Der eine badete gerne lau, der andere sagte dies. So ist die Badewanne Politik. Oder doch nur eine Badewanne. Oder Kunst. So nahm Beuys eine alte Wanne, eine alte Badewanne, aus Email, eine alte Babybadewanne, zu waschen den Babypopo, nahm Beuys eine alte Wanne und stellt sie aus. Ein wenig verändert, schikaniert, misshandelt, verpackt, verfremdet durch Beuys, denn der nahm Heftpflaster und Fett, Mullbinden und Kupferdraht für diese alte Babywanne und stellte sie, aus stellte er sie, als Kunstobjekt aus in der Akademie zu Düsseldorf. Und als machte die SPD ein Fest, nein, nicht in der Badewanne und als machte die SPD ein Fest, der eine badete gerne lau, in Leverkusen, wo sich die Wanne gerade befand, weil sie wartete, auf ihren großen Auftritt wartete, zwischen Bayer und Leverkusen, da machte die SPD ein Fest und weil die Gläser vom vielen Trinken schmutzig waren, säuberten zwei nette Damen die alte Wanne, befreiten sie von Mull und Fett und schrubbten und schrubbten und Dank ATA sie wurde weiß wie Schnee, so rein und sauber wie noch nie.Gründlich und rein, so war die Wanne und die Kunst dahin.
Bäume pflanzen, Bäume
Bäume pflanzen, Bäume. Kunstaktion. Jeder Gärtner ein Künstler. Gegen Beton. Gegen Asphalt. Gegen das Grau. Gegen den Lärm. Einfach Bäume pflanzen. 7000 Bäume. In Kassel. Beuys lies sie pflanzen. 7000 Bäume. Gegen die Verstädterung. Gegen die Verschmutzung. 7000 Eichen. In Kassel. 7000 Bäume. Je 500 DM. Unbeliebt, zunächst, unbeliebt die Aktion. Hatten Angst vor Vogelscheiße, die Bürger, hatten Angst. Den Wald in die Stadt holen, Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung. Warum nicht, einfach so, als Kunstaktion, Bäume pflanzen. In München, Berlin, Tokio. Einfach Bäume pflanzen. Anstatt Autobahnzubringer, Möbelhäuser und Baumärkte. 7000 Linden für Köln, 8000 für Essen, 6000 für Ingolstadt. Oder Buchen. 5000 für Hannover. 10.000 für Paris. Bäume pflanzen. Es gibt schlechtere Kunst.
Joseph Beuys, 7000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung
Jeder kriegt sein Fett weg
Jeder kriegt sein Fett weg. Jeder. Auch Beuys. Mit Ata. Das Scheuermittel für alle schwierigen Fälle. Jeder kriegt sein Fett. Weg damit. Mit Ata. Was Kunst ist, ist klar. Jeder ist ein Künstler. Und Kunst kommt von können. Jeder kriegt sein Fett weg. Jeder hat das Recht, jeder, sich in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern, jeder, sagt schon das Grundgesetz, sagt schon Art. 5 Abs. 3 GG. Jeder. Jeder ist ein Künstler. Sagt schon das Grundgesetz. Wussten das die Väter des Grundgesetzes? Das jeder ein Künstler ist? 1982 hat Beuys in einer Ecke seines Ateliers in der Düsseldorfer Kunstakademie Butter verschmiert, einfach so, 5 Kilo Butter. Ein riesiges Butterbrot. Nur ohne Brot. Ein fetter Haufen. Jeder ist ein Künstler. Fett ist Kunst, fette Kunst. 1986, Beuys war verstorben, entsorgte ein fleißiger Hausmeister endlich das Fett. Die alte Butter. Längst mehr als ranzig. Das alte Butterbrot ohne Brot. 9 Monate nach Beuys Tod. Aufgeräumt. Saubergemacht. Bestimmt mit Ata. Dem Wunderscheuermittel. Völlig zerstört, das fette Kunstwerk völlig zerstört. Die geretteten Reste des Kunstwerks, in einem profanem Mülleimer entsorgt gewesen, wurde später zu Schnaps destilliert. Ranziger Butterschnaps. Ein fettes Kunstwerk, ein fettes Ende. Teure Butter. Juristischer Streitwert für 5 Kilo Butter: 40.000 DM. Ein stolzer Preis. Ein fettes Kunstwerk.
Es war ein großes Tohuwabohu
Der Raum, das Zimmer, das Feld, die Früchte auf dem Tisch, das Meer. Vermessungen. Der Stuhl, das Bett, das Fenster, der Balkon. In rosa, in grün, in violett, in himmelblau, kobaltblau, pfefferminzgrün. Der Maler vermisst das Gelände. Die Berge, die Seen, die Blumen, die Bäume. Gebiete, Territorien, Fluchten, Linien, Perspektiven. Am Anfang das große Tohuwabohu, wüst und leer, das Chaos, das große Durcheinander. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Tohu wa vuhu. Wüstheit und Leere. Nichts. Sonst nichts. Keine Ordnung nirgends. Keine Ordnung. Die Kunst, ein Leben gegen die Wüstenei, ein Kampf gegen tohu, gegen vuhu. Es war ein großes Tohuwabohu. Der Maler wischt weg die Bilder der Geschichte und malt auf ihnen ein neues. Kämpft gegen das Tohuwabohu, zieht Linien, ordnet die Welt.
