In der Kirschblütenzeit
vergnügt die Kinder schaukeln und rutschen
den Ball werfen und aus vollem Halse schreien
und wollen herbeirufen den Sommer
das endlich ist soweit
reif werden sollen die Kirschen
sie wollen die roten Früchte vom Baum sich holen
sie essen, wann ist es endlich so weit?
Wenn der Kirschbaum blüht im Garten, der
Winter längst vorbei
Doch müssen die Kinder noch warten
noch ist nicht Kirschenzeit
Autor: orangeblau
Der nicht geschriebene Brief
Der nicht geschriebene Brief
Ist der, der alles offen hält
Der nichts entscheidet
Ist der, der die Liebe nicht beschwört
Kein Liebesleid ankündigt
Er ist kein ach tausend Mal verzeih
Kein lass uns Freunde bleiben
Der nicht geschriebene Brief braucht keinen Briefkasten
Keine Freimarke, keine Anschrift, keinen Absender
Er wird geschrieben tausend Mal, verzeih, ich lieb dich,
Ich lieb dich nicht, du wartest auf den Brief und wartest
verzehrst dich fast nach ihm, die Liebe
Sollt er künden, doch tat er es nicht
so liegt der Kopf alleine und weinst so bitterlich
Doch wollt den Brief ich schreiben
die Wort, die fand ich nicht
Frau Störchin
Zum Frühstück kam vorbei Frau Störchin, landete flink auf der Wiese, neben dem kleinen Tümpel. Doch schon leer war er, die Fische längst verspeist. Leer der Schnabel blieb von Frau Störchin, flog von dannen, das Glück zu finden. Klapp, klapp, klapp, es war Frau Störchin. Machte gar nicht schnapp, schnapp, schnapp.
In seinem Kräutergarten
Als Wiglaf sich verirrte, in seinem Kräutergarten, der Petersil, der schwieg. Die Melisse doch, die glaubte, sie wisse den Weg, irrte; der Majoran, ungläubig wie er ist, nicht wusst dem Wiglaf zu helfen. Der Thymian nicht helfen wollt, als sucht den Weg aus dem Kräutergarten, das Basilikum eh nur fixiert auf die roten Tomaten, doch der Rosmarin, flexibel und bereit, wollt gleich lieben ihn, doch Wiglaf nicht mochte, ging vorbei. Die Pefferminze ihm schenkte einen Tee, der Kopf tat nicht mehr weh, den Weg nun aus dem Labyrinth fand der Droste.
Wiglaf Droste, Aus dem Kräutergarten
Pessach
Zu feiern den Auszug, die Juden, aus dem Land der Pharaonen, sie essen ungesäuertes Brot, in Eile gewesen sie. Als gingen fort aus Deutschland, die Juden, die Zeit blieb nicht dafür, kamen in der Nacht die Hächer, sie wurden gepackt in Wagons, die Schornsteige warteten schon. Wenn heute die Juden feiern ihr Fest, in Deutschland wieder gefüllt sind die Synagogen, so gleicht ein Wunder das Fest.
April
April, du bist, der Bauer kippt die Gülle übers Land, streut da und hier den Dünger, der Raps lächelt gelb übers Feld, Spargel wird gestochen, der Kirchbaum öffnet leis die Knospen, die Katzen laufen schnell, der Bulldog ackert schon, Kornblumen entfalten ihre grünen Blätter, Kälteschauern kommen, der Wind treibt dunkle Wolken über Haus und Scheun. Du läufst heim, den Ofen einzuschüren.
Barfuß sie springt
Der Regen kommt geschwinde, folgend der Hitze des Tags, Wolken eilen, verdecken der Sonn ihr Gewand, krachend hernieder donnert und blitzt, der Himmel offen, Badewannen regnet herab. Der Blütenpollen, gelb, süß, liegt auf der Straß, der Regenfluss wischt Öl, nimmt Blüten, weiß, Äste liegen quer und kreuz, Schuhe in der Hand rennt die Frau, nass das blonde Haar, barfuß sie springt in die Pfützen, lachend das Gesicht, vorbei die Schwüle des Tags, barfuß sie springt.
Auf der Suche nach Wörtern
Ring ab mir das Wort, suche, zwischen den Buchstaben klaffen so große Lücken. Die Wörter finden sich nicht, Buchstaben verlaufen, irren und wirren, umher springt das A, so groß, wer will schon dahin und kommt das O, der Dichter geht und windet sich, zu End es geht. Das O, es ist ein Omega, der Schluss, er ist gemacht.
Das liebste Gedicht
Das liebste Gedicht, das schönste? Hast du es gesehen? Wo ist es? Wer hat es geschrieben? Verborgen liegt am Meeresgrund, im Meer, im tiefen. Sterne verloschen, erzählen davon, im Schatten des Mondenscheins. Wo ist es hin, das schönste Gedicht? Verloren? Hilfst du mir suchen? Allein, ich find es nicht.
So leicht das Leben
Einfach so, an einem Sommertage, einfach so, der Himmel unverschämt blau, einfach so, eine wunderbare Laune der Natur, an einem Sommertage, liegt da auf der Wiese, liegt und lässt sich scheinen die Sonne ins Gesicht, gemildert nur der Schein durch seine Hand, still geworden, Ruhe eingekehrt, weder Schaf noch Ziege in der Näh, die Arbeit fern, Minutenglück als stände still sie, die Welt, die nackten Füße baumeln fast, so leicht das Leben, die Grillen singen ein Lied. Ziegenhirte, Schafhirte, einerlei. Vergessen die Welt, kein Sehnen und Suchen, da, einfach da.
Franz von Lenbach, Hirtenknabe