Norilsk: Sonja

Anchorage ist weit. In Anchorage war sie nie gewesen. Sonja lebte in Norilsk. Norilsk ist eine gute Stadt. In ihr gibt es Arbeit. Und es gab Berge. Sonja liebte die Berge. Im Sommer. Im Winter. War gerne draußen. In den Bergen. Einen guten Ruf hat Norilsk nie gehabt. Nicht unter Stalin. Nicht heute. Manche Städte sind keine Schönheit. Manche Städte haben keinen guten Geruch. Sonja mochte die Stadt. Die Häuser in der Innenstadt waren sonnengelb. Als stünden sie im Süden. Manchmal ging Sonja mit einer Freundin ins Theater. Sonja ging gern aus. Für sie war die Stadt Freiheit. Auch eine Moschee gibt es in Norilsk. Aber Sonja ist noch nie drinnen gewesen. Die Menschen in Norilsk genügen sich selber. Fremde kommen hier nicht her. Anreisen könnte man von der Ferne am ehesten mit dem Flugzeug. Oder im Sommer mit dem Schiff. Doch der Sommer ist kurz. Das Eis kommt schnell. 

Der Boden ist hier reich. Reich an Schätzen. Nickel. Kupfer. Cobalt. Stalin hatte in Norilsk den Nickel abbauen lassen. Durch Strafgefangene. Teilweise waren fast 100.000 Menschen hier im Gulag gewesen. Die Lebensbedingungen waren grausam gewesen. Aufstände wurden niedergeschlagen. Nach Stalins Tod wurden die Lager geschlossen. 

Sonja arbeitet als Chemielaborantin in den Nickelwerken. Sonja liebte ihre Arbeit. Auch wenn sie nicht besonders gesund war. Auch die Stadt war nicht gesund. Das wusste Sonja. Das konnte sie sehen. Durch die Nickelbearbeiten entsteht viel Schwefeldioxid. Die Wälder in der Umgebung sind davon massiv geschädigt. Doch Sonja hat hier Arbeit. Gute Arbeit. Sie verdient anständig. Sonja kommt vom Land. Ihre Eltern lebten noch auf dem Dorf. Da konnte man nichts verdienen. Da gab es kaum Arbeit. Hier in der Stadt schon. Sonja hatte eine schöne Wohnung. Ein schönes Auto. Einen kleinen Japaner. Damit konnte sie am Wochenende in die Berge fahren. Raus aus der Stadt. Touristen gibt es in Norilsk nicht. Fremde dürfen in die Stadt nicht rein. Außer sie bekommen einen Passierschein. Hier gibt es ja auch nichts zu sehen. Hier wird gearbeitet. Nickel wurde gebraucht. Die Erde ist reich in Norilsk. Die Erde gab den Menschen Arbeit. Das Erz lag meist 1000 Meter unter der Erde. Keine leichte Arbeit. Damals nicht. Heute nicht.  Nickel wurde für viele Legierungen gebraucht. Sonja war das recht. So konnte sie gut leben. Ohne Nickel kein Stahl. Kein V2A, kein V4A. 

Manchmal fuhr Sonja zum Meer. Wenn sie frei hatte. Zum Polarmeer. Im Sommer konnte es dort angenehm warm sein. Auch in der Stadt war es im Sommer warm. Es konnte sogar richtig heiß werden. Das entschädigte für die bitterkalten Winter. Sonja fuhr gerne zum Meer. Die Luft war dort sauber. Das Wasser auch. So schien es zumindest. Meistens fuhr sie mit ihrer Freundin. Sie machte viel mit ihrer Freundin. Manchmal nahmen sie auch Männer mit. Manchmal. Aber Sonja war gerne auch mit ihrer Freundin alleine. Sa konnten sie ungestört ratschen. Pläne schmieden. An den Feiertagen besuchte sie immer ihre Eltern. Zu Weihnachten. Zu Ostern. Sonja musste ihre Familie nicht zu oft sehen. Sie wollte leben. Ihr Leben leben.

Norilsk ist die nördlichste Großstadt der Erde. Das gefiel Sonja. Aber es war auch die schmutzigste. Die meisten Menschen wohnen in Plattenbauten. Nicht immer farbenfroh angestrichen. Immer schon wurden gutes Geld in Norilsk verdient. Immer schon gab es viel Arbeit in der Stadt. Den Bäumen in der Umgebung geht es nicht gut. Den Lärchen nicht. Den Birken nicht. Die Zweige sind oft abgestorben. Gegen das Schwefeldioxid haben sie keine Chancen. Obst und Gemüse ist im Supermarkt oft teuer. Rentierfleisch gibt es immer günstiger. An Fleisch mangelt es nicht in Norilsk. Auch Sonja ist gerne Fleisch. Sie liebt aber auch Gurken und Tomaten. In ihrer Wohnung hat Sonja Pflanzen. In der Stadt gab es ja sonst nichts Grünes. Pilze und Beeren aus der Gegend aß sie keine. Die waren ihr nicht geheuer. Schlechte Luft reichte ihr schon. Das Essen sollte gesund sein. Wenn sie bei ihren Eltern auf dem Land war, nahm sie immer viel mit heim. Gelb strahlen die Häuser in der Innenstadt.

Im Winter war die Luft in Norilsk oft besonders schlecht. Die Luft konnte nicht abziehen. 

300 km nördlich vom Polarkreis. In den Flüssen konnte man keine Fische angeln. Vom Baden war eh nicht zu reden. Oft wurde irgendwas in die Flüsse gekippt. Sonja wollte das nicht. Aber sie brauchte die Arbeit. Die Winter waren streng in Norilsk. 

Daunenjacken werden gerne getragen. Die Schornsteine rauchten ständig über der Stadt. 

Die Menschen sind zufrieden mit ihrer Stadt. Sie hatten alle Arbeit. Auch wenn sie hier nicht so alt wurden. Später würde Sonja weggehen. Später. 

Der Rauch machte Sonja nichts aus. Sonja war noch jung. Im Winter lief sie oft mit ihren Skiern. Bis ihre Beine brannten. Mit ihrer Freundin lief sie um die Wette. Für Olympia trainierte sie nicht. Dazu war sie nicht gut genug gewesen. Doch schnell war sie schon auf den Skiern. Norilsk ist eine geschlossene Stadt. Doch für Sonja war dies egal. Sie konnte ja raus. Anchorage ist weit. Freunde hatte sie in Anchorage keine. Irgendwann wollte sie einmal nach Anchorage. Vielleicht würde sie mit dem Schiff hinfahren wollen. Anchorage musste schön sein. 

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