Wolf, Christa: Kein Ort. Nirgends

Neu erstanden. Gebraucht. Doch ungelesen. Wasserschaden. Unübersehbar. Christa Wolf. Kein Ort. Nirgends. Schon einmal gelesen. Damals. Westausgabe. Nun Aufbau-Verlag. 1. Auflage. 6.60 DDR-Mark. Berlin und Weimar 1979. Zehn Jahre vor Mauerfall. Printed in the German Democratic Republic. Lichtsatz INTERDRUCK Graphischer Großbetrieb Leipzig. Druck und Binden Graphischer Großbetrieb Sachsendruck Plauen. Das Papier ist eher einfacher Qualität, doch in einem guten Zustand. Erzählt von vergangener Zeit. DDR? War da mal was? Christa Wolf, die DDR nicht verlassen. Eine große Schriftstellerin der DDR. Nicht unumstritten. Ein wunderbares Buch. Kein Ort. Für die Günderrode. Kein Ort. Für den Kleist. Sie wussten von der Liebe und konnten doch nicht.

Linoleum

Nach kurzer Nacht, unruhig schlafend, an seine Großmutter gedacht, wusste er, wie er seine Küche endlich renovieren wollte. Der Fußboden musste aus Linoleum sein. Wie damals. In seiner Kindheit. Einfaches Linoleum. Kein Holz. Keine Fliesen. Kein Teppich. Er kannte einen Laden in Kreuzberg. Nahm Maß. Die Küche war nicht besonders groß. Langte für einen kleinen Tisch. Ein paar Stühle. Schrank. Herd. Einen Kühlschrank. Er mochte seine Küche. War gerne dort. Lud Freunde ein. Kochte hier und da etwas. Wenn die Zeit reichte. Er hasste Fertigpizza. Dann lieber Currywurst. Nahm Rucksack und seinen Zettel, schwang sich aufs Rad und fuhr los. Die Straße musste er suchen, war nicht mehr so oft im Viertel. Fand nach kurzem Hin und Her das Geschäft. Leer das Schaufenster. Er hatte extra im Telefonbuch nachgeschaut. Aber nicht angerufen. Warum auch. Aufgelöst. Zu vermieten stand auf dem roten Schild. Einsam und trostlos starrte er in die leere Tiefe. Ein paar alte Fahrräder lehnten gegen das Schaufenster. Verschmiert die schwere Holztüre. Kreuzberglook. Er hasste ihn. War zu alt dafür. Nie Punk gewesen. Sauberes Linoleum wollte er. Nur ein einfaches. Es roch so gut. Nach Kindheit.

Sehnsuchtsort

Der Sehnsuchtsort war nicht weit. Nur noch ein paar Straßen überqueren. Der Hunger trieb ihn voran. Er hatte keine Ansprüche. Jetzt nicht. Zu groß sein Verlangen. Schnell musste es jetzt gehen. Er war mit seinen Flip-Flops auf die Straße gegangen. Der Kühlschrank war leer. Wieder einmal. Nach der Arbeit nicht mehr geschafft. Jetzt schnell noch ein Bier. Ein paar Pommes. Oder Currywurst. Die war immer so gut. Vielleicht wäre Franz auch dort. Oder Klaus. Dann würden sie zusammen noch was machen. Oder einfach noch ein Bier trinken. Danach noch zur Tanke. Oder noch ein wenig rumhängen. Der nächste Morgen war noch weit. Er sah ihn schon von weitem. Ganz rot war. Hatte die besten Currywürste weit und breit.

Schnee fällt über die Stadt

Schnee fällt über die Stadt, legt sich über sie, verzaubert das Dunkle, verschlingt den Lärm. Erwachsene werden zu Kinder, strecken die Zunge raus und fangen den ersten Schnee ein.

Am Wegrand

Am Wegrand die Wurzeln

laden zum Stolpern ein

haben sie doch, in jahrelanger

Anstrengung, den Weg hochgehoben zu einem

Gebirge, jetzt, in der Kälte des Winters

bekommen die Hügel ein Kleid aus Schnee

Regenwürmer werden nicht gesichtet

gern macht der Radfahrer Kurven um sie

nur der Hund nimmt keine Rücksicht auf diese

Kraftanstrengung und markiert, sein Bein hebend

Leonidas Kampf


Wanderer, du kommst, Leonidas, als

hast du gekämpft gegen die Perser

und ihn, Wanderer, liegen

verteidigt bis zum letzten Blut

den Pass der Thermopylen

verheizt die Nazis bei Stalingrad

sinnlos die Kämpfer, zwischen

Schulmilch und Todeskampf, den Heldentod

armlos darliegend der Soldat, schier

zertrümmert als Torso nur noch

erkennend die eigene

Schrift, Belsazars Strafe

Mene mene tekel, ufarsin

Zwischen den Jahren

Zwischen dem Rauschen des Flusses, als liefe davon, die Zeit, als liefe davon, Welle um Welle und doch Atem holend die Welt, als würden Engel umherfliegen in der Nacht, zwischen den Jahren, Schritt um Schritt im feuchten Moos, Gestirne durchdringen das Geäst, vergessen das Vergangene, nicht wartend auf das Zukünftige, nur dem Jetztzeit verschrieben, reines Dasein, nur beschienen vom Mond, geküsst die Geliebte in seinem Schein.

Die unendliche Langeweile, Oblomow

Ein Faulpelz gewesen,

ein rechter, unmöglich

nicht herumzuliegen für ihn

 

gewesen, träge durchs Leben

schlafen, nicht verdienen müssen

den Lebensunterhalt, das Leben

 

als ein einziger Traum der

Dekadenz, ein Parasit

der Gesellschaft, eingeschrieben in

 

sein Gesicht die unendliche

Langeweile und nie enden wollende

Müdigkeit. In den besten

 

Jahren und doch schon

verlebt, das Leben begonnen

und des Lebens müde

Erzähl mir von der Taiga

Erzähl mir von der Taiga, von Winden über der Steppe, von weißen Wüsten und rauen Stimmen, vom Wodka, der in der Seele brennt, vom Tanzen nach Mitternacht, spiel auf der Balalaika, spiel, Lieder zum Weinen, Lieder zum Lachen, erzähl vom Gebirge, von den langen Nächten zur See, wenn die Sonn nicht verschwinden will. Lauf über die Newa-Brücken, erzähl von den schwarzen Tagen, wenn die Nacht nicht enden will, nimm noch ein Glas, lass uns noch tanzen, die Nacht ist noch lang, flecht Girlanden ums Haar dir, die Wörter so zart, lass uns noch tanzen, ein letztes Mal. Es taget noch nicht, komm geschwind, ich flüstre ins Ohr dir, der Wind ist so kalt, Wang an Wang, wir wollen uns halten nur diese Nacht, sing noch ein Lied mir ins Ohr, nur noch das eine. Es kommt bald der Morgen, wir laufen geschwind.

Noch schnell das letzte Türchen

24. Noch schnell das letzte Türchen öffnen. Ein spannender Adventskalender mit schönen Texten.

Stefan Heyer, Ein Stück Seife