der zitronenbaum #2

das land, wo die zitronen blühen,

gelbe, saure früchte, kennst du es,

das land, goethe fand sie auf sizilien.

ein land der liebe und des glücks,

 

so scheint es fast ein paradies.

doch entstand, zum schutz der

schönen gelben frucht, zum schutz

der wunderbaren bäume, die

 

cosa nostra. entstand doch unter dem

zitronenbaume, nicht weit von

palermo, in einem zitronengarten.

aus der mode gekommen ist wohl

 

der handel mit zitronen. und doch, so

schön das land, wo die zitronen

blühen, so schön das land.

als wäre schon sommer

fliegende dichter allenthalben, rum

um kirche, baumkrone, kerouac

hinterhergelaufen, vollkommen

nüchtern unmöglich, als wäre schon

 

sommer, der himmel voller sternschnuppen,

die vögel bilden am firmament steile

formationen, burroughs schaut uns

über die schultern, während wir über

 

die felder laufen, das korn streichelt

unsere beine, das pflaumenmus hängt

noch an den bäumen, die ziegen sind

längst ausgebüchst, der buchsbaum zerfressen

 

immer weiter laufen wir ins abendrot

der kadaver des zusammengefahrenen

rehs umgarnt von einem haufen fliegen

kein storch wartet auf uns.

in der u-bahn #2

abendgedränge. längst

sind die sitzplätze besetzt.

studenten müde der professoren.

schnell muss die mutter mit

 

ihren kindern vom hort zum

einkaufen. nächster halt odeonsplatz.

die stehplätze werden knapp,

geschiebe, körper an körper.

 

wer kein handy in der hand hat,

muss rentner sein. oder kind. hier

und da, fast verloren, menschen,

die miteinander reden. verschiedene

 

sprachen dringen ans ohr.

porschefahrer nicht anwesend.

marienplatz. die u-bahn spuckt die

fahrgäste aus. schnell zur s-bahn.

 

rauf in die fußgängerzone. in dem

bauch der stadt gewimmel. vorbei

ein passant, zieht in einem

holzwagen ein gans hinter sich her.

 

als hätte er sich verirrt. doch

dies ist nur scheinbar.

Kartographie #9 Silberhornstraße

Zum Franz musste Maria nur eine U-Bahn-Station fahren. Oder laufen. Sie mochte den Bahnhof Siberhornstraße. Knallorange. Kräfte Sonne unter der Erde. Frei von Säulen der ganze Bahnsteig. Wer wollte, nahm von hier die Straßenbahn nach Grünwald. Doch Maria mochte Grünwald nicht. Obwohl die Fahrtstrecke sehr schön war. Lieber unter der Erde die Sonne. Manchmal lief sie den Berg zum Franz auch zu Fuß rauf. Obwohl die Sonne auch auf der Erde schien, hatte sie heute keine Lust. Sie ging auf der Tegernseer Landstraße noch ein paar Kleinigkeiten fürs Frühstück einkaufen. In der TeLa war eigentlich immer was los. Sie war die Herzkammer von Obergiesing. Und der Bauch. Bis vor ein paar Jahren hatte es in der Unteren Grasstraße noch einen richtigen Bäcker gegeben. Hatte ihr der Franz erzählt. Einen Bäcker, der seine Semmeln noch mit der Hand gemacht hat. Doch der Angerbauer hat aufgegeben. Keinen Nachfolger gefunden. Samstags musste man immer Schlange stehen. Die besten Semmeln weit und breit. Franz hat wohl auch den Kuchen dort sehr geliebt. Nutzte nichts. Maria kaufte die Semmeln woanders.

die spargelstecher krümmen ihre rücken

unbehaust die felder, der

aprilwind treibt die vögel vor

sich her, die raben wehren

sich tapfer gegen den späten

 

schnee, die mützen der radfahrer

sind tief ins gesicht gezogen

der bauer flügt für die saat

den acker, zieht wellen

 

über das land. die sonne

verliert gegen die wolken

den kampf. die spargelstecher

krümmen ihre rücken, später

 

karren die alten busse sie wieder

in ihre schlafstätten. der sohn

des bauern heult mit seiner

crossmaschine über die rauen

 

wege. kühe sieht man hier keine.

schweine haben schon

lange keinen ausgang mehr. ein

verlaufender hahn kräht um sein leben.

