hinter warschau #2

hinter warschau das ende der

welt. leer werden die straßen.

see liegt an see. im winter gehen

die weißen farben ineinander über.

alleen führen durch die landschaft.

masuren vor den füßen. fischer werfen

ihre netze aus. reiher warten auf ihr essen.

preußen ist schon lange vorbei. russland

nah und weit. suleyken ist nirgends und

überall. wodka hilft dir gegen die beissende

kälte. die sonne verborgen im nebeldunst.

hirsche im unterholz auf der suche.

die jungen leute sind in die große stadt

gezogen, leben abstinent. das geschlachtete

schwein färbt den schnee rot. aufgefangen

das blut. festtag. hinter warschau

Shanghai-Imbiss #2

Die Nächte waren kalt in Berlin zwischen den Jahren. Alex hatte mit Weihnachten nicht viel am Hut gehabt. Mochte seine Familie nicht besonders. Traf lieber Freunde. Die Nächte waren lang in Berlin. Silvester noch weit. Wenn er sich mit Freunden traf, ging er oft zum Chinesen. Der Shanghai-Imbiss war um die Ecke. Die Speisekarte hing in bunten Bildern draußen an der Wand. Meist nahm er was mit Huhn oder Ente. Die Kosten hielten sich in Grenzen. Das Essen schmeckte anders als daheim und satt wurde er auch. Danach war noch genug Geld übrig für das eine oder andere Bier. Manchmal kam zu dem anderen Bier noch ein weiteres dazu. Wenn es kalt war, auch einen Schnaps. Und es war kalt zwischen den Jahren. Da konnte es nicht schaden, wenn sich die Kosten für das Essen in Grenzen hielten. Schließlich hatte er ja auch Durst. Alex war nicht immer glücklich mit seinem Leben, aber wenn er den Durst stillen konnte, dachte er weniger darüber nach. Gute Vorsätze hatte er keine fürs Neue Jahr. Warum hätte er auch welche haben sollen. Beim Chinesen gab es immer Platz. Warm war es auch. Darauf kam es an zwischen den Jahren. Er brauchte Wärme.

Hermannplatz #2

In Neukölln wollte nicht jeder wohnen. War für Schmidt in Ordnung. Kreuzberg hatte ihn nie gereizt. War nicht seine Welt. Er mochte das Rathaus mit seinem langen Turm. Auch den Hermannplatz. Nicht, dass da viel los gewesen wäre. Aber es war seine Heimat. War in Westberlin großgeworden. Hatte mit Ostberlin nichts am Hut gehabt. Damals nicht. Heute auch nicht. Der Karstadt am Hermannplatz war im 2. Weltkrieg beschossen worden. War damals ein imposantes Gebäude gewesen. Damals. Vor dem Krieg. Schon früher gab es die U-Bahn am Hermannplatz. Schmidt hatte schon immer im Karstadt gearbeitet. Keine große Nummer. Hatte nichts rechts gelernt. Hatte immer die Regale aufgefüllt. In der Früh. Am Abend. Auch am Samstag. Sein Geld war immer regelmässig gekommen. Hatte eine billige Wohnung. War zufrieden. Wenn er genug Geld hatte, ging er gern ins Tiefpunkt. Sportsbar. Fußball schauen. Bier trinken. Wetten. Wenn er kein Geld hatte, ging er auch hin. Anschreiben lassen. Manchmal gab es Ärger. Hier und da eine kleine Schlägerei. Schmidt hatte noch die meisten Zähne. Hielt sich meist raus aus dem Ärger. Nur wenn er großen Durst hatte, hatte er sich nicht mehr unter Kontrolle. Dann kam die Wut über ihm. Kroch aus ihm heraus. Wollte dann am liebsten alles kurz und klein schlagen. Der Wirt schmiss ihn dann meist raus. Das eine oder andere Glas ging dabei schon mal kaputt. Manchmal blutete er dann aus der Nase. Eigentlich hätte er gern eine Freundin gehabt. Aber meist hielt die Beziehung nicht lange. Der Karstadt war damals topmodern gewesen. Direkter U-Bahnanschluss. Heute war der Karstadt nichts besonderes mehr. Vom alten Glanz war nicht viel geblieben. Schmidt mochte ihn noch immer. War sein zuhause. Viel mehr hatte er nicht. In der Früh ging er immer hin. Regale auffüllen.

Nacht in Paris #2

Baudelaires Sterne nicht gefunden beim

Gang durch die Stadt, Wolken, nichts als

Wolken am Firmament, nicht geliebt diese

Wolken, nicht geliebt, wollt die Sterne

erblicken über den Straßen von Paris.

Verloren. In der Dunkelheit.

Verloren. Schwarz der Himmel. Pechrabenschwarz.

Durchs Mark zieht das Geheuel

der Wölfe. Die Sterne

nicht gefunden.