Kategorie: Allgemein

züge der nacht #2

züge der nacht reisen ins 

nirgendwo, das gekritzel des 

reisenden kann kaum noch

entziffert werden, taxis am 

bahnhof mangelware, heute 

kommt niemand mehr fort, der

sternhagelvolle mond leuchtet 

schummrig, unerträglich der 

gesang im wirtshaus, schnell

ins bett, die decke über den 

kopf ziehen, nicht mehr weiß 

der schnee, nicht mehr weiß

blumen nicht

blumen nicht, herausgewürgte 

liebehudeleien, zu boden

gefallen läuft das glück in

schnellen schritten davon, januarfrost

ist dir ins gesicht geschrieben

fensterläden, taubenblau, längst

geschlossen, blumen nicht

lechauen hinabgerutscht

schwarze wolkenungeheuer sitzen

uns im genick, todesangst begraben

unter der alten eiche, trägt fort der

fluss die alten steine, nicht zu

lässt der winter die blumen

Jasna Gora: Mateusz #2

Immer wieder war er nach Jasna Gora gegangen. Jedes Jahr. Seinen Rosenkranz dabei. Von Warszawa aus zu Fuß. Gut 200 Km gepilgert. Auf den Heiligen Berg. Zur Schwarzen Madonna. Er war nicht der einzigste. Viele gingen mit ihm. Jeden Tag. Jedes Jahr. Millionen Polen gingen zur Schwarzen Madonna. Oder fuhren. An sie hatten sie immer geglaubt. Sie hatte ihnen immer geholfen. Sie hatte die Kriege überstanden. Auch die Weltkriege. Auch die Nazis. Auch die Sozialisten. Später kam der Papst. Ihr Papst. Immer wieder. Wie er. Er kam jedes Jahr. Seine Füße schafften es noch. Auch wenn ihm das Gehen schwer fiel. Er musste den Weg gehen. Solange er noch konnte. Mateusz war jetzt schon alt. Seine Frau ging schon lange nicht mehr mit. Doch seine Knie waren noch in Ordnung. Er brauchte jetzt länger. Zwei Wochen oder mehr. Kam darauf an. Doch er war nie allein. Er bettete immer den Rosenkranz. Er ging zur Schwarzen Madonna. Jasia Gora war kein hoher Berg. Vielleicht war es das letzte Mal. Dieses Jahr wollte er noch gehen.