Kartographie #8 Stachus

Maria war mit dem Zug aus Florenz gekommen. Sie tat noch ein paar Schritt. Ging vom Hauptbahnhof zum Stachus. Der Brunnen hatte noch kein Wasser. Wollte sich wie eine Touristin fühlen und setzte sich an den Rand. Schaute den Leuten zu. Den Autos. Nachher ging sie ins Fastfoodrestaurant wie so viele Touristen. Aß ein paar Pommes und einen Burger. Als wäre sie im Urlaub in Monaco. Dabei lebte sie ja gerade in München. Ostern bei der Familie und bei Freunden hatte sie genossen. Aber nun war sie froh, wieder in München zu sein. Freute sich auf Franz, der auch bald kommen würde. Der Stachus hatte immer etwas besonderes für sie. War immer der Ort gewesen, von dem sie München erobert hatte. Ging immer vom Hauptbahnhof zum Stachus. Manchmal ging sie dann noch durch die ganze Fußgängerzone, als wär sie zum ersten Mal da. Schaute wie Touristen schauen. Wenn die Geschäfte schlossen, wurde es hier ruhig. Die Münchener waren dann nicht mehr hier. Warum auch. Maria hörte noch einem Musiker zu, der am Stachus spielte. Dann würde sie heimfahren.

beuys und das fett #2

mit ata. jeder kriegt sein fett weg. auch beuys.

das scheuermittel für alle

schwierigen fälle.

jeder ist ein künstler.

kunst kommt von können.

jeder kriegt sein fett weg.

jeder hat das rechts, sich in wort,

schrift und bild frei zu äußern, jeder,

jeder ist ein künstler.

butter verschmiert, einfach so,

5 kilo butter, hat beuys.

ein riesiges butterbrot.

nur ohne brot. ein fetter haufen.

jeder ist ein künstler.

fett ist kunst,

fette kunst. entsorgte ein fleißiger

hausmeister das fett. die alte butter.

längst ranzig.

das alte butterbrot ohne brot. 9 monate

nach beuys tod. aufgeräumt.

saubergemacht. mit ata.

dem wunderscheuermittel.

völlig zerstört, das fette kunstwerk

völlig zerstört. die geretteten reste

des kunstwerks, in einem mülleimer entsorgt,

später zu schnaps destilliert.

juristischer streitwert für 5 kilo butter:

40.000 dm.

im drachenblut nicht gebadet #2

 

im drachenblut nicht gebadet,

nicht besiegt die zwerge und

riesen, den schatz nicht gefunden,

siegfried nicht genannt, keine tarnkappe

 

getragen, held nicht gewesen, in

schlachten nicht gekämpft, das

schwert nicht gezogen.

geschrieben nicht das lied

 

komponiert nicht die oper, in

bayreuth nicht gejubelt, sitzt der

autor vor seiner schreibmaschine und

schreibt nicht ein heldengedicht.

Vis am Meer

Die Fischer auf Schiermonnikoog hatten es nicht leicht. Hoher Seegang. Der Wind pfiff Franz gewaltig um die Ohren. Nach dem Gang zum Meer machte Franz Zwischenstopp. Trank einen Tee zum Aufwärmen, Schrieb nebenbei ein wenig. Mit Maria hatte er länger telefoniert. Es ging ihr gut in Italien. Deutlich wärmer als an der Nordsee. Aber Franz machte das Wetter nichts aus. Hatte genug warme Sachen dabei. Mochte den Tee. Das Essen auf Schiermonnikoog war auch anders als früher. Auch hier war die italienische Küche angekommen. Als Vorspeise gab es z.B. Rundercarpaccio
met rucola, pijnboompitten en Parmezaanse kaas. Am Meer musste man natürlich Vis essen. Zumindest, wenn die Fischer ausfahren konnten. Oder Mosselen. Da würde sogar Maria neidisch werden. Obwohl ja die niederländische Küche nicht so berühmt wie die italienische ist. Drum kochten Franz und seine Freunde ja auch gerne selber. Frischen Fisch gab es gut zu kaufen. Wunderbaren Hering. Oder Scholle. Kartoffel gab es eh. Viel mehr brauchte es nicht. Selbst guten Wein gab es. Aber auf der Insel tranken sie lieber Bier. Morgen wollten sie Inselhüpfen machen. Einmal nach Ameland. Die Fähre sollte fahren.

münchen, hbf #2

 

ankommen, fortfahren.

morgen. jeden. aus

rosenheim. augsburg. der zug

spuckt die pendler.

 

zügig zur u-bahn,

in die s-bahn.

schnell noch einen kaffee.

zeitungen werden weggeworfen.

 

mail gescheckt. bei der

auskunft stehen ein paar italiener

und warten auf die weiterreise. der

tgv kommt gleich und fährt

 

in eine andere welt. polizisten

kontrollieren passanten.

der ice nach berlin hat verspätung.

nach rom? wo soll ich hin? budapest?

 

das büro muss warten.