Der Fluss drückte die Wellen durch die Stadt

15.02.2017

Die Nacht trieb noch das Eis auf den Seen zusammen. Doch am Tage wärmte die Sonne die Natur. Frech empor ragten die Schneeglöckchen. Die Wiesen schien fast schon grün. In der früh machten die Vögel Radau. Franz liebte die Morgenstimmung. Sah gern die Sonne aufgehen. Am Nachmittag, nach dem Schreibtisch, radelte Franz zur Isar runter, um sich in die Sonne zu setzen. Ein Buch dabei, sein Notizbuch, einen Bleistift. An der Luft schrieb er gerne, las er gerne. Mochte die Geräusche der Menschen, die fernen Autos, die Spaziergänger, die Kinder, die Hunde. Hier und da machte der eine schon seinen Grill an, konnte nicht auf den Sommer warten. Der Fluss drückte die Wellen durch die Stadt. Als die Sonne tiefer stand, kroch die Kälte langsam hoch. Es war noch nicht Sommer, die Wärme nur in den Strahlen zu spüren. Ohne Handschuhe radelte Franz langsam zurück, unterwegs wollte er noch fürs Abendessen einkaufen. Vielleicht würde er noch Fußball schauen gehen. Er war sich noch nicht sicher. War kein großer Bayern-Fan. Die Bilder von Syrien zeigten nur Wüstenlandschaften. Steinwüsten. Betonwüsten. Zerstörte Städte. Wohnen konnte da niemand mehr. Assad ein Sieger? Über ein Land, das es nicht mehr so gab?

Bären nach Mitternacht

Die Haifischzähne nicht

im Gesicht, das Messer

liegt in der Küchenschublade,

wer ruft schon an den großen

 

Bären nach Mitternacht?

Von Land zu Land die Liebe

gesucht, nicht enden

will die Fahrt, deine Haare

 

im Wind, dein Schatten zart

auf dem Asphalt, die

Welt will nicht gehen.

 

Wie soll ich dich rufen

in der Nacht, die Sehnsucht

packt?

 

Brest

14.02.2017

Ohne Schuh über Sand. Die Promenade war lang. Die Stege aus altem Holz. Das Wolkenweiß griff nach dem Himmelsblau, mit hochgekrempelten Hosenbeinen lief Franz dem Meer entlang, den Sonnenaufgang suchen nach kurzer Nacht. Hand in Hand, sie küssten sich, als sie endlich aufging. Später tranken sie erst Kaffee, aßen Brioche, versenkten ihre Augen ineinander. Da schien die Sonne längst auf ihren Rücken. Noch immer kämpften die Wolken mit dem Blau, wurden stärker und stärker. Bald würden sie Oberhand gewinnen, das Blau grau werden. Sie würden ihre Fahrräder nehmen und am Meer entlang fahren. Keine Angst vor Regen haben. Proviant hatten sie dabei. Auch Großvater war in Brest gewesen. Damals. Die Deutschen hatten damals ihre U-Boote dort stationiert. Extra einen riesigen Bunker dafür gebaut. Heute fuhren Sie zum Hafen. Nichts war mehr wie früher. Auf den Fotos von Großvater hatte alles anders ausgesehen.

Persephones Lachen

Weg fließt der Schnee vom

Himmel ins dunkle Meer.

Zwischen Himmel und Erde

 

geschwebt, schwarzgrau am

Straßenrand. Februarsonne

scheint auf, der Fluß wird lauter

 

Stund um Stund, das Grab des Odysseus

wird keiner finden, Persephones Lachen

über das Meer widerhallt.

Die Wellen schlugen ins Herz

13.02.2017

Über das Meer, das weite, das gezackte, das unendlich weite. Die Träume fliegen im Sturm davon, die Brandung grollt. Die Fischer sind längst daheim. Der Atlantik versteht keinen Spaß. Großvater war 1940 durch den Triumphbogen in Paris gelaufen. Er und seine Kollegen von der Wehrmacht. Beim „Wunder von Dünkirchen“ waren hunderttausende britische und französische Soldaten nach Großbritannien geflohen. Paris war für Großvater ein angenehmer Ort. Er war gerne dort gewesen, schon vor dem Krieg. Liebte das Essen und die Musik. Den französischen Jazz. Kannte den Hot Club de France. Konnte nicht still sitzen bei der Musik. Franz war ohne Großvater öfters in Frankreich gewesen. Atlantikküste. Muscheln gegessen. Austern. Liebte das Rauschen im Ohr. Den Wind in den Haaren. Die Wellen schlugen ins Herz. Tanzten die Sonnenstrahlen auf dem Wasser. Das Meer. Mehr brauchte sein Herz nicht. Es war wieder Zeit für eine Reise. Franz spürte es.

