Alles für die Nachtschwärmer

27.01.2017 #2

Manchmal radelte er über die Kapuzinerstraße heim. Meist mehr im Sommer, wenn er ins Schyrenbad wollte. Seltener im Winter. Er mochte die bewachsene Mauer vom alten Friedhof. Auch das Kloster beruhigte ihn. Wenn es schon spät war, kehrte er auch bei der Tankstelle ein. Ihr Blau erleuchtete die Nacht. Hier gab es alles für die Nachtschwärmer. Schnell noch ein Bier für zuhause. Wenn ihm danach war, blieb er für einen Moment auf der Isarbrücke stehen. Im Sommer zog er gerne im Bad ein paar Bahnen durch das Wasser. Las später noch auf der Wiese. Eher gegen Abend. Wenn es nicht mehr so heiß war. Im Spätsommer fiel das Abendlicht zart durch die Bäume. Eis oder Pommes gab es am Kiosk. Er liebte alte Klöster. Über den Südfriedhof ist er selten spazieren gegangen. Lieber an die Isar gesetzt, dem Fluß zugehört. Mit Großvater hatte er kaum Streit gehabt. Wenn Franz nicht seiner Meinung war, hat er eher geschwiegen. Über manches wollte Großvater nicht diskutieren. Hitler hatte ja die Autobahn gebaut. Es konnte nicht alles schlecht gewesen sein. Gerne war er Soldat gewesen. Franz hatte den Kriegsdienst verweigert. Das konnte Großvater nicht verstehen. Aber das war schon lange her und Großvater schon lange gestorben. Sein Herz hatte es nicht mehr gepackt. Mit Großvater war er nie in Paris gewesen. Franz aß gerne Pilze. er war aber kein Pilzsammler. War nicht Handke. War kein Sucher. War kein Erfinder.

Heute war ein guter Tag

27.01.2017

Die Sonne brachte den Schnee zum Schmelzen. Als käme schon der Frühling. Viel zu früh. Franz mochte den Winter. Klar und kalt. Die Medien waren ziemlich hysterisch wegen Trump. Oder war Trump hysterisch wegen den Medien? Frank mochte keine Hysterie. Dazu hatte Freud schon alles gesagt. Trump schien ihm wie ein schrecklich ungezogener Junge, der nicht erwachsen werden will. Lieber radelte er zum Bäcker und kaufte Krapfen. Andrea kam zu Besuch, sie wollte ihm von ihren Projekten erzählen. Heute war ein guter Tag. Ein paar Zeilen schon geschrieben, die Sonne wärmte sein Herz und am Abend wollte er noch einmal den Film über Handke ansehen. Er liebte Handke nicht, war ihm zu eigen. Doch hin und wieder hatte er was von ihm gelesen. Der Bäcker machte die Krapfen noch mit der Hand. Sie waren noch warm, als er sie heimtrug.

Flog von Hochhaus zu Hochhaus

26.01.2017 #2

In seinen Träumen flog er von Hochhaus zu Hochhaus. Er hasste Hochhäuser. Die von München. Die von Regensburg. Die von Frankfurt. Die von Berlin. Auch die von New York. Könnte nie in einem wohnen. Er hasst die Ansammlungen von Menschen. Den Gestank. Die Müllentsorgung. In seinen Träumen flog er über die Häuser hinweg. Er liebte das Träumen. Könnte nie in Neuperlach wohnen. Oder Hasenbergl. Plattenbauten waren noch schlimmer. Lieber unrenovierter Altbau. Über die Winterlandschaften zu fliegen gefiel ihm. Zur Not keine Zentralheizung sondern Gasöfen. Von seinem Großvater hatte er die Leica geerbt. Ging noch einwandfrei. In München gab es jetzt neue Hochhäuser. Konnte darauf verzichten. Früher gab es nur den BMW-Zylinder. Und das Arabella-Hochhaus. Reichte ihm vollkommen. Jetzt hatte sogar die SZ ein Hochhaus. Vollkommen unnötig. Manchmal nahm er die Leica, legte einen Film ein und radelte durch die Stadt, um ein paar Fotos zu schießen. Nie mehr als ein Film. 36 Fotos. Schwarzweiß. Noch gab es Labore, die Filme entwickelten.

