Jeden Tag war sie in ihrer Küche. Seit über 60 Jahre. Jetzt wurde sie schon bald 90. Sie liebte ihre Küche. Hatte noch einen alten Holzherd zum Kochen. Wamsler. Aber auch einen einfachen Elektroherd. Mit vier Kochplatten. War auch nicht mehr neu. Mittags kochte sie. Für sich. Ihr Mann war schon länger tot. Sie müsste mal wieder aufräumen. Aber dafür war später Zeit. Irgendwann. Jeden Tag kochte sie was frisches. Eine Tochter kam zum Essen vorbei. Wohnte in der Nähe. Auch ein Sohn ließ sich gern blicken. Sie hatte viele Kinder. Und Enkelkinder. Jetzt auch ein paar Urenkel. Sie war nicht einsam. Kamen gern zum Essen. Jetzt, mit dem Alter, lud sie weniger Gäste ein. An den Feiertagen kamen aber doch immer viele. Das gefiel ihr. Sie liebte die Abwechslung. Wenn es ihr zuviel wurde, legte sie sich aufs Sofa und schlief. Die Gäste störten nicht. Am liebsten war sie in der Küche. Schälte Kartoffeln, putze Karotten oder Rosenkohl. Gerne hatte sie eine Suppe auf dem Herd stehen. Irgendwas war immer zu essen im Haus. Wenn Besuch kam, bot sie ihm immer was an. Einen Kaffee. Einen Kuchen. Oder eine Suppe. Was gerade da war. Sie erwartete nicht mehr viel vom Leben. Alles gehabt. Im Urlaub war sie nie. Nach Rom wär sie gern mal gefahren. Aber dafür war keine Zeit. Das Geld hat immer gelangt. Sie brauchte nicht viel. Aus den Kindern war was geworden. Das war ihr wichtig gewesen. Abends trank sie gern ein Glas Wein. Oder ein Bier. Mehr brauchte sie nicht.
Manchmal überkam ihm Heimweh
Manchmal überkam ihm Heimweh. Nach früher. Nach Kreuzberg. Heute wohnte er schon lange nicht mehr dort. Aber wenn er von seinem Computer aufstand, sein Büro verließ. Rief schnell dann ein paar Freunde an. Zum Treffen. Auf ein Bier. Musste aber erst heim. Sich umziehen. Mit so einem feinen Stoff konnte er sich da nicht blicken lassen. Während der Woche ging er selten dorthin. Zu gefährlich. Aber am Wochenende konnte nichts schief gehen. Da wars ihm egal. Ein Bier mehr oder weniger. Trinkteufel. Oder Jodelkeller. Seine Tattoos konnte man in der Arbeit nicht sehen. Wäre ihm unangenehm. Die Öffnungszeiten waren moderat. Aber heute, nach der Arbeit. Musste sein. Schnell aufs Rad. Calle hatte Zeit. Franz wollte es sich noch überlegen. Kaufte sich schnell noch Kippen. Das erste Bier war immer das beste. Seine Freundin ging lieber nicht mit. Seine Kinder auch nicht. Die passten hier nicht rein. Schnell ne Runde am Kicker. Die Nacht war noch lang.
Wolf, Christa: Kein Ort. Nirgends
Neu erstanden. Gebraucht. Doch ungelesen. Wasserschaden. Unübersehbar. Christa Wolf. Kein Ort. Nirgends. Schon einmal gelesen. Damals. Westausgabe. Nun Aufbau-Verlag. 1. Auflage. 6.60 DDR-Mark. Berlin und Weimar 1979. Zehn Jahre vor Mauerfall. Printed in the German Democratic Republic. Lichtsatz INTERDRUCK Graphischer Großbetrieb Leipzig. Druck und Binden Graphischer Großbetrieb Sachsendruck Plauen. Das Papier ist eher einfacher Qualität, doch in einem guten Zustand. Erzählt von vergangener Zeit. DDR? War da mal was? Christa Wolf, die DDR nicht verlassen. Eine große Schriftstellerin der DDR. Nicht unumstritten. Ein wunderbares Buch. Kein Ort. Für die Günderrode. Kein Ort. Für den Kleist. Sie wussten von der Liebe und konnten doch nicht.
