Jeder kriegt sein Fett weg. Jeder. Auch Beuys. Mit Ata. Das Scheuermittel für alle schwierigen Fälle. Jeder kriegt sein Fett. Weg damit. Mit Ata. Was Kunst ist, ist klar. Jeder ist ein Künstler. Und Kunst kommt von können. Jeder kriegt sein Fett weg. Jeder hat das Recht, jeder, sich in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern, jeder, sagt schon das Grundgesetz, sagt schon Art. 5 Abs. 3 GG. Jeder. Jeder ist ein Künstler. Sagt schon das Grundgesetz. Wussten das die Väter des Grundgesetzes? Das jeder ein Künstler ist? 1982 hat Beuys in einer Ecke seines Ateliers in der Düsseldorfer Kunstakademie Butter verschmiert, einfach so, 5 Kilo Butter. Ein riesiges Butterbrot. Nur ohne Brot. Ein fetter Haufen. Jeder ist ein Künstler. Fett ist Kunst, fette Kunst. 1986, Beuys war verstorben, entsorgte ein fleißiger Hausmeister endlich das Fett. Die alte Butter. Längst mehr als ranzig. Das alte Butterbrot ohne Brot. 9 Monate nach Beuys Tod. Aufgeräumt. Saubergemacht. Bestimmt mit Ata. Dem Wunderscheuermittel. Völlig zerstört, das fette Kunstwerk völlig zerstört. Die geretteten Reste des Kunstwerks, in einem profanem Mülleimer entsorgt gewesen, wurde später zu Schnaps destilliert. Ranziger Butterschnaps. Ein fettes Kunstwerk, ein fettes Ende. Teure Butter. Juristischer Streitwert für 5 Kilo Butter: 40.000 DM. Ein stolzer Preis. Ein fettes Kunstwerk.
Autor: orangeblau
Es war ein großes Tohuwabohu
Der Raum, das Zimmer, das Feld, die Früchte auf dem Tisch, das Meer. Vermessungen. Der Stuhl, das Bett, das Fenster, der Balkon. In rosa, in grün, in violett, in himmelblau, kobaltblau, pfefferminzgrün. Der Maler vermisst das Gelände. Die Berge, die Seen, die Blumen, die Bäume. Gebiete, Territorien, Fluchten, Linien, Perspektiven. Am Anfang das große Tohuwabohu, wüst und leer, das Chaos, das große Durcheinander. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Tohu wa vuhu. Wüstheit und Leere. Nichts. Sonst nichts. Keine Ordnung nirgends. Keine Ordnung. Die Kunst, ein Leben gegen die Wüstenei, ein Kampf gegen tohu, gegen vuhu. Es war ein großes Tohuwabohu. Der Maler wischt weg die Bilder der Geschichte und malt auf ihnen ein neues. Kämpft gegen das Tohuwabohu, zieht Linien, ordnet die Welt.
Auf der Suche nach der richtigen Farbe der Wörter
Lesend schreiben, schreibend lesen, in Büchern vertieft die Augenblicke, nicht aufhören könnend das Schreiben, Gedanken verloren in Bücherwelten, Bilderwelten, die Regale rauf und runter, Bücherrücken rücken, Museen ablaufend, Wand um Wand, Kataloge unterm Bett hervorziehend, zentnerschwere Lasten durchpflügen auf der Suche nach Halt, herausschneiden das richtige Wort, aus den Bildern, aus den Seiten, Buchstabe für Buchstabe, Sätze schießen durch den Kopf, Kalaschnikowsätze, Bärentötersätze, Pfeil- und Bogensätze. Auf der Suche nach der richtigen Farbe der Wörter, Blauwort, Orangewort, Lindgrünwort, Kaminrotwort.
Vom blauen Klavier
Schien dem Novalis die Blume blau, ach blau die Blume wie dem anderen nur das Meer, so hat die Else aus Wuppertal, Klavier, ein blaues Klavier. Doch fort war sie längst, doch fort von der Wupper, geflohen aus Deutschland in die Schweiz. Bevor sie ging, bevor, nach Israel ging, die deutsche Jüdin, sie liebte ihr blaues Klavier. Doch spielen, spielen konnt sie nicht, auf diesem geliebten Klavier. Gestorben längst, gestorben, der Blaue Reiter. Die Noten für das blaue Klavier, sie waren verloren, verloren, sie konnt nicht spielen das blaue Klavier, sie konnt nicht spielen und sehnt sich doch und sehnt sich, nach den Tönen. Die Zeiten, die Zeiten, die waren nicht so, längst tot der Blaue Reiter, die braunen Herren aufmarschiert, so tanzten die Ratten auf dem Klavier, nicht mehr die goldenen Sterne. Nur spielen wollt, nur spielen, die Else auf ihrem Klavier, doch durfte nicht, doch durfte nicht, auf ihrem Klavier.
Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier, 1937
Weltuntergangsstimmungs/poesie
Als zu Ende war das Jahrhundert, der kommende Krieg schon in der Luft lag, die Technik sich immer schneller entwickelte, die Flugzeuge fliegen lernten und die Autos das Fahren, dem Bürgertum der Hut vom Kopf folg, da schien zu Ende die Welt, zu Ende. Weltuntergangstimmungspoesie überall. Und Else geht die Liebe suchen, die Nähe, die Wärme, die Sehnsucht nach Küssen, als die Welt zu Ende ging, vor über 100 Jahr, sie sehnte sich, sie sehnte sich, nach Liebe hier und da. Der Blaue Reiter präsentierte erst später sein blaues Pferd, erst später.Doch Else sehnte sich, nach der Liebe sie sich sehnte.
Else Lasker-Schüler, Weltende, 1905
3 Stühle hat gehabt
3 Stühle hat, 3 Stühle, Matisse, als war in Collioure, sein Zimmer hatte 3. 1 Stuhl mehr als im gelben Haus van Gogh hat gehabt, ein Stuhl mehr. Klar, sieht jeder, er musste ja auch, er musste ja auch einen mehr haben, er hatte ja Besuch. Liegt doch die eine Frau wohlig müde, in seinem Bett, wohlig müde. Und draußen, geöffnet das Fenster zum Meer hin, auch das noch, steht auf dem Balkon, noch eine Frau. So scheint Matisse, den Sommer geliebt zu haben in Collioure, geliebt zu haben. Ein Farbenfest mit 3 Stühlen, ein Farbenfest. Das Licht des Südens, voller Farben, eine Ansammlung von Orangelilagrün. 3 Stühle hat gehabt, Matisse, als war in Collioure, 3 Stühle.
Arm wie eine Kirchenmaus fast
Arm wie eine Kirchenmaus fast, kam an, der Maler in Collioure. Immer wieder und wieder kam Matisse nach Collioure, zehn Sommer lang kam. Eingebettet zwischen den Wellen des Meeres und den Bergen voller Wein, eingebettet, lag der Ort vor ihm, rote Dächer überall, der Wind, die Wellen, das Meer. Und er malte diesen Urlaub, so rosarot der Ort, so türkisblau das Meer, als wär die Welt eine Zauberwelt, kitschig fast, so knall, als hätte die rosa Brille auf, so knallbonbonsrosarottürkisblau die Welt, so kitschig fast, so überirdisch, himmelschön verrückt. Arm wie eine Kirchenmaus fast, kam an, der Maler in Collioure. So reich an Farben reich beschenkt wurd er von diesem Ort.
Rezept gegen Liebesleid
Wenn verlassen dich die Frau, betrogen und verraten, hinter Licht geführt und was besseres gefunden, wenn verlassen hat die Frau, so weine nicht, so weine, such dir eine, such dir eine, eine andere und so war Heine ganz leicht und war schon auf und davon, geschnürt die Schuhe, den Rucksack geschultert, den Koffer gepackt und wanderte und wanderte und war schon in Bonn, Göttingen, Paris, auf und davon und wanderte und sah das Meer und sah den Berg und weint ein wenig und wanderte und ging im Harz und an die Nordsee, nach England und Italien, auf und davon, auf und davon, wenn verlassen hat die Frau ihn und suchte und fand und suchte und fand, die Liebe neu. Frei wie ein Vogel in den Lüften.
Heinrich Heine, Wandere!,
So treibt die Liebe
Liebt, liebt, liebt, ein junger Mann, ein junger Mann eine junge Frau, liebt, ach liebt, eine junge Frau, doch liebt die junge Frau, doch liebt die junge Frau, einen anderen Mann liebt die junge Frau. So nimmt ihrem Lauf, die Liebe, ihren Lauf. Der andere Mann liebt eine andere, eine andere Frau. Komme du noch mit? Und heiratet diese, diese andere Frau. Vor Wut, vor Zorn, vor Bitterkeit und Eifersucht heiratet, heiratet die junge Frau den nächsten, ersten, besten, gerade herumlaufenden und unverheirateten Mann. Der junge Mann nun, der junge Mann nun, arm dran ist nun der junge Mann, arm dran ist nun der arme Mann. Wie geht es weiter, wie geht es weiter. Heine erzählt es nicht. So treibt die Liebe ihr Spiel, das Herze bricht entzwei, das Herze bricht entzwei, dem junge Mann bricht. Und doch läuft sie weiter, die Liebe, läuft sie weiter und treibt ihr Spiel.
Robert Schumann Ein Jüngling liebt ein Mädchen
Heinrich Heine, Ein Jüngling liebt ein Mädchen, 1822
Ihren göttlichen Gesang
Die Musik, eine Frau und spielt, Gitarre spielt. Eine Frau, mit übergroßen Händen, spielt Gitarre, nicht Klavier. Auch Geige nicht, sie spielt, die Frau, mit ihren großen Händen, spielt Gitarre. Das Instrument so klein, so klein in ihren Händen. Zu klein geraten fast, in ihren übergroßen Händen, das Instrument. Als bräuchte diese Frau in Wirklichkeit ja keins. Als könnt sie, ganz auch ohne, die Töne klingen lassen ohne, ganz ohne die Gitarre. Entsprungen dem Olymp, als wäre sie Polyhymnia, die Muse des Gesangs, als könnt sie ohne Leier singen ihren göttlichen Gesang, als könnt sie ohne singen, singen ihren göttlichen Gesang.
Henri Matisse, La Musique, 1939