Der pathologische Blick schweifte in die Ferne. Der Hauptbahnhof war ihm zu glatt. Gleich wollte er mit dem Zug nach St. Petersburg fahren. Nur für ein paar Tage. Freunde besuchen. Über Warszawa Wschodnia würde er fahren. Vielleicht sollte er da für eine Nacht bleiben. Die Fahrzeit 44 Stunden. Sagt der Mann am Schalter. Der Horizont würde grau sein. Der Wetterbericht versprach Schnee. Er wollte wieder Bahn fahren. Die Reise in den Knochen spüren. Ein paar Tage St. Petersburg. Der Zar war schon lange tot. Die Newa überqueren. Hier fanden die Revolutionen statt. Floss das Blut. Verhungern ließ Hitler hier die Menschen. Landerkundigungen betreiben. Fernglasbohrungen. Raskolnikow suchen im verschneiten Russland. Mit kleinem Gepäck stieg er ein. Hatte einen Platz im Schlafwagen reserviert. Er liebte das Rattern der Räder über die Gleise. Genug Bier dabei für die Fahrt. Die Gleise durchschnitten den Horizont. Der Nachthimmel schneedunkel.
Autor: orangeblau
Unwort des Jahres
Früher konnte man sich über die Alternativlosigkeit aufregen. Was waren das für gute Zeiten. Heute heißen die Unwörter Lügenpresse und Volksverräter. Dem Goebbels lief da der Geifer über die Lefzen. Blut- und Bodensprache für Rassisten. Herrenmenschen. Menschenschlächter. Trumps Anhänger schreien jetzt auch schon „Lügenpresse„. Andere Zeiten.
Alles bunt. Die ganze Welt
Schon lange nicht mehr in Marzahn gewesen. Micha wohnte immer noch dort. Nicht zu fassen. Plattenbau. Schlimmer geht nicht. Seine Hermesbaby hatte er längst verkauft. Der Traum ist aus. Oder das Paradies? Die Wände hören alles mit. Jede Bierflasche, die gegen die Wand fliegt. Jeder Schrei. Ungezügelte Sprachen sprechen. Er wollte ihn mal wieder besuchen. Ein andermal. Nicht heute. Nicht jetzt. Plattenbauten gingen gar nicht. Wohnte selber in einer Altbauwohnung. Renoviert. Berlin Mitte. Nicht weit zur Arbeit. Die Sprachen nicht zügeln. Herumschwirren lassen. Im Keller hatte er noch eine alte Polaroidkamera. Liebte diese Bilder. Nur kurzes Warten. Alles bunt. Die ganze Welt. Der Flugschreiber längst im Meer versenkt. Micha musste er jetzt wirklich mal besuchen gehen. Aber nicht heute, heute musste er träumen. Oder um den Block laufen.
Sein Paradies verloren
Der Mond nicht müde wird, sich immer noch um die Erde dreht. Schon so alt und doch leuchtest in dunkler Nacht, als er heim ging. Er mochte die Sonntagabende nicht. Die Kneipen waren leer, als fürchteten die Leute den nächsten Morgen zu verschlafen. Tristesse gähnte ihn überall an. Die Freunde hatten auch keine Zeit herumzustreifen. Der Schnee schwoll an auf den Straßen, die Passanten watschelten dahin, auch die Autos kamen nicht auf Touren. Er sehnte sich nach zartem Moos und Frühlingsgezwitscher. Seine Hände froren in den Manteltaschen. Krimis im Fernsehen konnte er nicht ausstehen. Lieber noch ne Runde drehen. Im Berghain war er schon lang nicht mehr gewesen. Vielleicht sollte er ja noch zum Ostbahnhof fahren, die Himmelsposaunen wurden immer leiser. Die Straßenbäume waren weiß vor Kälte. Jetzt schnell noch eine Falaffel essen oder ein Gyros. Noch ein paar Mails checken. Er wollte auch nicht zu spät ins Büro kommen. Seinem Chef wars egal. Doch die Kollegin schaute immer so fragend. Die Wolken waren tief und dunkel. Vielleicht sollte er ja wie Proust leben. Der hatte auch sein Paradies verloren. Der Mond war schon längst von den Wolken verborgen.
Die Sennerin
Raben übersäten kohlschwarz die grünen Wiesen. Der Gang hinauf trieb den Schweiß auf die Stirn, erfreute sich die Sennerin ob des Besuches, längst wartete die gemolkene Milch auf ihre Verarbeitung. Spät dran war sie, der Käse wollt nicht recht gelingen ihr, seit Tagen schon die Raben krähten. Als wär sauer die Milch vom Geschrei der Vögel, aufgeregt sprang der Hund hin und her, verstorben war, man trug´s ihr zu, der alte Bauer, schon seit Tagen nicht Ruh´ sie fand hier droben, der Käs´, er wollt nicht werden. Schnell war der Tod über ihn gekommen, vom Tal erklangen die Glocken zum Sterbegeleit, von fern auch die Trompeten und Posaunen dunkel tönten. Trüb der Himmel schien, verdeckten die Strahlen, die Raben verstummten gar. Erst gegen Mittag, als erklang das Zwölfuhrgeläut, die Sonn brach durch. Verschwunden nun die Raben. Fast schien es ihr, als würden die Küh´ sie anlächeln nun. Erleichtert war ihr Herz, nun, als Ruhe fand der Bauer in der Erd. Fort ging der Besucher seines Weges.
