Von der Birnbaumlyrik

Franz verstand sich ja eher als Birnbaumlyriker. Nicht, dass er Schiller verehrte. Aber er mochte Obstbäume. Bei der Lektüre war er aber auf die Bierbaumlyrik gestossen. Die war sicher auch interessant. Franz stellte sich da Kastanienbäume und Bierbänke im Biergarten vor. Nur im Bierrausch konnte er nicht schreiben. Auch nicht mit Birnenschnaps. Aber auf der Bank unterm Birnbaum fiel ihm schon mal was ein. Ob zur Blütezeit oder im Herbst, wenn reif die Früchte. Er war kein Fontane-Fan. Aber den Birnbaum, den mochte er schon.

küsse als rettung #else lasker-schüler

als zu ende war das

jahrhundert, der kommende

krieg schon in der luft, die

technik sich immer schneller

 

die flugzeuge fliegen und die

autos das fahren lernten, dem

bürgertum der hut vom kopf

da schien zu ende die welt

 

weltuntergangstimmungspoesie

überall. und else geht die liebe

suchen, die sehnsucht nach küssen

 

sie sehnte sich nach liebe, der

glaube am wanken, die küsse

als rettung in der kalten welt

als else lasker-schüler #2

als else lasker-schüler franz

marc traf und wurde zu prinz

jussuf von theben und präsentierte

der blaue reiter sein blaues pferd

 

präsentierte dem prinzen, da

funkelten die sterne, flogen die

postkarten her und hin, jenseits des

alltags, fern der wirklichkeit,

 

zwischen feuerochs und

zitronenpferd, eingesponnen

in der welt der fantasie, farbprächtige

gestirne, fabelweltenglück

bei kirke #3

odysseus genoss auch sehr

die gastfreundschaft von kirke

wollt gar nicht lassen von ihr

wars ein zauber? die dienerinnen

lieblich, der tisch reich geschmückt

wein fehlte auch ihm nicht, milch und

honig flossen, doch in die heimat er

muss fahren, nach ithaka

später dann, als odysseus längst

verschwunden, kirke verzauberte

den picus, er wollt sie nicht

in einen specht

über den Brenner #2

verloren die blätter und

doch verkünden die knospen

das frühjahr zart, so bleibt

die winterkälte und doch

 

eingeschrieben schon die

blütenpracht, feuchter

novembernebel lag in den

schluchten, über den

 

brenner wollt noch kommen

heut er, sein rad quälte sich

meter für meter, konnt

die hand fast nicht mehr

 

sehen, über ihm der adler

zog, als höher kam er, da

teilte sich, der nebel schwand

dem licht entgegen

bei kirke #2

ruhig das meer, als wir schliefen

im koben, aufgewacht genossen wir

unser schweineleben, der schädel

brummte noch, doch es gab reichlich

 

wasser und brot, tage vergingen

bis ankam odysseus uns zu

befreien. bedrohte hatte er die kirke

unbesiegbar gewesen er durch sein

 

wundersames kraut, hermes, der alte

fuchs, hatte es ihm verraten

befreit vom zauber lebten wir noch

bis wir gut bei kräften waren, auf

 

der herrlichen insel, kirke, eine

fantastische gastgeberin, lies uns an

nichts mangeln, fern der heimat, wir

aßen und tranken, ein paradies

Keinen Gin

Franz fühlte sich als Demokrat. Für Könige hatte er wenig übrig. Außer in Theaterstücken. Aber reale Könige hielt er für ziemlich überflüssig. Oder skurril. Spanien. Schweden. England. Aber irgendwie hatte er die englische Königin ins Herz geschlossen. Eher als kulturelles Ereignis. Die einen schauten ihre tägliche Seifenoper, andere amerikanische Serien im Internet. Manche tranken Gin. Gin mochte Franz nicht unbedingt. Aber in einer lauen Sommernacht fand er den Geburtstag der Queen amüsanter als Brexit-Verhandlungen von May. Der Streit um Kohl und sein Begräbnis hatte er Bildzeitung-Niveau. War ja auch kein Wunder. Familienstreit ums Erbe fand Franz eher peinlich. Ein Mensch, der 16 Jahre Kanzler war, war sicher kein einfacher Mensch. Franz mochte keine Machtmenschen.

bei kirke

die insel lag ruhig beim vorbeifahren,

eichen wucherten überall, auch sonst

viel baum sie  bedeckte, ein paar häuser

sie besiedeln, eine villa gar. freundlich

die gastgeberin uns begrüßt, wir, die wir

fast verdurstet sind von der langen fahrt

übers meer, hungrig fallen wir über das

dargereichte essen her, bis wir fallen

in einen unruhigen schlaf

in der weißen nacht

zwischen den rosenblüten im

garten den violinschlüssel

verschlungen, die hände wund

von der klaviatur, die dornen

das hemd längst zerrissen

sommersonnenwendschlaflosigkeit

vor den hellen nächten in den dunklen

keller geflohen, dem maler sind

die farben längst vertrocknet, wir

sangen die kaffeekantate auf der

schiefen gartenbank, das geplaudere

schreitet voran gegen die vögel

 

 

der kaffee ist schwarz

nicht stark genug kann er sein in der

weißen nacht, die küsse so zart

unter dem kirschenbaum