Kein Bär, kein Wagen, keine Milchstraße

12.02.2017

Am Himmel die Sterne nicht. Grau in Grau das Firmament. Kein Bär, kein Wagen, keine Milchstraße nicht. Franz liebte den Nachthimmel. Wenn er leuchtete. Die unendliche Weite zeigte. Man sich in den Tiefen verlieren konnte. Das Sternbild des Winters, das Sternbild des Sommers. Nicht das er die Sterne lesen könnte. Doch das dunkle Schwarz und das Funkeln der Sterne schien unendlich schön und weit. Wenn der Nebel tief über die Landschaft hing, liebte er ihn, den sanften Schleier. Doch im Winter war die Luft oft schlecht. Seine Lungen wollten die frische Nachtluft. Die Deutschen hatten einen neuen Bundespräsidenten. Das fand Franz schon in Ordnung. Früher hatte er Raumschiff Enterprise geliebt. Durch die Galaxien zu fliegen mit Mister Spock. Im Sommer schaute er stundenlang in den Sternenhimmel und schrieb.

Die Freude

Misslungen der Wurf und

doch, zwischen den Winter- und

den Frühlingstagen die Sonne

gefangen, zwischen den kahlen

Baumstämmen hindurch, mit

bloßer Hand, über den Dächern

der alten Häuser, gehüpft auf

einem Bein die Straß´entlang

als wäre ein Kind, am Fenster die

Kinder schütteln ihr Haupt voller

Unverständnis. Um die Ecke

kommt sie viel zu schnell. Zerborsten

liegen die Milchflaschen im weißen

See.

Das neue Kleid

Wintersonne aufs Hirn geknallt, die

Vögel springen im Dreieck, auf der

Straße liegt der Müll des Winters, durch

das Grau bricht hier und da ein Schneeglöckchen.

 

Belegt die Parkbänke, der Fuchs hat

keine Gans gestohlen, das neue Kleid hängt

noch im Schrank, über die Friedhöfe läuft

niemand mehr heim. Du hast das letzte Glas

 

längst ausgetrunken, die müden

Augen suchen ein Taxi. Der Wind legt

sich über die Häuser, singt sein

Schlaflied leis.

 

Endlich daheim.

Großvater war ein richtiger Fußballfan

11.02.2017

Großvater war ein richtiger Fußballfan gewesen. Als Giesinger natürlich ein Anhänger von 1860. Franz hatte früher auch die Löwen gemocht. War ja fast neben dem Stadion aufgewachsen. Als Franz geboren wurde, 1975, spielten die 60er in der 2. Bundesliga. Da waren die großen Zeiten schon vorbei, von denen Großvater gerne erzählte. Waren sogar einmal Meister gewesen. Im Europapokal im Finale gestanden. Franz war schon länger kein Fan der Löwen mehr. Mochte die Vereinspolitik nicht. Auch der In vestor war ihm nicht geheuer. Während der Nazi-Zeit nicht mit Ruhm bekleckert, die 60er. Schnell auf Linie gewesen. Judenfrei. Ein Nazi-Vorzeigeverein sozusagen. Anders als die Bayern. Hatten einen SA-Sturmbannführer als Chef. Die Bayern hatten einen Juden Trainer und Vorstand. Aber das ging nicht lange gut. Der Großvater hatte die Juden nicht gemocht. Wie Franz hatte von Großvater das Klavier geerbt. Großvater hatte gerne Bach gespielt, aber auch Mozart. Auch Chopin. Am liebsten hatte er aber doch „Das wohltemperierte Klavier“. Wenn Großvater die Fugen und Präludien spielte, musste Franz manchmal weinen. Franz gab sich Mühe am Klavier, doch er hatte nicht das Talent des Großvaters. Oder nicht den Ehrgeiz. Auch die „Goldberg-Variationen spielte Großvater gerne. Großvater hatte einmal in Moskau Gould gehört. Seitdem ließ er keinen anderen mehr gelten. Spielte selber fast nur die Variationen. Täglich.

Arkadien

Von der Ferne Arkadien gestreift

das Gebelle der Hunde erinnert nicht

an Wölfe. Troja ist hier nirgends.

 

Die Jäger haben klamme Finger. Die

Athener versenken heute keine

Schiffe. Auf den ins Meer geworfenen

 

Inseln haben die Götter keine Gnade.

Verborgen die Sonne. Die Olive

 

im Mund schmeckt bitter. Der

Atem erscheint im Feuer der Nacht.