Café Sibylle

Das Café hatte ihn immer gereizt. Er hatte es geliebt. Gerne dort gefrühstückt. Wenn Zeit war. Und Geld da. Gerne ein Rührei genommen. Oder, wenn mit Begleitung, das Frühstück für zwei. Je nach Laune. Und Geldbeutel. In den fünfziger Jahren war das Café eröffnet worden. Prachtstraße Ostberlin. Karl-Marx-Allee. Am Ende hatte es hier freies Wlan gegeben. Als die Mauer nicht mehr stand. Besonders schön ist das Café vielleicht nie gewesen. Karl war immer gern hingegangen. Auch schon mit seiner Großmutter. Irgendwie war es eine Art Vereinsheim geworden. Stammtisch für viele. Ein Hauch der DDR wehte immer durch das Café. Karl mochte diesen Wind. Hin und wieder war er sentimental. Seine Eltern hatten immer zu Honecker gestanden. Ihnen war es nicht schlecht gegangen. Hatten ihre Datscha gehabt. Ihren Trabbi. Nach der Wende haben sich seine Eltern umschauen müssen. Sie hatten Glück. Und gute Kontakte. Für Karl war es nicht immer so glatt gelaufen. Als seine Großmutter gestorben war, haben sie im Café die Trauerfeierlichkeit abgehalten. Seine Tochter hat die Jugendweihe dort gefeiert. Jetzt hatte das Café geschlossen. Karl musste sich ein neues Wohnzimmer suchen. Eins mit weniger Nostalgie. Freies Wlan gab es überall. Und ein Rührei würden sie woanders auch machen können.

mit schwarzen füßen #2

auf der suche nach dem sommer
dem phlox nachgerannt. in den
entfernten spuren des gehirns in
großvaters garten gefunden. endlos
lang schien er. fern die pflichten
zwischen den beerensträuchern und
den obstbäumen blumenrabatten
in weiß, blau, rosa. brause aus der
hand geschleckt, nachbars hund
nachgebellt, auf der wiese boccia
gespielt, mit schwarzen füßen
kirschen in der küche gegessen

wagners leid #2

wenn öd und leer das meer, der gesang durch

die knochen geht, kein schiff will fahren ans

rettende, gewiss scheint der tod im hyazinthengarten

so grün irland liegt weit, die liebe geschenkt und verloren

die grillen singen ihr lied dazu, am end nur bleibt

der tod, betrübnis, vergangen der liebe freud

Der Sinneswandel

Franz fand den Wandel erstaunlich. Wurde der alte Punkrocker Campino fast noch belächelt ob seiner kritischen Rede, konnten Tage später die Preisträger nicht mehr schnell genug ihren Preis zurückgeben. Die Texte von Kollegah und Farid Bang waren doch nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Derweil gleicht Syrien immer mehr einer Schuttwüste. Macron will weiter an Europa bauen und sucht noch Mitarbeiter. Hin und wieder kämpfte Franz gegen die Pollen an. Die Birken gingen ihm auf die Nerven. Über der Stadt lag tagelang ein gelber Staub. Doch der Beginn der Kirschblüte erwärmte sein Herz. Auch in der Stadt konnte man den Obstbäumen entgegen radeln.

flügelloser engel #2

der bildhauer hackte mit dem beil den stamm

entzwei auf der suche nach dem ausdruck, voller

neid ob der körperlichen mühen suchte der dichter

 

seinen. indianer hätte werden wollen. strichmännchen

erschien ihm vor augen anstelle parataxen. die kettensäge

schaffte ordnung. vor seinen füßen lagen die späne seiner

 

arbeit, sein kleinhirn dankte ihm wenig, sein flugvermögen

massiv gestört, die großhirnrinde bekam neue falten, die

nervenbahnen schienen ihm immer länger zu werden

 

beim anblick der skulptur. flügelloser engel.

die kiefer #2

der fluss kehrt nicht
wieder, der weg ist weit
die rast zwischendurch
notwendig, gegen den berg
an beschwerlich der gang
vor der kapelle ein innehalten
die kiefer am wegesrand
hat einen grobe rinde
ist sie die gleiche, die der
großvater schon sah? vom
wind gebeugt ihr stamm
die sonne geht davon

Die Amseln #2

Die Amseln freuten sich über die frische

Ware. Verlockend in ihrem Rot hingen sie

am Baum, angelockt sie kamen und öffneten

 

ihre Schnäbel, kaum waren sie von angenehmer

Konsistenz, süß im Geschmack, erlabten sie sich

an ihnen. Die Spatzen, sie kamen dazu,

 

doch die Amseln ließen nicht ab.

So schön ist die Kirschenzeit.

Voller Ungeduld

Die Blüten des Pfirsichbaumes verlocken die Bienen,

der Tanz der Schmetterlinge noch ungeübt, der Lech

trägt den geschmolzenen Schnee, Jona ist schon

lange nicht mehr in Ninive gewesen, der König

 

hat sein Büßergewand längst verschenkt, Istar

grüsst nicht mehr, hinweggespült  vom Tigris die

Geschichte, der süße Honig steht im Keller voller

Ungeduld fliegen die Fahrräder durch die Luft

Die Freude #2

Misslungen der Wurf und doch, zwischen den

Winter- und den Frühlingstagen die Sonne

gefangen, zwischen den kahlen Baumstämmen

 

hindurch, mit bloßer Hand, über den Dächern

der alten Häuser, gehüpft auf einem Bein die Straß´

entlang als wäre ein Kind, am Fenster die

 

Kinder schütteln ihr Haupt voller Unverständnis.

Um die Ecke kommt sie viel zu schnell. Zerborsten

liegen die Milchflaschen im weißen See.

Falscher Tweet

Früher dachte Franz immer, der Frieden der Welt hing an einem Knopf. Heute hängt dieser an einem richtigen oder falschen Tweet. So ändert sich die Zeit. Joschka Fischer ist schon lange nicht mehr Außenminister. An Kriege will sich Franz nicht gewöhnen. An Trump auch nicht. Bei Cuba werden viele nostalgisch. Der Frühling trieb seine Blüten voran. Die Obstbäume waren startbereit. Der Spargel sowieso. Sein Fahrrad könnte Franz auch mal wieder putzen. Fahrradwaschanlagen waren Mangelware. Und durch die Autowaschanlage mit dem Fahrrad zu fahren, dafür war nicht der Typ.