flügelloser engel #2

der bildhauer hackte mit dem beil den stamm

entzwei auf der suche nach dem ausdruck, voller

neid ob der körperlichen mühen suchte der dichter

 

seinen. indianer hätte werden wollen. strichmännchen

erschien ihm vor augen anstelle parataxen. die kettensäge

schaffte ordnung. vor seinen füßen lagen die späne seiner

 

arbeit, sein kleinhirn dankte ihm wenig, sein flugvermögen

massiv gestört, die großhirnrinde bekam neue falten, die

nervenbahnen schienen ihm immer länger zu werden

 

beim anblick der skulptur. flügelloser engel.

die kiefer #2

der fluss kehrt nicht
wieder, der weg ist weit
die rast zwischendurch
notwendig, gegen den berg
an beschwerlich der gang
vor der kapelle ein innehalten
die kiefer am wegesrand
hat einen grobe rinde
ist sie die gleiche, die der
großvater schon sah? vom
wind gebeugt ihr stamm
die sonne geht davon

Die Amseln #2

Die Amseln freuten sich über die frische

Ware. Verlockend in ihrem Rot hingen sie

am Baum, angelockt sie kamen und öffneten

 

ihre Schnäbel, kaum waren sie von angenehmer

Konsistenz, süß im Geschmack, erlabten sie sich

an ihnen. Die Spatzen, sie kamen dazu,

 

doch die Amseln ließen nicht ab.

So schön ist die Kirschenzeit.

Voller Ungeduld

Die Blüten des Pfirsichbaumes verlocken die Bienen,

der Tanz der Schmetterlinge noch ungeübt, der Lech

trägt den geschmolzenen Schnee, Jona ist schon

lange nicht mehr in Ninive gewesen, der König

 

hat sein Büßergewand längst verschenkt, Istar

grüsst nicht mehr, hinweggespült  vom Tigris die

Geschichte, der süße Honig steht im Keller voller

Ungeduld fliegen die Fahrräder durch die Luft

Die Freude #2

Misslungen der Wurf und doch, zwischen den

Winter- und den Frühlingstagen die Sonne

gefangen, zwischen den kahlen Baumstämmen

 

hindurch, mit bloßer Hand, über den Dächern

der alten Häuser, gehüpft auf einem Bein die Straß´

entlang als wäre ein Kind, am Fenster die

 

Kinder schütteln ihr Haupt voller Unverständnis.

Um die Ecke kommt sie viel zu schnell. Zerborsten

liegen die Milchflaschen im weißen See.

Falscher Tweet

Früher dachte Franz immer, der Frieden der Welt hing an einem Knopf. Heute hängt dieser an einem richtigen oder falschen Tweet. So ändert sich die Zeit. Joschka Fischer ist schon lange nicht mehr Außenminister. An Kriege will sich Franz nicht gewöhnen. An Trump auch nicht. Bei Cuba werden viele nostalgisch. Der Frühling trieb seine Blüten voran. Die Obstbäume waren startbereit. Der Spargel sowieso. Sein Fahrrad könnte Franz auch mal wieder putzen. Fahrradwaschanlagen waren Mangelware. Und durch die Autowaschanlage mit dem Fahrrad zu fahren, dafür war nicht der Typ.

Keine Linsensuppe

Das Unkraut kroch aus allen Erdritzen, von

Schnee keine Spur mehr, die schmale Sichel

des Mondes ragt über Gilgamesch, König

Lear isst keine Linsensuppe mehr, die Ordnung

 

des Tages liegt unter dem Tisch, Amseln streiten

sich über den besseren Platz in der Sonne,

Ameisen suchen ihre Straße, Mimosen allenthalben

Helden schlafen auf der Ofenbank

Fastenzeit vorbei

Die Fastenzeit vorbei. Starkbierzeit ebenso. Ruhiger war es um den Nockherberg geworden. Zwar war die Biergartensaison eröffnet, doch der Betrieb war gemässigt. Weniger Lederhosen. Weniger Dirndl. Franz war gern mal im Salvatorkeller. Mit oder ohne Arbeit. Je nach Uhrzeit und Laune. Unter den Kastanien ließ es sich aushalten. Auch am Abend waren die Temperaturen noch milde. Mit zuviel Bier konnte er nicht mehr schreiben. Doch ein Radler ging schon. Am Abend nahm er manchmal etwas zu essen mit. Mit Maria saß er gern noch einfach nur da und schaute in den Abendhimmel. Bald fingen die Kastanien an zu blühen. Bald. In Ungarn hatte der falsche Politiker die Wahlen gewonnen. Seehofer freute sich darüber. Ein demokratisches Europa sieht anders aus. Das Schielen nach rechts war dem Franz unheimlich. Konservativ geht anders.

die füße laufen hinterher #2

herzkammerwörter abgeschossen. die angelegenheit

kannte keine gewinner. mit dem bade ausgeschüttet

gleitet die liebe dahin. der fluss der wörter zerbricht

die staumauer, reißt das kraftwerk entzwei. die galle

verströmt ihre schwarze tinte, der puls schlägt bis

zum hals. der magen hat längst das weite gesucht

die füße laufen hinterher. der kopf taumelt ratlos

hortensien #2

der zugang zum schloss war nicht so

leicht, die maiandacht fand am abend

statt, die marienstatue festlich geschmückt

meerstern, ich dich grüße, die blumen süßlich

 

fliederblau, hortensien umranken die maria

umhergeirrt, in den kühlen räumen nach zuflucht

gesucht, den mantel ausgebreitet bietest du schutz

 

kafka kam mit seinem schloss nicht zurecht, stand

allein im regen, den rosenkranz nicht in der hand,

das helle blau leuchtete weit