Ein Bahnhof teilt Welten. Die Einen steigen in den ICE ein und fahren zum Flughafen. Andere von der Nachtschicht mit der S-Bahn nach Hause. Manche steigen gar nicht ein und winken den Abreisenden hinterher. Doch einige sind nur da, weil es was gibt. Suchen im Müll nach Pfandflaschen oder Lebensmittel, suchen den Boden ab nach Rauchware. Maria wartet auf ihren Zug nach München. Eine Reisende, vielleicht in Urlaubslaune, gibt einem Suchenden Kleingeld. Erleichtert und froh geht sie zu ihrer Reisegruppe. Vielleicht Frankfurt-Flughafen. Der Beschenkte geht weiter seiner Tätigkeit nach, durchwühlt den Müll, nachdem er das Geld eingesteckt hat. Sein Gang zeugt nicht von Gesundheit. Sein Alter kann Maria schwer schätzen. Wer mit dem ICE reist, ist privilegiert. Auf ihrem Bahnsteig stehen bessere gekleidete Fahrgäste. Manche wollen in die weite Welt fliegen. Heim nach Tokio, endlich mal New York, Zumindest Mallorca ist drin. Andere haben einen Junggesellenabschied geplant. Größere Vorräte weisen das Ziel. Maria hatte Freunde besucht, Bilder angeschaut. Kein Flug in die Ferne. In einigen Tagen würde sie nach Florenz fahren. Zur Familie. Aber erst heim nach München. Sie musste nicht vom Müll leben.
Autor: orangeblau
Der deutsche Diesel
Franz fand, dass die AfD einen sehr speziellen Humor hatte. Neu entdeckte die AfD den deutschen Diesel für den Wahlkampf. Vermutlich ging die AfD davon aus, dachte Franz, dass die Deutschen ein besonders zähes Volk sind. Nicht nur, als Steigerung zu Hitler und Goebbels, hart wie Kruppstahl, zäh und flink usw. Auch immun gegen Feinstaub. Wahrscheinlich würden die Deutschen so auch den weiteren Ansturm der Migranten auf die Festung Europa und auf das christliche Abendland überstehen. Dank deutschem Diesel und seinem Feinstaub. Franz fuhr erst mal eine Runde mit dem Rad. Ein Dieselfahrzeug würde er nicht mehr kaufen.
sommerfrische #2
aus der mode, doch
wunderbar, über die berge
in den süden, das süße
leben geniessen, das entspannte
nichtstun, zwischen oliven
zypressen, oleander den rosmarin
pflücken, feigen vom
baum essen und die beine
ausstrecken. hin und
wieder ins wasser springen
den eidechsen beim sonnen
zusehen und in der bar
einen kaffee trinken
platon in der schublade
sommerglut. auf götter müssen
wir gefasst sein. sturm umbraust
das meer. mit diotima führen
wir gerne gespräche. fern
des verstandes berührten
sich die leiber. platon
blieb in der schublade, die
sterne erhellten die gesichter
erinnerungen
die eismacher wussten nicht, was
sie wollten, ziegenkäse-honig-eis
eher ein irrläufer, kapriolen des
sommers, schwere wolken
überziehen den horizont, der donner
treibt die hunde ins haus, bordeaux
riecht nach atlantik, die
trauben gewinnen an kraft
auf dem meer hölderlins
reichtum über bord
fallengelassen, erinnerungen
verblassen
Fehlte das Kleingeld
Franz hatte sich noch nicht um den neuen Tesla gekümmert. Fehlte das Kleingeld. Aber VW wollte er nicht mehr kaufen. Zumindest keinen Verbrennungsmotor. Wenn mal der neue Elektro-Bully kommen würde und das nötige Geld wäre gerade in seiner Tasche, wäre es eine Versuchung wert. Doch Tesla wäre sicher schnell als VW. Die Politik machte gerade auch nicht auf Ruhm bekleckern. Sein Großvater hatte schon VW gefahren. Sein Vater auch. Er hatte nach dem Führerschein einen alten Käfer gefahren. Vergangenheit. Wenn ein Konzern die Zukunft verschläft, muss er sich nicht wundern. Wenn alle betrogenen Diesel-Fahrer die Opposition wählen würden, dann wäre der Wahlkampf noch spannend. Aber die Deutschen liebten ja immer noch ihr Auto. Betrug hin oder her.
Die meiste Zeit fuhr Franz eh Fahrrad. In München war Autofahren sinnbefreit. Auch die Radwege wurden immer voller. Mehr Zuwachs schien ihm da nicht passend. Wohnraum war eh teuer genug. Franz war privilegiert. Der Weg zum Arbeitsplatz ein paar Fußschritte. Auch sein zweiter Arbeitsplatz, die Bar, war nicht weit. Den Berg runter und schon war er fast da. Am Abend hatte er mal wieder Dienst. Im Sommer meist entspannt, Sie hatten nur wenige Plätze auf der Straße.
august
morgenträume verträumt
hölderlins hymen nie auswendig
gelernt, die sw-filme werden immer
noch eingelegt, die schwüle augustluft
nimmt den menschen den ernst,
badeseen laufen über vor menschen,
rettungswege werden akkurat
eingehalten, vivaldis konzert in den
ohren, der mähdrescher hat keine
chance, durch das maisfeld läuft
die liebe nicht davon, gelb grüßen
die sonnenblumen den reisenden
ozeane durchschwommen
den morgentau durchwandert, ozeane
des glücks durchschwommen, die
engel schlagen geschwind ihre flügel
moreaus augenschlag, der sehnsucht
hinterhergelaufen, die straßen der stadt
umgibt die sünde, kein morgengrauen in sicht
Zwischen Jules und Jim
Zwischen Jules und Jim lang das Leben. Lag die Liebe. Alle Hoffnung, alle Schwermut. Franz mochte die französischen Filme. Liebte die Filme der Nouvelle Vague. War gerne versunken im Kino. Konnte alles vergessen. Im Theatiner. Im Isabella. Original mit Untertitel. Mehr brauchte es nicht für einen glücklichen Abend. Er hatte Jeanne Moreau gemocht. Er wollte sich wieder einen Film mit ihr anschauen. Studierte die Kinoprogramme. Im Fernsehen funktionierten die Filme nicht. Brauchten eine große Leinwand. Das Leben zwischen Jules und Jim.
nachtgesang
das dunkle der nacht, der
sohn des kronos bringt dem
achilleus das leierspiel bei
das wild des waldes durchzieht
die finsternis, der augustdonner
lässt verkriechen die menschen
hinter der ofenbank, das mondlicht
schimmert fahl, in seinem glanz
tanzen die totengräber, du erzählst
von liebesleid? die wollust verflogen
das geklimmpere auf dem klavier
verstummt, hölderlins glück
zum teufel gejagt, deine küsse
geben keinen halt, der wind pfeift
durch die blätter