Kyschtym: Nadeschda

Kyschtym ist eine Stadt wie jede andere auch. Sie ist nicht groß, doch lässt sich in ihr gut leben. Sollte man meinen. Nadeschda hatte hier ihre Bäckerei. Buk jeden Tag ihr Brot. Sie liebte den Geruch von Brot. Nadeschda liebte ihre Backstube. Rund 40.000 Menschen leben in Kyschtym. Lange Zeit wussten die Menschen nicht, was in ihrer Nähe passiert war, warum die Stadt keine normale Stadt ist. Schön ist der See früher gewesen. Schön. Früher. Als alles noch anders war.

Nadeschdas Familie lebte schon immer in der Nähe von Kyschtym. In einem kleinen Dorf an der Tetscha. In Musljumowo. Ihre Familie waren früher, vor der Revolution, Bauern gewesen. Hatten Kühe gehabt. Hatten Hühner gehabt. Nach der Revolution waren sie auch noch Bauern gewesen. Waren aber auch Arbeiter geworden. Hatten immer noch Kühe. Hatten immer noch Hühner. Bis 1957. Hühner auf der Wiese. Kühe. Land. Fluss. Idylle. Ein fast perfektes Leben. So war das Leben. Nach dem Unfall hielt hier keiner mehr Tier. War verboten worden.

Majak war der Ort der russischen Atombombe. Stalin wollte die Bombe schnell, nachdem die Amerikaner auf Japan Atombomben abgeworfen hatten. In Majak wurde das waffenfähige Plutonium hergestellt. Die Umwelt war dabei weniger wichtig. Schon Ende 1945 wurde an Majak gebaut. Den Ort gab es auf keiner Landkarte eingezeichnet. Der Ort war ein Geheimnis. Hatte nur einen Tarnnamen. Schon 1949 gab es genug Plutonium für die erste sowjetische Atombombe. Schon 1949 entstand viel radioaktiver Müll. Alles rein in die Tetscha. Nadeschdas Großmutter hatte da gespielt. Der Fluss war mit einem Stacheldraht abgeriegelt worden, damit die Kinder nicht im Wasser spielten. Musljumowo war das Dorf der Großmutter. Der Fluß brachte die Krankeit. Die Flußkrankheit. Die Menschen starben oft an dieser Flußkrankheit, dass wusste die Großmutter. Von Verseuchung mit atomaren Müll wusste die Großmutter nichts. 

Nadeschdas Großmutter ist an Krebs gestorben. Nadeschdas Mutter ist an Krebs gestroben. Beide mussten bei den Aufräumarbeiten nach der Katastrophe von 1957 helfen. Niemand hatte sie gewarnt. Schutzanzüge gab es keine damals. Sie hatten ihre Hände. Die radioaktive Wolke war stattlich bei der Explosion, fast leuchtend rot war sie, keine normale Wolke eben. Der Birkenwald starb schnell. Die Menschen starben auch. Und die Tiere.

Lange wurde die Katastrophe verschwiegen. Lange. Erst mit Gorbatschow Umgestaltung wurde von der Sowjetunion der atomare Unfall eingeräumt. Heute weiß Nadeschda alles über die Katastrophe. Weiß von der Flußkrankheit. Weiß, warum ihre Großmutter und ihre Mutter an Krebs gestorben sind. Sie ist trotzdem in der Gegend geblieben. Sie lebt in Kyschtym. In der Stadt, in der jeder jetzt weiß, was damals passiert ist. Doch darüber reden will fast keiner. Alle wollen ihre Ruhe. Alle haben Angst. Angst vor der Krankheit. Manch einer würde gerne weg ziehen. Doch wohin. Hier ist ihre Heimat. Hier haben sie Arbeit. Nadeschda backt jeden Tag ihre Brot. Die Menschen mögen ihre Brote. Ihre Bäckerei geht gut. Warum sollte sie woanders Brote backen.

2 Antworten auf „Kyschtym: Nadeschda“

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