Mitunter, wenn es ihm gerade einfiel, als Fingerübung, als Laune, schöne Geste, langsamer als Twitter, schrieb Franz Postkarten. Mal aus München. Mal aus der Ferne. Mal seiner Freundin. Mal einem Freund. Oder der Familie. Wenig Platz. Doch mehr als 120 Zeichen. Keine an Trump. Auch nicht an Frau Merkel. Er mochte diese Enge. Liebe den Füllfederhalter oder Bleistift. Schrieb im Café. Oder am Schreibtisch. Auf der Parkbank. Oder an der Isar. Meist weniger über das Wetter. Um in Schwung zu kommen. Um den Menschen einen Gruß zu senden.
Autor: orangeblau
Augustregen. Carmen
Augustregen. Schlechte Wetterprognosen. Zumindest für eine Open-air-Veranstaltung. Maria und Franz fuhren im Regen los. Es half ja nichts. Besser sollte es gegen Abend werden. Am See nur noch vereinzelt. Mit dem Zug wären sie schlecht zurückgekommen. Eine Übernachtung zu teuer. Carmen am Bodensee. Bregenzer Festspiele. Umkehren war die Frage, aber nicht die Alternative. In der Stadt gingen sie noch schnell etwas Essen. In der Bar noch einen Kaffee. Verschwunden der Regen. Am Ufer entlang erschien die Sonne. Fast unwirklich. Verfärbte den Himmel. Die Nacht kam. Das Orchester saß im Trockenen. Carmen schwamm durch den See. Das Herz erfreuendes Bühnenbild. Feuerwerk durfte nicht fehlen. Der Zuschauer will was geboten bekommen. Zügig die Inszenierung. Für Pause keine Zeit. Sterne zeigten sich. Himmel abgelaufen. Später noch kurz zurück in die Bar. Maria und Franz mochten gerne Opern. Sommerkost gewesen. Die Bar wunderbar.
das verschwimmende gesicht #2
wenn das portrait kein portrait
das gesicht nicht als gesicht
die person nicht wiederzukennen
die nase nicht mehr vorkommt,
die ohren verlaufen, die augen zur
höhle verkommen, das glück den
personen nicht hold, als sie modell
standen dem francis bacon,
zerrissen das herz, die kümmernis
lastet schwer, wenn malt bacon das portrait
zu lauern nicht das paradies auf erden, die
hölle nur scheint reserviert
dem arno entlang #2
dem arno entlang
über die hügel, der
nackte bacon im kopf
eichenwälder, olivenhaine
junge katzen wälzen sich
in der sonne, bachs cello-suiten
im ohr, von ferne rauschen die
autos auf der schnellstraße
der nachthimmel zerspringt
vor lauter sterne, wildschweine
und rehe wandern, grillen
singen ihr „gute nacht“-ständchen
Eisdielentour
Franz mochte den Spätsommer, mochte den August. Nicht, dass München ausgestorben wäre. Fast schien man die Sommerferien kaum zu bemerken. Aber das Wetter war kühler geworden, im Freibad konnte man ungestörter seine Bahnen ziehen. Am Abend machte Franz seine Eisdielentour. Zwei, drei Eisdielen in der Stadt ansteuern, eine Sorte Eis essen und entspannt weiter radeln. In Italien liefen die Leute immer den Corso auf und ab. Franz dreht seine Runde durch die Stadtteile. Bei dem Geschmack des Eises war Franz eher konservativ. Weniger Innovation fand er besser. In ausgehenden Sommer war die Sehnsucht nach Eis bei Franz um so größer. Als könnte er den Sommer festhalten. Zum Schreiben blieb da wenig Zeit.
matsushima
nicht erreicht matsushima
in der nacht, die inseln der
hoffnung liegen da,
kiefernnadeln ins feuer
bashos reise zu sich, weite
pfade gegangen, auf der suche
fußspur auf fußspur, über
die brücken des glücks
Ende Juli #2
der sommer hält nicht immer
was er verspricht, die gewitter
jagen sich, die blitze teilen die
wolken, der donner vertreibt
die schwimmer vom see, die
grillwürste werden nass, die städter
verlassen fluchtartig das land, die
ertragslage für regenschirmverkäufer
könnte kaum besser sein, nur
in den träumen laufen wir barfuß
über sommerwiesen, an den
silberdisteln vorbei, während die
stadtbewohner längst im trockenen
sind, geht die kuh nass in den stall
Schaut und lest!
Ausreißer, die Grazer Wandzeitung hat einen Text von mir veröffentlicht.
regentage #2
an manchen tagen weint der
himmel, wird nass das herz
wolken schwer hängen am
gewölk, die stiefel saugen
sich voll, die wiese ein einziges
meer voll tränen, über läuft
die regentonne im garten, als
wollte es wegschwimmen, das herz
diotima weit entfernt
die nacht vertreibt die schatten
nicht, der mond verborgen hinter
schwarze wolken, fern die sterne
der schlaf kommt geschwind
die katze streift ums haus, das
erinnern will nicht gelingen, einsamkeit
fährt in die glieder, diotima weit
entfernt, kälte zieht ins zimmer