Am Abend ist Bandprobe

26.01.2017

Der Heimweg mit dem Rad fiel ein wenig schwer, Feinstaub in der Luft, überall stank es. Der Alkohol machte es auch nicht besser. Eigentlich wollte er ja noch gar nicht heim, doch der Schreibtisch wartete am nächsten Tag. Er wollte ein paar Texte überarbeiten und endlich wieder was Neues schreiben. Wenn er am Ostfriedhof vorbei musste, wurde er manchmal sentimental. Aber es war die kürzeste Strecke nach Haus. Seine Wohnung war nicht besonders groß. Nach Berlin wollte er schon lange ziehen. Wollte. Oft war er dort. Freunde besuchen. Am Abend ist Bandprobe. Spielte mehr schlecht als Recht Keyboard. Manchmal sang er seine eigenen Texte. Doch damit war kein Geld zu verdienen. Am Wochenende musste er wieder in der Bar arbeiten.  Die Bilder von Großvater ließen ihn nicht los. Markierte auf Landkarten die Orte, in denen er im Krieg gewesen war. Überfiel mit ihm noch einmal neu Frankreich. Polen. Russland. Ein ungutes Gefühl hatte er dabei. Franz war noch nie in Russland gewesen. Er sah die brennenden Häuser auf den Fotos und wollte dort nicht hin. Großvater war oft streng gewesen. Ließ sich so schnell nichts sagen. Wollte nicht diskutieren. In der Früh trank Franz gerne starken Kaffee. Wenn Milch da war. Seine Maschine glänzte immer. In der Früh mochte er keinen Espresso. Abends in der Bar machte er gerne Cocktails. Und Kaffee. Die Maschine in der Bar war natürlich besser als die eigene. Trump verstand er nicht. Was wollte er jetzt mit Syrien? Er könnte ja eine Mauer rund um USA bauen. Auch an der Grenze zu Kanada. Und überhaupt das Meer. Der Atlantik. Der Pazifik. Überall Mauern. Dann wäre USA ganz allein und keiner würde stören.

Die Engel der Nacht fliegen in schwerer Luft

Nur noch im Traum überqueren

Elefanten die Alpen, Neros

Feuer längst gelöscht. New

 

Yorks U-Bahnen quietschen lauter

im Winter. Schleiereulen lauern

überall. Verschneite Weg führen

 

nicht nach Haus, der Feinstaub lässt

die Lungen bersten, die Engel

der Nacht fliegen in schwerer

 

Luft davon, die Botschaft verhallt

ungehört, Huchels Töchter haben

viele Kinder.

Sein Gesicht war ganz kalt

25.01.2017

Die Bilder von Großvater waren meist kleine Abzüge in schwarzweiß. Fotos von coolen Jungs, die ihr Abenteuer suchen. Schöne Frauen kennenlernen wollen. Heile Körper. Gut genährt. Später sieht man auch brennende Häuser. Verletzte. Tote. Fremde Völker. Großvater war Offizier. Funker. Hatte eine Leica. Paris sah schön aus auf seinen Fotos. Männerurlaub. Bloss nicht über die Toten nachdenken. Gehörte dazu. Franz machten die Bilder immer nachdenklich. Er musste raus. Auf andere Gedanken kommen. er radelte nach Haidhausen. Ging in eine Buchhandlung. Ein wenig umschauen. Nichts bestimmtes. Ein paar Worte wechseln. Danach wollte er noch ein paar Freunde treffen. Trump dachte laut über eine Mauer nach Mexiko nach. Wollte wohl ein Wahlversprechen einhalten. Mauern gab es doch noch genug, dachte Franz. Sein Gesicht war ganz kalt. Aber das Radeln machte ihm auch im Winter Freude. Nur die Handschuhe waren zu dünn.