Auf der Suche nach der richtigen Farbe der Wörter
Lesend schreiben, schreibend lesen, in Büchern vertieft die Augenblicke, nicht aufhören könnend das Schreiben, Gedanken verloren in Bücherwelten, Bilderwelten, die Regale rauf und runter, Bücherrücken rücken, Museen ablaufend, Wand um Wand, Kataloge unterm Bett hervorziehend, zentnerschwere Lasten durchpflügen auf der Suche nach Halt, herausschneiden das richtige Wort, aus den Bildern, aus den Seiten, Buchstabe für Buchstabe, Sätze schießen durch den Kopf, Kalaschnikowsätze, Bärentötersätze, Pfeil- und Bogensätze. Auf der Suche nach der richtigen Farbe der Wörter, Blauwort, Orangewort, Lindgrünwort, Kaminrotwort.
Vom blauen Klavier
Schien dem Novalis die Blume blau, ach blau die Blume wie dem anderen nur das Meer, so hat die Else aus Wuppertal, Klavier, ein blaues Klavier. Doch fort war sie längst, doch fort von der Wupper, geflohen aus Deutschland in die Schweiz. Bevor sie ging, bevor, nach Israel ging, die deutsche Jüdin, sie liebte ihr blaues Klavier. Doch spielen, spielen konnt sie nicht, auf diesem geliebten Klavier. Gestorben längst, gestorben, der Blaue Reiter. Die Noten für das blaue Klavier, sie waren verloren, verloren, sie konnt nicht spielen das blaue Klavier, sie konnt nicht spielen und sehnt sich doch und sehnt sich, nach den Tönen. Die Zeiten, die Zeiten, die waren nicht so, längst tot der Blaue Reiter, die braunen Herren aufmarschiert, so tanzten die Ratten auf dem Klavier, nicht mehr die goldenen Sterne. Nur spielen wollt, nur spielen, die Else auf ihrem Klavier, doch durfte nicht, doch durfte nicht, auf ihrem Klavier.
Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier, 1937
Weltuntergangsstimmungs/poesie
Als zu Ende war das Jahrhundert, der kommende Krieg schon in der Luft lag, die Technik sich immer schneller entwickelte, die Flugzeuge fliegen lernten und die Autos das Fahren, dem Bürgertum der Hut vom Kopf folg, da schien zu Ende die Welt, zu Ende. Weltuntergangstimmungspoesie überall. Und Else geht die Liebe suchen, die Nähe, die Wärme, die Sehnsucht nach Küssen, als die Welt zu Ende ging, vor über 100 Jahr, sie sehnte sich, sie sehnte sich, nach Liebe hier und da. Der Blaue Reiter präsentierte erst später sein blaues Pferd, erst später.Doch Else sehnte sich, nach der Liebe sie sich sehnte.
Else Lasker-Schüler, Weltende, 1905
3 Stühle hat gehabt
3 Stühle hat, 3 Stühle, Matisse, als war in Collioure, sein Zimmer hatte 3. 1 Stuhl mehr als im gelben Haus van Gogh hat gehabt, ein Stuhl mehr. Klar, sieht jeder, er musste ja auch, er musste ja auch einen mehr haben, er hatte ja Besuch. Liegt doch die eine Frau wohlig müde, in seinem Bett, wohlig müde. Und draußen, geöffnet das Fenster zum Meer hin, auch das noch, steht auf dem Balkon, noch eine Frau. So scheint Matisse, den Sommer geliebt zu haben in Collioure, geliebt zu haben. Ein Farbenfest mit 3 Stühlen, ein Farbenfest. Das Licht des Südens, voller Farben, eine Ansammlung von Orangelilagrün. 3 Stühle hat gehabt, Matisse, als war in Collioure, 3 Stühle.
Arm wie eine Kirchenmaus fast
Arm wie eine Kirchenmaus fast, kam an, der Maler in Collioure. Immer wieder und wieder kam Matisse nach Collioure, zehn Sommer lang kam. Eingebettet zwischen den Wellen des Meeres und den Bergen voller Wein, eingebettet, lag der Ort vor ihm, rote Dächer überall, der Wind, die Wellen, das Meer. Und er malte diesen Urlaub, so rosarot der Ort, so türkisblau das Meer, als wär die Welt eine Zauberwelt, kitschig fast, so knall, als hätte die rosa Brille auf, so knallbonbonsrosarottürkisblau die Welt, so kitschig fast, so überirdisch, himmelschön verrückt. Arm wie eine Kirchenmaus fast, kam an, der Maler in Collioure. So reich an Farben reich beschenkt wurd er von diesem Ort.
Rezept gegen Liebesleid
Wenn verlassen dich die Frau, betrogen und verraten, hinter Licht geführt und was besseres gefunden, wenn verlassen hat die Frau, so weine nicht, so weine, such dir eine, such dir eine, eine andere und so war Heine ganz leicht und war schon auf und davon, geschnürt die Schuhe, den Rucksack geschultert, den Koffer gepackt und wanderte und wanderte und war schon in Bonn, Göttingen, Paris, auf und davon und wanderte und sah das Meer und sah den Berg und weint ein wenig und wanderte und ging im Harz und an die Nordsee, nach England und Italien, auf und davon, auf und davon, wenn verlassen hat die Frau ihn und suchte und fand und suchte und fand, die Liebe neu. Frei wie ein Vogel in den Lüften.
Heinrich Heine, Wandere!,