rote Amaryllis

Rüschenbluse über die Ärmel, du spieltest Liszt, als würden

Regentropfen an die Scheibe, das flache Land lag vor

dir wie eine hügelige Landschaft, Tagträumereien zur

Nacht, auf dem Fenstersims öffnete sich eine

Amaryllis in dunklem Rot, du wolltest immer

schon nach Halifax, der Flieger bräuchte keine

sieben Stunden, in der Früh die kleine Mondsichel

langsam laufen deine Finger über die Tasten, Tränen

am Meer, Küsse verschlingen, ganz leise klopfen die

Tropfen, deine Finger überkreuzen sich, verträumter

Lauf, keine sieben Stunden, die Träume kamen wieder

in der kalten Nacht, rot deine Lippen

verlieren, verloren


verlieren, verloren, im schnee, das casino um die

ecke gebracht, die tritte gegen den geldautomaten

halfen auch nicht weiter, die mülleimer nach pfandflaschen

durchsucht tagein tagaus, gewinnen war nicht vorgesehen,

der straßenbelag rutschig, schuhe keinen halt, das abendessen

lag in scherben, das abendessen

schwarze Felder

von bacherlwarm war keine Rede, zwischen Regentropfen

trieben Schneeflocken den Auen entlang, verfingen sich in

deinen Haaren, der unblaue Himmel will uns keine Sterne

zeigen, Bachs 2. Suite in Moll liegt auf deiner Seele, ins Ohr

flüsterst du ein Geheimnis, kalte Ohrmuscheln erwärmend,

still liegt der See, kein Schiff treibt Wellen, schwarze Felder

säumten den Weg, Sonnenschirme im Winterschlaf, Mützen

tief im Gesicht, in die Glieder zieht die Kälte, heiße

Schokolade später, später

Zimtsterne #2


unter dem Nussbaum wird nicht getanzt, die Blätter

des Herbstes zusammengerecht, wenn Schnee fallen

würde, könnte man dort gut einen Schneemann bauen, nur

die Kinder sind längst weitergezogen, das Wasser schläft

im Teich, verwegene Enten laufen Schlittschuh, aus der

Küche kommt der Duft von Zimtsternen, Lieferung via

Luftpost wird gewünscht, längst ist Großmutters Kreuz

ein Kreuz, die Bären machen längst ihren Winterschlaf

der Mond steigt auf

kühe im kühlschrank #2


an manchen tagen standen die kühe im

kühlschrank. der kopf stand in der ecke.

eisblumen drangen ins zimmer. auf der straße

kämpfte die straßenbahn sich durch die wildnis

der stadt. butterbrote aßen wir am abend. zuvor

suppe. hühnerbrühe mit gemüse. die zeitungen

stapelten sich fast ungelesen. der fernseher kalt.

unserer münder hinterließen bissspuren.

Nebel über dem Bodensee

An Walsers Augenbrauen hartes du keinen Anstoß

genommen, an den Augenbrauen nicht. Noch immer

wurden die Schallplatten zart gestreichelt, bevor sie

auf ihre Runden geschickt wurden, im Garten erzählten

nur noch wenige Gartenstühle Geschichten vom großen

Sommer. Erste Erfrierungen zeigten die Geranien

abgeräumt starrte das Gewächshaus leer vor sich hin

wartend auf bessere Zeiten, die Wiese wolltest du noch

einmal mähen, wolltest du, im Rohr wartet der Apfelkuchen

schwerer Nebel lag über dem Bodensee

Ostwind

aufgefüllt werden musste der Besteckkasten, der Abwasch

längst gemacht, das alte Silber schon lang nicht mehr poliert

Risse bekommen hatte Großmutters alte Kanne, auf die

Gesundheit hatten wir angestoßen, Ostwind zog tief in die

Glieder, abgekürzter Gang in der Nacht, santé, der rote Wein

hatte deine Lippen blau gefärbt, auf dem Herd stand noch

die Suppe, Karotten, Sellerie, Anna Karenina nicht dein Vorbild

Gutsbesitzer außer Mode gekommen, Schnee wollte bald kommen

Postkarten aus der Ferne #2


die milchfarbene Decke lag zart über den Hügeln

nach dem Melken treibt die Bäuerin die Kühe aus dem

Stall, das Gesicht eine Landschaft, das dunkelblaue Kopftuch

 hält die Haare in Zaum, beim Gehen hilft der Stecken, krumm

von der Arbeit der Rücken, woanders war sie nie, ihre Enkel

schicken manchmal Postkarten von der Ferne, später wird

 die Sonne über die Hügel steigen, sie freut sich schon auf den

warmen Kaffee zum Frühstück, die Stiefel stellt sie vor die

Türe zum Trocknen, der Sohn wollte den Hof nicht übernehmen

Geschrei der Krähen #2


die Welt kein Tor, verloren, nackte

Füße im Schnee, Geschrei der Krähen

im Ohr, auf der Suche nach Eisblumen

hast du dir die Nase plattgedrückt

Straßenbahnen kreischen vor Kälte

abgeschlagene Tannen warten, die

Scherze des April stehen in der Ecke

rot deine Nasenspitze