Als öffnete das Fenster, Matisse

Als öffnete, das Fenster, Matisse das Fenster öffnete, in seinem Zimmer, Urlaub machte, er, in Collioure Urlaub machte mit Derain, Urlaub machte und das Fenster öffnete, aufs Meer blickte, auf den Hafen, die Schiffe tanzten in frohen Farben, das Meer in rosa Farben leuchtete, die Schiffe in Orange und Blau, tanzten auf dem Meer, tanzten und Matisse das Meer sah, aus seinem rosarotem Fenster heraus, das Meer sah, die Luft salzig und frisch, die Fische schwammen munter, die Farben liebte, die Farben, da öffnete er das Fenster von seinem Zimmer und sah die Welt im zarten Rosa, die Wolken des Himmels nur waren fast grau.

Henri Matisse, Fenêtre ouverte à Collioure, 1905

Das Leben, ein Fest

Das Leben, ein Fest, eine Freude, immerdar, im Kreis, nackt, tanzend, ein Reigen gleich, auf der Wiese, eine Freude, ein Fest. Fünf Menschen, auf einem Hügel, lässt tanzen Matisse. Nackt ihre Körper nackt, vor dem weiten Horizont, bedrohlich fast, bedrohlich, der Himmel so dunkel. Die Wiese, ein Hügel, die Welt, eine Kugel. So tanzen sie, das Leben, ein Fest, eine Freude, so tanzen sie, unschuldig fast, als währen es Kinder, auf der Wiese, der Welt.

La Dance

Henry Matisse, La Dance, 1909/10

Das Zimmer im gelben Haus

Ein Bett, ein Waschtisch, zwei Stühle, mehr nicht, mehr brauchte nicht, van Gogh nicht. Einen Schrank vielleicht noch für dies und das. Ein paar Bilder an der Wand. Künstlerzimmer eben. Mehr braucht man nicht. Der Boden aus Holz, Dielen, grobes Pakett, kein Teppich nicht, kein Teppich, im gelben Haus in Arles, einfach das Zimmer und karg, als wärs eine Klosterzelle fast. In wunderbaren Farben, froh und warm. Zitronengelb, Mohnrot, Himmelblau, Orange.  Doch malte van Gogh das Zimmer schräg fast, schräg, als würde wanken der Boden, wanken, die Bilder schief, hängen schief an der Wand, als begänne der Wahnsinn zu kriechen, als begänne der Wahnsinn. So ist es nicht das Paradiese, das Zimmer im gelben Haus in Arles, kein Ort der Stille nicht. Wollt Ruhe ausdrücken der Maler, wollt Ruhe ausdrücken, doch Unruhe schlich sich ein, schlich.

Vincent van Gogh, Das Zimmer von van Gogh in Arles, 1889

van Goghs Schlafzimmer

Einen Hering im Schnabel

Als ausfuhr der Fischkutter, still war die See, die Wellen waren faul, nur leise plätscherten sie dahin, die Wellen, zart und leis. Die Mannschaft döste in der Sonne, döste, gelangweilt auch der Kapitän. Doch kommt der Dieb, doch kommt, herab vom Himmel kommt, eine Möwe keck und frech und schnappt sich, schnappt sich, vor den großen Augen des Kapitäns, einen Hering einfach, einen Hering, einfach aus der Tonne und fliegt davon, fliegt, mit flinkem Flügelschlage, auf und davon, den Hering im Schnabel.

Heinrich Heine, Meeresstille

Saßen unter der Linde

Auch die Droste saß schon unter einer Linde und lauschte, den Vögelein lauschte, ihrem feinen Zirpen, im Mai war es als saß, die Droste unter einem Lindenbaume, die Schmetterlinge kreisten, ums Haar ihr kreisten, sie saß versteckt im Strauche und blickte und lauschte, voller Neugierde auf die Welt und sah der Liebe zu und sah. Doch tandaradei, tandaradei, schon vorher der Walther unter einer Linde saß. Und sang die Nachtigall, tandaradei, schön sang sie, schön, auf Blumen und Wiesen, unter der Linde, gewesen derer zweier Bette und küssten sich und küssten, den Mund ganz rot. Verschwiegen, verschwiegen, die Nachtigall.