In den Sommerträumen der kalten Januarnacht

Im Sommer, vor Glück

sie würden über die stoppeligen

Felder laufen, den Katzen gleich

die reifen Kirschen sich in die

 

Münder stopfen vor Lachen

Erdbeermarmelade kochen zwischen

zarten Küssen, die Störche

hätten ihr Nest bezogen, kein

 

Traktor würde die Ruhe stören

kein Mais die Sicht versperren

in den Sommerträumen der

kalten Januarnacht. Wie soll

 

aushalten das Herz die kalte Nacht?

Wo ist dein Erdbeermund?

Der alte Kram

24.01.2017

Der zweite Weltkrieg hatte Franz nie losgelassen. Die Nazi-Verbrechen. Die Gräueltaten. Mit seinen Großvätern konnte er kaum drüber sprechen. Damals war eher noch zu jung für die richtigen Fragen und seine Großväter wollten nicht reden. War ja alles nicht so schlimm. Hitler hatte ja Autobahnen gebaut. Die Arbeitslosen von der Straße gebracht. Jetzt musste erst mal das Land wieder aufgebaut werden. „Hör mir auf mit dem alten Kram.“ Schlimm war die Zeit der Evakuierung. War nicht einfach. Ein Großvater war gar nicht Soldat gewesen. Rüstungsindustrie. Der andere hatte es zum Offizier gebracht. Erst als er starb, hat er dem Enkel die Fotos gezeigt, in seinen letzten Monaten wollte er reden. Über den Krieg. Als sie gegen Frankreich zogen. Und gegen Russland. Er hatte viele Fotos gemacht. Ungeordnet lagen sie in einfachen Kartons. Vom Anfang bis zum Ende. Überlebt hatte er den Krieg. Erst als Großvater alt war, musste er nicht mehr stark sein. Plötzlich konnte man Tränen sehen, wenn er auf der Terrasse saß. Der Syrienkrieg wird jetzt von Putin nachgeordnet. Von USA ist da keine Rede mehr. Irritiert nahm Franz dies zur Kenntnis. Was war eigentlich mit Europa? Möglicherweise wird der Bundestagswahlkampf doch interessanter. Gabriel tritt nicht an. Dafür Schulz. Früher war er mit seinem Großvater schon einmal auf der Trabrennbahn gewesen. Wetten für kleine Leute.

Kein König auf dem Sockel

23.01.2017 #2

Vieles veränderte sich in München. Auch in Giesing. Er wohnt gleich hinter der Kreuzkirche. Die Nähe zum Gotteshaus gab ihm Geborgenheit. Zur Messe ging er eigentlich nie. Im Sommer ging er gern in den Salvatorkeller. Mit ein paar Freunden auf ein Bier. Es gab so schöne Kastanienbäume dort. Noch gab es viele ältere Menschen hier. Den Nockherberg hatte er zuerst nicht gemocht, der lange Anstieg mit dem Rad machte ihm keine Freude. Doch daran war er längst gewöhnt. Anzug trug er nur selten. Dann war er nicht mit dem Rad unterwegs. Jetzt, im Winter, war es manchmal schon recht kalt. Sein Gesicht wurde immer schnell rot bei dem eisigen Wind. Die „Bürger von Calais“ hatten ihn immer schon fasziniert. Kein König auf dem Sockel. Die Kunst vom Sockel geholt. Um sein altes Auto machte er sich ein wenig Sorgen. Ob es anspringen würde? Er wollte noch mit Maria über seine neuen Texte sprechen. Mit dem Fahrrad war es ihm am Abend zu kalt. Musste er weniger trinken. Sie wollten sich in einem Café treffen.  Eine Parklücke würde er schon finden.

Früh schlafen geht die Sonne

Eng vor der Parkbank umschlungen

gegen die Kälte hilft nur die

Liebe der Nacht, sein langes Haar

 

verborgen in der Wollmütze, ein

Schlitten fährt hier nicht vorbei

ganz rot sind die Wangen, der Schnee

 

der Tage ist hart geworden, die

Holzöfen nehmen der Luft die

Frische, früh schlafen geht die Sonne

 

Sterne werden bald funkeln, schnell

werden die Verliebten nach Hause eilen