Linoleum
Nach kurzer Nacht, unruhig schlafend, an seine Großmutter gedacht, wusste er, wie er seine Küche endlich renovieren wollte. Der Fußboden musste aus Linoleum sein. Wie damals. In seiner Kindheit. Einfaches Linoleum. Kein Holz. Keine Fliesen. Kein Teppich. Er kannte einen Laden in Kreuzberg. Nahm Maß. Die Küche war nicht besonders groß. Langte für einen kleinen Tisch. Ein paar Stühle. Schrank. Herd. Einen Kühlschrank. Er mochte seine Küche. War gerne dort. Lud Freunde ein. Kochte hier und da etwas. Wenn die Zeit reichte. Er hasste Fertigpizza. Dann lieber Currywurst. Nahm Rucksack und seinen Zettel, schwang sich aufs Rad und fuhr los. Die Straße musste er suchen, war nicht mehr so oft im Viertel. Fand nach kurzem Hin und Her das Geschäft. Leer das Schaufenster. Er hatte extra im Telefonbuch nachgeschaut. Aber nicht angerufen. Warum auch. Aufgelöst. Zu vermieten stand auf dem roten Schild. Einsam und trostlos starrte er in die leere Tiefe. Ein paar alte Fahrräder lehnten gegen das Schaufenster. Verschmiert die schwere Holztüre. Kreuzberglook. Er hasste ihn. War zu alt dafür. Nie Punk gewesen. Sauberes Linoleum wollte er. Nur ein einfaches. Es roch so gut. Nach Kindheit.
Sehnsuchtsort
Der Sehnsuchtsort war nicht weit. Nur noch ein paar Straßen überqueren. Der Hunger trieb ihn voran. Er hatte keine Ansprüche. Jetzt nicht. Zu groß sein Verlangen. Schnell musste es jetzt gehen. Er war mit seinen Flip-Flops auf die Straße gegangen. Der Kühlschrank war leer. Wieder einmal. Nach der Arbeit nicht mehr geschafft. Jetzt schnell noch ein Bier. Ein paar Pommes. Oder Currywurst. Die war immer so gut. Vielleicht wäre Franz auch dort. Oder Klaus. Dann würden sie zusammen noch was machen. Oder einfach noch ein Bier trinken. Danach noch zur Tanke. Oder noch ein wenig rumhängen. Der nächste Morgen war noch weit. Er sah ihn schon von weitem. Ganz rot war. Hatte die besten Currywürste weit und breit.
Schnee fällt über die Stadt
Schnee fällt über die Stadt, legt sich über sie, verzaubert das Dunkle, verschlingt den Lärm. Erwachsene werden zu Kinder, strecken die Zunge raus und fangen den ersten Schnee ein.
Am Wegrand
Am Wegrand die Wurzeln
laden zum Stolpern ein
haben sie doch, in jahrelanger
Anstrengung, den Weg hochgehoben zu einem
Gebirge, jetzt, in der Kälte des Winters
bekommen die Hügel ein Kleid aus Schnee
Regenwürmer werden nicht gesichtet
gern macht der Radfahrer Kurven um sie
nur der Hund nimmt keine Rücksicht auf diese
Kraftanstrengung und markiert, sein Bein hebend
Leonidas Kampf
Wanderer, du kommst, Leonidas, als
hast du gekämpft gegen die Perser
und ihn, Wanderer, liegen
verteidigt bis zum letzten Blut
den Pass der Thermopylen
verheizt die Nazis bei Stalingrad
sinnlos die Kämpfer, zwischen
Schulmilch und Todeskampf, den Heldentod
armlos darliegend der Soldat, schier
zertrümmert als Torso nur noch
erkennend die eigene
Schrift, Belsazars Strafe
Mene mene tekel, ufarsin
Zwischen den Jahren
Zwischen dem Rauschen des Flusses, als liefe davon, die Zeit, als liefe davon, Welle um Welle und doch Atem holend die Welt, als würden Engel umherfliegen in der Nacht, zwischen den Jahren, Schritt um Schritt im feuchten Moos, Gestirne durchdringen das Geäst, vergessen das Vergangene, nicht wartend auf das Zukünftige, nur dem Jetztzeit verschrieben, reines Dasein, nur beschienen vom Mond, geküsst die Geliebte in seinem Schein.
Die unendliche Langeweile, Oblomow
Ein Faulpelz gewesen,
ein rechter, unmöglich
nicht herumzuliegen für ihn
gewesen, träge durchs Leben
schlafen, nicht verdienen müssen
den Lebensunterhalt, das Leben
als ein einziger Traum der
Dekadenz, ein Parasit
der Gesellschaft, eingeschrieben in
sein Gesicht die unendliche
Langeweile und nie enden wollende
Müdigkeit. In den besten
Jahren und doch schon
verlebt, das Leben begonnen
und des Lebens müde