieht man nur noch selten in Russland. Zu teuer sind die neuen. Alte sieht man hin und wieder noch. Die großen Zeiten sind vorbei. Aber sie werden noch hergestellt. Irbit liegt hinter dem Ural. In Sicherheit. Drum der Name für das Motorrad. Wurden im 2. Weltkrieg produziert. BMW-Nachbau. Motorrad-Gespann. Heute Manufaktur. Prochor hatte sein ganzes Leben Motorräder hergestellt. Auch sein Vater hatte dies gemacht. Er selber hatte ein altes. Für ein neues fehlte das Geld. Die alten sind robust. Fahren auch in der Kälte. Prochor geht gerne zum Eisfischen. Im Beiwagen die Angeln. Der Bohrer. Eimer. Was man so braucht. Mit dem Motorrad auf den zugefrorenen See. Das Eis würde auch einen LKW aushalten. Auf dem See hat er seine Ruhe. Meist nur Männer dort. Sitzen auf dem zugefrorenen See. Haben ein Loch gemacht. Sitzen da. Angeln. Nicht weniger. Nicht mehr. Sie frieren nicht. Die Kälte sind sie gewöhnt. Später trinkt Prochor gern einen Tee. Oder auch Wodka. Aber nicht zuviel. Erst muss er  Fische fangen. Das Leben in Irbit ist ein gutes Leben. Er hat seine Arbeit. Wird satt. Er ist kein Freund von Putin. Aber wen sollte er sonst wählen? Weggehen würde er nicht. Jetzt ist er eh zu alt. Wird eine schöne Rente bekommen. Ein Fisch hat angebissen.