Lichtmess

Die schweren Schuhe hinterliessen auf

den nassen Februarwegen ihre Abdrücke.

Die Spatzen flogen schon nervös umher

 

hinter den hohen Zäunen brannte nur hier und da

ein Licht, Mägde und Knechte werden schon lang

nicht mehr entlassen, die unzeitgemäßen Christbäume

 

lagen jammernd vor der Türe, bald wird sich hier und

da ein Schneeglöckchen trauen, unter den Wurzeln

der alten Bäume wohnen Träume

 

Maria zeigte das Kind, vierzig Tage nach

der Geburt, Herodes suchte umsonst

in der dunklen Nacht

 

Ankoppelung

2.2.2017

Die Ankoppelung gelang nicht immer. Nicht als Kind mit der Spielzeugeisenbahn, noch als Erwachsener. Manchmal war Franz da ungeduldig geworden. Wenn die Lokomotive schon wieder ohne Wagon losgefahren war. Auch als Erwachsener gelang ihm die Ankoppelung nicht immer. Weder an die Philosophie, noch an die Kunst. Gerne ging Franz in Ausstellungen. Meist ging er eher zügig durch die Ansammlung der Kunstwerke und entschied recht schnell, wo er länger verweilen wollte. Konnte nicht hundert oder mehr Kunstwerke aufnehmen. Manchmal blieb er länger vor einer Leinwand stehen. Er kroch dann in das Bild hinein. Schaute sich winzige Details an. Der kleinste Strich. Aß die Farben mit seinen Augen auf. Nur so konnte er es mitnehmen. Das Gebäude vom Haus der Kunst war für ihn immer sonderbar geblieben. Trotz der spannenden Ausstellungen. Entartete Kunst hing hier. Sagten die Nazis. Was für ein Wort. Was für wunderbare Bilder. Die Säulen fand Franz erdrückend. Letzten Sommer hatte er ein Bild von Basquiat dort gesehen. Slave Auction. Länger davorgestanden. Versucht, dass Bild zu fassen. Nicht gelungen.

Irgendwas mit Curry

1.2.2017

Den Geschmack hatte er auf der Zunge. Franz ging über den Markt und suchte sich passendes zusammen. Irgendwas mit Curry wollte er machen. Vielleicht zuvor eine Suppe. Für die Seele. Im Winter waren Suppen genau das richtige, fand Franz. Großvater hatte auch gerne Suppe gegessen. Während des Krieges waren diese aber mager. Manchmal nur Kartoffelschalen. Musste reichen. Vom Krieg gegen Frankreich hat Großvater gern erzählt. Paris hatte ihm gut gefallen. Vom Krieg gegen Russland erzählte er weniger. Abgemagert war Großvater aus dem Krieg heimgekehrt. Zwei Brüder waren gefallen. Die Schwestern waren evakuiert gewesen, auch seine Frau. Am Ende war das braune München nur noch eine Steinwüste.Von der Evakuierung wurde Franz gern was erzählt. Von den Juden aus der Nachbarschaft hörte er nichts. Für den Abend hatte Franz ein paar Freunde eingeladen, er musste nicht in die Bar, was kochen, reden. Gern kochte er auf dem alten Gasherd. Funktionierte noch einwandfrei. Vier Flammen. Langte für ein kleines Menü. Manchmal las er dann ein paar Texte vor. Nach dem Essen. Nach dem Kaffee. Wein hatte er noch genug daheim. Mit dem Messer schnitt er das Gemüse vor. Das Huhn für die Suppe kochte schon eine Weile. Hühnersuppe erinnerte ihn immer an seine Kindheit. Fast nur an Festtagen hatte es Hühnersuppe gegeben. Gegen die Fensterscheiben schlugen Wassertropfen. Hier und da lagen noch schmutzige Schneereste auf der Straße. Franz wusch den Reis. Gründlich. Stäbchen würde es nicht geben. War ihm zu kompliziert.

Wollte keinen Rekord schwimmen

31.01.2017

Im Winter zog Franz manchmal im Müllerschen Volksbad seine Bahnen. Entspannte ihn. Ins Schwitzbad ging er eher selten. Aber ein paar Bahnen ziehen. Er mochte den Jugendstil. Das Becken war nicht besonders groß. Musste eine gute Zeit erwischen. Kein Spaßbad. Schöne Holzkabinen. Früher gab es sogar ein Hundebad. Wannenbäder gibt es aber immer noch. Sein Großvater war dort öfters gewesen. Der Weg war nicht weit für Franz. Danach ging er manchmal noch nach Haidhausen zum Einkaufen. Gemüse. Brot. Was er brauchte. Gerne spürte er das Wasser im Nacken. Angenehme Temperatur. Ein paar Bahnen Kraul. Ein paar Bahnen Rücken. Oder nur Brust. Je nach dem. Wollte keinen Rekord schwimmen. Manchmal ging er auch mit Freunden hin. Im Sommer saß er gerne vor dem Bad und trank einen Kaffee. Im Winter mochte er das Café nicht so sehr. Schwimmen und dann weiter. Seine Stimme war immer noch ein wenig heiser vom letzten Auftritt. Im Winter waren seine Stimmbänder empfindlich. Musste wieder mehr Tee trinken. Trump hält jetzt schon fünfjährige Kinder für potenzielle Attentäter. Franz konnte darüber nur den Kopf schütteln.

