der Körper hatte ein eigenes Gedächtnis, erinnerte sich ganz anders als dein Gehirn. In der Küche fanden oft Experimente statt. Winterwaldluft lag schwer auf deinem Gemüt. Nur ein leichter Pulverhauch lag auf den Fichten. Maronen kamen in das Ofenrohr, verflogen der Lärm des Tages, das Quietschen der Räder, das Grollen der Motoren in der Kälte, die Küsse wollten geküsst werden, dunkel glänzte der rote Wein im Licht der Kerze, eingekehrt längst die Straßenbahn, unheimliche Schatten in den Flußauen, länger und länger jeder Baum, schneller die Schritte, verflogen die Leichtigkeit der Gedanken
Autor: orangeblau
Vorankündigung
im März 2019 erscheint mein Lyrikband „Resonanzen/Korrespondenzen“ beim Passagen-Verlag. Wer bis dahin nicht warten kann: Vorbestellungen sind wohl schon möglich.
Wildschweine links liegengelassen #2
Möglicherweise verspätet sich der Autor, verliert sich im Wald. Auf der Spur der Wörter den Hirschen begegnet, ganz still geworden, herangepirscht, Witterung aufgenommen. Handkes Glück. Einen Fuchs gesehen, zum Glück kam der Jäger nicht in die Quere. Verspätungen werden bei einem deutschen Autor nur ungern gesehen. Pilze gejagt. Steinpilze mit Hirschgulasch oder Rehragout. Preiselbeeren selber gefunden. Der Autor ist glücklich mit seiner Beute. Auch ohne Wörter geht er zufrieden heim. Wildschweine links liegengelassen.
Schalmeien
Der Morgensturm trieb wässrigen Schnee in dein Gesicht, Nikolaus
längst abgereist, gelbe Radfahrer kämpfen sich vor, kalte sind
die roten Wangen, Schalmeien willst du spielen, jauchzet, frohlocket
auf, preiset die Tage, die Stimme muss geschont werden, fest
gewickelt liegt der Schal um deinen Hals, Gänse geniessen noch
die letzte Abendsonne, hart schlagen die Pauken auf, auf
dem Stand rückt der Holzschnitzer seine Figuren zurecht,
Spielzeugeisenbahnen werden entstaubt. Große Kinderaugen
vor dem Schaufenster hoffen, schwer in der Luft liegt der Glühwein
Eichkatzerl
Schwarzer Regen peitscht gegen die Scheiben, Eichkatzerl
verkriechen sich im Baum, leer gähnt der Christkindlmarkt
vor sich hin, nur vereinzelt ein verirrter Besucher, wasserscheue
Hunde hinter der Ofenbank, vergnügt schiebst du Vanillekipferl
ins Rohr, dein Fahrrad wurde nicht bewegt, später wollen wir
den Mond suchen gehen, er muss doch zu finden sein, Clementinen
rollen geschwind über den Tisch, müde steht der Roller in der
Garage und wartet auf bessere Tage, flüchtig dein Kuss
schwarze tannen
schwarze tannen zum fürchten, eisiger wind im
nacken, für das weihnachtsoratorium muss noch
geprobt werden, warme maronen in der tasche, tief
ins gesicht haben wir unsere mützen gezogen, wer
wollte nicht ein taugenichts sein? der hirte spielt gerne
die schalmei. durch das gestrüpp ziehen die hirsche
unter den füßen abgefallene nadeln, schneller werden
unsere schritte, röter die wangen, auf nacht käsefondue
Bachkantaten
Pfefferminztee am Nachmittag, nasser Dezembertag
mit aufgerissenem Himmel, am Abend roter Schein
hinter schwarzen Wolken, schneeferne Wärme, der Backofen
wartet auf Füllung, deine Hände spielen auf dem Klavier, vorbeifliegende
Küsse, später Risotto mit Pilzen, Tolstoi für den Schnee, im Keller
liegt kein Barolo, eine nasse Brise fliegt um das Haus, nackte
Bäume wiegen sich dahin, Bachkantaten ohne Kaffee
der billige rotwein #2
briefe nicht geschrieben und
doch weggeschickt, die saiten
der gitarre längst zerrissen, der
billige rotwein langt auch für
einen rausch, küsse der geliebten
vergessen, fahl nur der mond
scheint in der trüben nacht
die tränen nicht geweint, petrarca
vergessen
Lametta
Großmutter hatte immer reichlich Lametta gehabt, ihr
Christbaum war ein Nachkriegswunder, kleine bunte
Kugeln, umgarnt von einer noch bunteren Elektrolichterkette
großzügiges Lametta deckte die Kunsttanne liebevoll zu
Cy Twomblys Bewegungen ziehen Kreise, Tableau über
Tableau, Maria längst auf dem Weg, Krähen stürzen sich
über das Feld, Jäger kommen ohne Beute aus dem Wald
feuchte Luft erzählte nicht vom Schnee, durch die Laubberge
radelst du schnell den Küssen entgegen
Adventskränze
des Rheines Lorelei die Locken nicht geküsst, vorbei
rauscht der Zug im Fluge, Matrazengruft unmodern
Adventskränze in bunten Farben liegen in der Auslage
Schneelandschaften begegnen uns nur im Traume, uns
treibt die Sehnsucht nach den Bergen in den Zug, einen
Walzer wollten wir dort nicht tanzen, später aßen wir
Käsefondue, das Feuer im Ofen wärmte unseren Rücken
das Himmelszelt strahlte in die Küche