Raskolnikow ein ziemlicher Idiot
Das Knattern der Kegelbahn in den Ohren, wenn fielen die Kegel geschwind. Fast lautlos kam ihm die U-Bahn vor. Heute wollte er niemanden etwas schenken. Vielleicht sollte er schnell noch ein paar Wetten abschließen. Zwischen knallblau und rosalilagelb lag ein Wettbüro. Seriös geht anderes. Die paar Euro. Die Autos davor waren tiefergelegt. Der Pfau schlägt ein Rad. Eidechsen kleben an der Wand. Besser war die Musik sowieso. Erklär mir nix. Die Liebe ist gegangen. Lang wird die Nacht sein. Das Spiel fängt für ihn erst an. Lichterketten leuchten den Weg. Die Tage waren schon härter für ihn. Die Fische sind längst schon im Meer. Am Kiosk würde er sich noch eine Flasche Wodka besorgen. Für alle Fälle. Franz hatte sicher nichts dagegen. Berlin lag nicht am Meer. Krokodilstränen nicht geweint. Auf dem glatten Gehweg wollte er nicht ins Rutschen kommen. Wäre schade um die Ware. Bachmann hatte er noch nie verstanden. Raskolnikow ein ziemlicher Idiot.
Heute Abend wollte er Borschtsch kochen
Förmchenbackende Dichter schweifen über die Auen, herumfliegende Metaphern knallen durch den dunklen Wald. Preußens Garde marschiert durch Berlin. Die Funksignale übertönen die Notrufe, Morsezeichen verhallen ungehört. Schnell springt er in die gelbe U-Bahn, Wärme umfängt ihn, dringt in die Ritzen seiner Kleidung. St. Petersburg ist weit entfernt. Schleiereulen fliegen durch den Schneewind. Die Fäden des alten Homers verwirren seine Sinne. Raskolnikow lebte gerne einsam. Die Nächte in Sibirien werden kalt werden. Kalt und leer. Schrill hält die U-Bahn. Ein paar kurze Sprünge. Schnell noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Rote Beete. Fleisch. Weißkohl. Heute Abend wollte er Borschtsch kochen. Für ein paar Freunde. Die Frage der Schuld war längst geklärt.
Raskolnikows Verbrechen
Das Blau der vergangenen Tage scheint nicht zu kommen. Das Geschrei der Verrückten lässt den Schnee schmelzen. Am Kiosk gibt es Bildung für alle. Auch ein Bier. Oder, in kalten Tagen, Glühwein. Die Buchstaben durchkreuzen die Wolken. Morsches Holz überquert den Fluß. Hier ist kein Halt. Mit großen Schritten geht er heim. Erst mal einen Tee trinken. Raskolnikows Verbrechen ermitteln.
In der Küche
Jeden Tag war sie in ihrer Küche. Seit über 60 Jahre. Jetzt wurde sie schon bald 90. Sie liebte ihre Küche. Hatte noch einen alten Holzherd zum Kochen. Wamsler. Aber auch einen einfachen Elektroherd. Mit vier Kochplatten. War auch nicht mehr neu. Mittags kochte sie. Für sich. Ihr Mann war schon länger tot. Sie müsste mal wieder aufräumen. Aber dafür war später Zeit. Irgendwann. Jeden Tag kochte sie was frisches. Eine Tochter kam zum Essen vorbei. Wohnte in der Nähe. Auch ein Sohn ließ sich gern blicken. Sie hatte viele Kinder. Und Enkelkinder. Jetzt auch ein paar Urenkel. Sie war nicht einsam. Kamen gern zum Essen. Jetzt, mit dem Alter, lud sie weniger Gäste ein. An den Feiertagen kamen aber doch immer viele. Das gefiel ihr. Sie liebte die Abwechslung. Wenn es ihr zuviel wurde, legte sie sich aufs Sofa und schlief. Die Gäste störten nicht. Am liebsten war sie in der Küche. Schälte Kartoffeln, putze Karotten oder Rosenkohl. Gerne hatte sie eine Suppe auf dem Herd stehen. Irgendwas war immer zu essen im Haus. Wenn Besuch kam, bot sie ihm immer was an. Einen Kaffee. Einen Kuchen. Oder eine Suppe. Was gerade da war. Sie erwartete nicht mehr viel vom Leben. Alles gehabt. Im Urlaub war sie nie. Nach Rom wär sie gern mal gefahren. Aber dafür war keine Zeit. Das Geld hat immer gelangt. Sie brauchte nicht viel. Aus den Kindern war was geworden. Das war ihr wichtig gewesen. Abends trank sie gern ein Glas Wein. Oder ein Bier. Mehr brauchte sie nicht.
Manchmal überkam ihm Heimweh
Manchmal überkam ihm Heimweh. Nach früher. Nach Kreuzberg. Heute wohnte er schon lange nicht mehr dort. Aber wenn er von seinem Computer aufstand, sein Büro verließ. Rief schnell dann ein paar Freunde an. Zum Treffen. Auf ein Bier. Musste aber erst heim. Sich umziehen. Mit so einem feinen Stoff konnte er sich da nicht blicken lassen. Während der Woche ging er selten dorthin. Zu gefährlich. Aber am Wochenende konnte nichts schief gehen. Da wars ihm egal. Ein Bier mehr oder weniger. Trinkteufel. Oder Jodelkeller. Seine Tattoos konnte man in der Arbeit nicht sehen. Wäre ihm unangenehm. Die Öffnungszeiten waren moderat. Aber heute, nach der Arbeit. Musste sein. Schnell aufs Rad. Calle hatte Zeit. Franz wollte es sich noch überlegen. Kaufte sich schnell noch Kippen. Das erste Bier war immer das beste. Seine Freundin ging lieber nicht mit. Seine Kinder auch nicht. Die passten hier nicht rein. Schnell ne Runde am Kicker. Die Nacht war noch lang.