Gruschenkas Familie lebte schon immer hier in Sibirien. Die Transsibirische Eisenbahn überspannte den Ob. Gruschenkas Großvater hatte am Bahnhof gearbeitet, als die neue Brücke und die Transsibirische kam.Weit vom Ural entfernt schon, ganz und gar nicht in Europa. Die Brücke über den Ob blieb nicht die einzigste. Die Romanows haben schon lange nicht mehr ihre Hand auf dem Land. Auch Gruschenkas Vater hatte am Bahnhof gearbeitet. Der Ort, an dem die Brücke stand, war ein größeres Dorf, Nowonikolajewsk, erst später wurde daraus Nowosibirsk, Immer schon teilte sich hier die Welt. Irgendwie war Nowosibirsk immer noch nach Westen schauend und doch auch schon längst Osten. Einmal ist ihr Großvater sogar die ganze Strecke gefahren. War eingeladen worden. Fuhr von Nowosibirsk nach Moskau. Und von dort bis zum Pafizik, bis nach Wladiwostok. Gut 9000 Kilometer Zugstrecke. Großvater hatte gern von der Fahrt erzählt. Auch ihr Vater war einmal die ganze Strecke gefahren. Gruschenka nie. Heute fuhren die meisten mit dem Auto oder LKW. Früher war mehr los gewesen am Bahnhof. Aus dem Dorf war aber längst eine große Stadt geworden. Viele hatten gute Geschäfte gemacht. Gruschenkas Familie hatte immer nur am Bahnhof gearbeitet. Gruschenka hatte dort nicht arbeiten wollen. Aber ihren Mann hatte sie dort kennengelernt. Heute wohnen über eine Millionen Menschen in Nowosibirsk. Gruschenka hatte früh mit der Geige angefangen. Heute spielt sie in der Oper. Sie hat ein gutes Taktgefühl. Muss wohl an den Zügen liegen. Ihr Mann war schnell wieder weggefahren aus Nowosibirsk. War ihm zu kalt gewesen. Kam aus Odessa.
Autor: orangeblau
Noch ist Weihnachtszeit: Die heiligen drei Könige sind noch unterwegs …

Frohes Neues Jahr euch allen!

Einen guten Rutsch #silvester2019

hinter warschau #2
hinter warschau das ende der
welt. leer werden die straßen.
see liegt an see. im winter gehen
die weißen farben ineinander über.
alleen führen durch die landschaft.
masuren vor den füßen. fischer werfen
ihre netze aus. reiher warten auf ihr essen.
preußen ist schon lange vorbei. russland
nah und weit. suleyken ist nirgends und
überall. wodka hilft dir gegen die beissende
kälte. die sonne verborgen im nebeldunst.
hirsche im unterholz auf der suche.
die jungen leute sind in die große stadt
gezogen, leben abstinent. das geschlachtete
schwein färbt den schnee rot. aufgefangen
das blut. festtag. hinter warschau
Osramsteg: Zwischen den Jahren

Leben ohne Kaffee?

Shanghai-Imbiss #2
Die Nächte waren kalt in Berlin zwischen den Jahren. Alex hatte mit Weihnachten nicht viel am Hut gehabt. Mochte seine Familie nicht besonders. Traf lieber Freunde. Die Nächte waren lang in Berlin. Silvester noch weit. Wenn er sich mit Freunden traf, ging er oft zum Chinesen. Der Shanghai-Imbiss war um die Ecke. Die Speisekarte hing in bunten Bildern draußen an der Wand. Meist nahm er was mit Huhn oder Ente. Die Kosten hielten sich in Grenzen. Das Essen schmeckte anders als daheim und satt wurde er auch. Danach war noch genug Geld übrig für das eine oder andere Bier. Manchmal kam zu dem anderen Bier noch ein weiteres dazu. Wenn es kalt war, auch einen Schnaps. Und es war kalt zwischen den Jahren. Da konnte es nicht schaden, wenn sich die Kosten für das Essen in Grenzen hielten. Schließlich hatte er ja auch Durst. Alex war nicht immer glücklich mit seinem Leben, aber wenn er den Durst stillen konnte, dachte er weniger darüber nach. Gute Vorsätze hatte er keine fürs Neue Jahr. Warum hätte er auch welche haben sollen. Beim Chinesen gab es immer Platz. Warm war es auch. Darauf kam es an zwischen den Jahren. Er brauchte Wärme.
Noch still die Zeit, noch still…

Hermannplatz #2
In Neukölln wollte nicht jeder wohnen. War für Schmidt in Ordnung. Kreuzberg hatte ihn nie gereizt. War nicht seine Welt. Er mochte das Rathaus mit seinem langen Turm. Auch den Hermannplatz. Nicht, dass da viel los gewesen wäre. Aber es war seine Heimat. War in Westberlin großgeworden. Hatte mit Ostberlin nichts am Hut gehabt. Damals nicht. Heute auch nicht. Der Karstadt am Hermannplatz war im 2. Weltkrieg beschossen worden. War damals ein imposantes Gebäude gewesen. Damals. Vor dem Krieg. Schon früher gab es die U-Bahn am Hermannplatz. Schmidt hatte schon immer im Karstadt gearbeitet. Keine große Nummer. Hatte nichts rechts gelernt. Hatte immer die Regale aufgefüllt. In der Früh. Am Abend. Auch am Samstag. Sein Geld war immer regelmässig gekommen. Hatte eine billige Wohnung. War zufrieden. Wenn er genug Geld hatte, ging er gern ins Tiefpunkt. Sportsbar. Fußball schauen. Bier trinken. Wetten. Wenn er kein Geld hatte, ging er auch hin. Anschreiben lassen. Manchmal gab es Ärger. Hier und da eine kleine Schlägerei. Schmidt hatte noch die meisten Zähne. Hielt sich meist raus aus dem Ärger. Nur wenn er großen Durst hatte, hatte er sich nicht mehr unter Kontrolle. Dann kam die Wut über ihm. Kroch aus ihm heraus. Wollte dann am liebsten alles kurz und klein schlagen. Der Wirt schmiss ihn dann meist raus. Das eine oder andere Glas ging dabei schon mal kaputt. Manchmal blutete er dann aus der Nase. Eigentlich hätte er gern eine Freundin gehabt. Aber meist hielt die Beziehung nicht lange. Der Karstadt war damals topmodern gewesen. Direkter U-Bahnanschluss. Heute war der Karstadt nichts besonderes mehr. Vom alten Glanz war nicht viel geblieben. Schmidt mochte ihn noch immer. War sein zuhause. Viel mehr hatte er nicht. In der Früh ging er immer hin. Regale auffüllen.