Annette von Droste-Hülshoff, Unter der Linde

Walther von der Vogelweide, Under der Linden

Über die Linde

Nein, nicht die Straße, nicht die Lindenstraße, über die Linde. Auch nicht Werbung machen, nein, keine Gase und so. Der Baum. Die Linde. Gibts die Lindenstraße noch? Interessiert das jemand? Über die Linde. Unter den Linden? Nein, keine Straßen, keine. Ich weiss, Unter den Linden ist nicht irgendeine Straße, klar. Für die Berliner zumindest, wir wollen auch nicht über die DDR schreiben. Aber ein schöner Straßenname, Unter den Linden, ein schöner Name. Viele Linden gibt es. Auch an Straßen, klar. Und Tee, Lindenblütentee, hilft bei Katarrhen, hilft, vielleicht auch bei Kopfweh, vielleicht. Schon Riemenschneider benutzte das Holz der Linde und schnitzte und schnitze. Wer träumt nicht gerne, wer träumt nicht, unter ihm, in seinem Schatten, süß, gar süß der Traum, prachtvoller Baum, Platz für viele Träume in einer lauen Sommernacht, wer hätte nicht gerne, wer hätte nicht, eine Bank unter so einem Baum, zu träumen in seinem Schatten, zu träumen.

Franz Schubert, Der Lindenbaum

Im Hafen, im

Vorbei die Stürme, vorbei, gelandet im glücklichen Hafen, in Hamburg, in Bremen, gelandet, geborgen, fern der Stürme, der Wellen, dem Meer, gelandet im glücklichen Hafen, gekommen von der Herren Meere, aus Amerika, aus Afrika, aus Indien, die Männer sind heimgekommen, heimgekommen von hoher See, aus aller fernen Länder und freuen und trinken und essen und lieben, im Hafen, fern der Stürme, fern der See und lauscht Heine ihren Geschichten, von fernen Ländern und Frauen und Liebe und Glück, im Hafen, im glücklichen Hafen, in Hamburg oder Bremen, lauscht Heine den Männern, die heimkommen, die heimkommen von Hoher See

 

Heinrich Heine, Im Hafen

Als Sturm aufkam, als Sturm

Als Sturm aufkam, als Sturm, die Nordsee überströmte, die Wellen sich auftürmten, die Wellen immer höher, die Schiffe sich abmühten, die Wellen rauf und runter, abmühten heim zu kommen, den Hafen zu erreichen, da hörte Heine zart, als wärs von Nah, als wärs von Fern, die Harfenlaute tönen, als Sturm aufkam, der Wind, der Wind pfiff laut und lauter, die Wellen prallen hart, doch Heine hört die Harfe, von Ferne kommen die Töne, getragen übers Meer und hört den wilden, süßen, den himmlischen Gesang der Schönen.

 

Heinrich Heine, Sturm

Brauchen, Friederike?

Brauchen? Brauchen? Wenig brauchst du, Friederike, wenig. Einen Baum. Ein Haus. Das ganze Haus? Für dich allein? Nein. Nur ein kleines Zimmer oben unterm Dach, eine Kammer, eine Kemenate, mit einem Bett und einen Tisch. Brauchen? Ein kleines Zimmer, um zu finden deine Worte, um zu finden deine Gedanken, um ab und an einen Purzelbaum zu schlagen, um zu träumen und zu schlafen. Ein Haus. Ein Baum. Einen Baum, um zu sehen, zu sehen, wie klein, wie groß du bist, wenn du ihn anschaust, den Baum, von unten nach oben und um zu wissen, wo der Himmel ist und die Träume, einen Baum brauchst du, zu wissen, wie klein ist dein Leben gemessen am Baum, gemessen. Brauchen? Brauchen, Friederike? Einen Baum, ein Haus, zu ruhen in seinem Schatten, zu sehen die Wörter beim Wachsen.

Friederike Mayröcker, was brauchst du

Herabstürzender Adler

Ein Greifvogel ist er, der Adler, er fliegt über See und Berg. Sein Blick ist berühmt. Des Adlers Augen ermöglichen das Sehen der Beute aus weiter Entfernung, das Sehen der Beute. Schon die Römischen Legionen wussten von seiner Kraft und schmückten sich, mit dem Adler schmückten sie sich. Als Wappentier hat er eine lange Geschicht. So stand er auch, als Reichsadler, für den Kaiser und seiner Macht, im Mittelalter, im Deutschen Reiche. Bei Hitler gekrönt fast, der Reichsadler mit dem Hakenkreuze, schnell entfernt nach dem Kriege an den Gebäuden, geblieben ist er doch den Deutschen, als Bundesadler gestutzt, gemalt doch von Baselitz, der Adler, immer wieder und auf den Kopf gestellt und landete so im Kanzleramt. Schröder ließ sich den Bundesadler verkehrt herum an die Wand hängen, kein Kaiser nicht und doch ein Adler. So hing der herabstürzende Adler, als schlaffer Adler an der Wand, nicht Reichsadler, nicht Bundesadler, verkehrt herum herabstürzend, des Sehens müde, des Fliegens müde, an der Wand der Macht, im Kanzleramt.

Herabstürzender Adler