Allgemein
warten
winter ein ereignisloses
versprechen, schneemänner
warten im eisschrank auf ihren
auftritt, gerne bei uns geblieben
die störche, knie an knie sitzen
wir vor dem fenster, wartend auf
den schneestern, auf den frühling
wartend, persephone, satt der
sonnenlosen welt, knie an knie
winternachmittag
tot die amsel
im straßengraben
blut fließt aus ihrem
schädel, weißer
schnee bildet ihr grab
Lechauen im Januar #lech

züge der nacht #2
züge der nacht reisen ins
nirgendwo, das gekritzel des
reisenden kann kaum noch
entziffert werden, taxis am
bahnhof mangelware, heute
kommt niemand mehr fort, der
sternhagelvolle mond leuchtet
schummrig, unerträglich der
gesang im wirtshaus, schnell
ins bett, die decke über den
kopf ziehen, nicht mehr weiß
der schnee, nicht mehr weiß
Kastanien #maronen

Hyazinthen

blumen nicht
blumen nicht, herausgewürgte
liebehudeleien, zu boden
gefallen läuft das glück in
schnellen schritten davon, januarfrost
ist dir ins gesicht geschrieben
fensterläden, taubenblau, längst
geschlossen, blumen nicht
lechauen hinabgerutscht
schwarze wolkenungeheuer sitzen
uns im genick, todesangst begraben
unter der alten eiche, trägt fort der
fluss die alten steine, nicht zu
lässt der winter die blumen
Jasna Gora: Mateusz #2
Immer wieder war er nach Jasna Gora gegangen. Jedes Jahr. Seinen Rosenkranz dabei. Von Warszawa aus zu Fuß. Gut 200 Km gepilgert. Auf den Heiligen Berg. Zur Schwarzen Madonna. Er war nicht der einzigste. Viele gingen mit ihm. Jeden Tag. Jedes Jahr. Millionen Polen gingen zur Schwarzen Madonna. Oder fuhren. An sie hatten sie immer geglaubt. Sie hatte ihnen immer geholfen. Sie hatte die Kriege überstanden. Auch die Weltkriege. Auch die Nazis. Auch die Sozialisten. Später kam der Papst. Ihr Papst. Immer wieder. Wie er. Er kam jedes Jahr. Seine Füße schafften es noch. Auch wenn ihm das Gehen schwer fiel. Er musste den Weg gehen. Solange er noch konnte. Mateusz war jetzt schon alt. Seine Frau ging schon lange nicht mehr mit. Doch seine Knie waren noch in Ordnung. Er brauchte jetzt länger. Zwei Wochen oder mehr. Kam darauf an. Doch er war nie allein. Er bettete immer den Rosenkranz. Er ging zur Schwarzen Madonna. Jasia Gora war kein hoher Berg. Vielleicht war es das letzte Mal. Dieses Jahr wollte er noch gehen.
Alter Schlachthof
