wintervorrat

duch die wolken, pollocks

wellenschlag, abendstern

lässt auf sich warten, der

fluss spült die worte fort, in

den ohren die musik des

waldes, buchstabe für buchstabe

die seiten gelesen, die verflogenen

küsse schmecken nach wilden

beeren, in der küche kocht der

wintervorrat

rosenblüte #2

die rosenblüte im regen

vergebliche müh die läuse

fressen die blätter, der duft

nicht strömt wenn der regen

 

rosa, weiße und rote blüten

erleuchten den garten, erfreuen

den besucher, verschwendung

üppige, rauschende fest der sinne

 

der gärtner schneidet, ob sonne

ob regen, zupft an den blättern

goethes knabe wollt es brechen

 

das röslein auf der heiden

doch fern vom mord im namen der rose

dem besucher erfreut das herz

aufgeschüttelt wird in der früh

die postkarten werden nicht

verschickt, die gläser gern

weggeräumt, nach der autofahrt

 

schläft sie unter dem kopfkissen

aufgeschüttelt wird in der früh

zwischen hegel und genet findet

 

sich kein platz für eigene

gedanken, le sacre du printemps

das grausame opfer, im morgengrauen

 

keine zeit für aufwühlende

gedanken, van goghs sonnenblumen

feiern jeden sommer auferstehung

die taubenblauen fensterläden grüssen

der geglückte tag beginnt

nicht am nachmittag, die

vögel singen im morgengrauen

ihr konzert, die schreihälse sind

ausgeflogen, die steinpilze

wuchern im wald, die bleistifte

liegen gespitzt in freudiger

unordnung, die semmeln des

bäckers sind noch warm, satt

streift die katze ums haus, der

dielenboden gibt nach bei jedem

schritt, geschwind vergehen die

tag, der wind treibt die wolken

übers haus, an einem geglückten

tag laufen die füsse schneller als

die zunge das wort, die

taubenblauen fensterläden begrüssen

freudig die fremden, an einem

geglückten tag lacht das herz

sein schönstes lachen

Der Sonntagsdepression davongeradlt

Der Sonntagsdepression war Franz davongeradelt. Mit dem Zug nach Prien. Dann durch den Chiemgau. Trotz dunklem Himmel in den See gesprungen. Fette Torte danach. Auch Maria liebte Kuchen. Als die Beine schwer wurden, gingen sie noch in den Biergarten. Radler brauchen eben Kalorien. Der Wind hatte die meisten Leute in die Häuser getrieben. Angenehme Ruhe am Sonntag. Sie wollten erst später mit dem Zug fahren. Keine Eile. Der Chiemsee war aufgewühlt. Segler sah man nur selten. Kohl mochte nun in Frieden ruhen.  Als Jugendlicher hatte Franz sich immer für die Tour de France interessiert. War lange her. Erstaunlich, dass die immer noch herumfuhren. Aber es waren eben doch einige für Doping.

wagners walküren reiten über den hügel

wolken jagen einander

im grimm, auf den feldern

erheben sich die sonnenblumen

 

und grüßen den mais, schafe

zählen kann man später immer

noch, vor dem hof hängt die

 

wäsche im wind, die räder

werfen ihren schatten, wagners

walküren reiten über den hügel

 

das wirtshaus öffnet schon lange

nicht mehr, spinnnetze versperren

den weg

Die Welt hatte sich verändert

Die alte Bundesrepublik ihr Kanzler wird zu Grabe getragen. Ein Tag vorher die Ehe für alle beschlossen. Fast scheint es Franz, als käme der verstorbene Kanzler aus einem anderen Jahrhundert. Die Welt hatte sich verändert seit Kohls Kanzlerschaft. Als Kohl an die Macht kam, wäre an Ehe für alle nicht zu denken gewesen. Die deutsche Einheit schien Franz schon ewig da zusein. Und doch, so ewig ist es doch noch nicht her. Er hatte noch die alte DDR bereist. Als Kind mit seinen Eltern. Vater hatte irgendwelche beruflichen Kontakte in Ostberlin gehabt. Geschäfte. Devisen. So genau wusste Franz es nicht. Dass die Mauer fallen würde, hatte er nicht geglaubt. DDR war für ihn wie die Schweiz oder Österreich gewesen. Ein anderes Land. Die gleiche Sprache. Franz hatte Kohl nie besonders gemocht. Aber er war froh, dass die Beerdigung nun doch feierlich vonstatten ging.

pounds fundstücke

motz versus wort, verdreht auch

verloren, weise und sound

 

verrückter laut, pounds

fundstücke, vergessen die bücher

 

des glücks, die musik der verse

hinterhergehechtet, den gelüsten

 

der einsamen in die seite

die schwarzen stiefel, das herz

 

herausgedreht aus der grünen

wiese, bilder ausgelöscht

Eine große Freude lag über der Stadt

Die Winde liebte Franz sehr. Sonne und Wind. Bestes Radlwetter. Nordseewetter. Besser mit einer leichten Jacke auf dem Rad. Maria mochte lieber weniger Wind. Und mehr Wärme.  Dem Franz war eine frische Brise schon recht. Der Bundestag hatte heute Geschichte geschrieben. Abstimmungen ohne Fraktionszwang mochte er. Rochen nach Demokratie. Gab es viel zu selten. Franz kannte viele Schwule. Auch Lesben. Aber ob die nun alle heiraten würden? Er war kein großer Freund von der Ehe. Doch jetzt durften sie. Das fand er schon gut. Viele hatten im Bundestag für die Ehe für alle gestimmt. Auch zahlreiche von der CDU. Die Gesellschaft hatte sich verändert. Nicht nur bei den Nazis war Homosexualität verboten gewesen. Mussten rosa Winkel tragen im KZ. Auch in der Bundesrepublik wurden die Schwulen lange verfolgt. Den § 175 hatte es ewig gegeben. Eine Schande. Im Strafgesetzbuch von 1872. Bis 1994. Ein Unding. Franz radelte gern durchs Glockenbachviertel. Am Abend ging er mit Maria essen. In der Stadt war viel los. Eine große Freude lag über der Stadt. Fehlte nur der Regenbogen am Himmel.

zieht abend übers land #2

 

zieht abend übers land,

zieht abend, legt nebel

sich auf die berg legt

schwer werden die

 

Felder, schwer, zieht abend

übers land, drückt weg die

sonne sich vom horizont,

einsamkeit durchfährt die

 

glieder des geliebten

einsamkeit, ermattet

wartend im kummer liegt

 

er, ermattet, zieht abend

übers land. ach nachtigall

ach nachtigall