Ein schöner Text

Ein schöner Text ist heute Text des Tages bei Fixpoetry. Auch wenn der Winter heut eher nass ist. Das Pferd längst im Stall steht. Schaut und lest.

Fliegt sie zum Meer

Auf dem zugeregnetem Eis gehen

die Liebenden in die Nacht. Die Vögel

haben sich ins Trockene verzogen.

 

Der Lech begleitet das Glück

mit seinem Rauschen. Der Gesang

der Berge dröhnt in die Ohren.

 

Nackt stehen die Bäume herum.

Über das Gesicht läuft der

Regentropfen. Weggeküsst vom

 

Geliebten fliegt sie zum Meer. Es

gibt kein Zurück.

Der Fernseher war meistens aus

Nachdem Franz am Schreibtisch gewesen war, Briefe gelesen, Bücher gewälzt, ein paar Worte in seinen Computer getippt, ein paar Töne auf seinem Keyboard gespielt hatte, gegen den Blues, gegen den aufkommenden Regen. Die Wetterfühligkeit bekämpft hatte mit starkem Kaffee, las er in der Küche noch ein wenig in der Zeitung. Der Fernseher war meistens aus. Am Tag sowieso. Dschungelcamp schon wieder nicht angesehen. Warum sollte er auch. Tatort am Sonntag auch nicht. Auch nicht Anne Will. Fast hat er es bedauert. Der Hl. Martin soll gar nicht so schlecht gewesen sein. Sagt zumindest das Internet. Doch das sagt viel. In der Zeitung las er die Fußballberichte. Hatte was harmloses. Nicht immer große Politik. Bayern fand er aber langweilig. Ohne Pep sowieso. Er freute sich auf den Frühling, da würde er wieder mit ein paar Freunden kicken. Jetzt machte es keinen rechten Spaß. Auch Radfahren war heut nur halb lustig. Der Schnee war in der Früh immer gegen die Schutzbleche geflogen, später dann Regen und Glätte. Noch schlechter. Großvater war als Soldat im Brüssel gewesen. Keine große Sache. Über die Ardennen waren die Deutschen vorgerückt. Die Alliierten mussten nach Dünkirchen ausweichen. Der Widerstand der Belgier schnell gebrochen. Paris konnte kommen. Ein schöner Mai für Großvater. Für die Belgier weniger.

Angenehmere Lautstärke

29.01.2017

Im Atomic Café war alles anders gewesen. Klar. Die Musik lauter. Die Frauen schöner. Selbst die Toilettentür war besser. Franz war nie oft in Clubs gegangen. War nicht so sein Ding gewesen. Lies sich schon überreden. Wenn eine Freundin hin wollte. Oder eine Frau, die seine Freundin werden könnte. Ging lieber ins Kino. Ins Theater. Angenehmere Lautstärke. Mehr Platz für seine Fantasie. Theatertiner. Isabella. Türkendolch. Oder Kammerspiele. Volkstheater. Er liebte die Holzvertäfelung im Theatiner. Die viel zu engen Sitze. Es war immer schon aus der Zeit gefallen. Seltsam elegant. Ein Film mit der Binoche lief heut. Hatte hier Rivettes „La Belle Noiseuse“ gesehen. Fast vier Stunden. Die Beine hätten weh tun müssen bei der Enge. Und der Rücken. Sich in Emmanuelle Béart verliebt. Da war er nicht der Einzigste gewesen. Das Atomic Café gab es nicht mehr. Ging eh lieber ins Kino. Am Sonntag war es oft ruhiger, nicht so voll. Weniger Geräusche. Weniger Gedränge. Weniger Popcorn.

Ein lauschiges Plätzchen

Franz´Erkundungen durch München fanden auch im Winter statt. Doch im Sommer ist es oft gemütlicher. Oft streift er an der Isar rum. Schlachthofviertel. Alter Südfriedhof. Wenn er zwischen den alten Grabsteinen und Baumstämmen dahin wanderte, sich die Inschriften ansah, traf er hin und wieder andere Passanten. Manchmal schliefen auch welche. Ihren Rausch aus. Vor der Pschorr-Familie. Oder anderswo. Wenn die Mass zuviel war. Früher war es der Pestfriedhof. Vor den Toren der Stadt gelegen. Zwischen Bader und Spitzweg, Kaulbach und Schwanthaler kann man hier auf dem Grün gut schlafen. Ein alter Gottesacker. Ein lauschiges Plätzchen. Umtobt vom Lärm der Stadt Ruhe findend. Nicht nur die letzte. Manchmal schrieb er hier etwas in sein Notizbuch. Zufrieden ging Franz dann heim.

Eisblumen vermisst

Eisblumen vermisst. Ausgestorben. Lebten früher im Winter am Küchenfenster. Gerne auch am Schlafzimmerfenster. Für einen Ableger oder Samen wäre ich dankbar.